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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-17 · Heft 29 (17.6.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 29 (17.6.1903)
Date
1903-06-17
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 29. ßerliD, 17. Jnli 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. ' Diese Zeitung erscheint wöchentlich.; Abonnements Preis: Durch Buchhandel, : Post oder direkt von der Expedition in Berlin : unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 ITC. : Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D*' Ludwig PHMppsoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Zille Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/4.9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Zur rulülch-smenirsnilchen Verttimmung. Berlin, 15. Juli. enn wir auch weit entfernt sind, vorläufig ernstere Folgen von der jetzt nicht mehr wegzuleugnenden Verstimmung zwischen Rußland und den VereinigtenStaaten zu erwarten, ganz leicht zu »ehinen ist sie auch nicht, znmal wenn Rußland, durch das Wettkriechen so mancher europäischen Mächte verwöhnt, sortführt, die amerikanischen Remonstrationen wegen der Kischinewer Vorgänge von oben herab zu behandeln. Die usstsche Regierung will diese Vorgänge als eine innere russische Angelegenheit behandelt wissen und stellt sich so an, als glaubte ie, daß. was iu Kischinew geschehen, nicht schlimmer sei, als vas in den Vereinigten Staaten von den Lynchern verübt werde. Da ist aber unseres Erachtens die russische Regierung doppelt im Irrtum. Jeder Gebildete verurteilt auch ans das schärfste die Akte der amerikanischen Lhnchjustiz. Aber tute 'erdammenswert diese auch sein mögen, so dürfen wir doch licht vergessen, daß es sich da stets um Akte einer zwar rohen, inter allen Umständen zu beseitigenden Volksjustiz, aber immer doch einer geivissen Justiz handelt. Gelyncht wird der zum Tode bereits von Rechtswegen verurteilte, manchmal auch der nif frischer Tat ertappte Verbrecher. Dem Volke scheint das gefällte Todesurteil nicht rasch genug oder im Verhältnis;u dem verübten Verbrechen zu milde vollstreckt zu werden, oder es fürchtet gar, der Verbrecher werde, waS in Amerika and auch in attderen Ländern schon öfter passiert ist, der Betrafung noch ganz entrinnen, und übernintmt die Vollstreckung elbst. Das soll nicht sein, das darf nicht sein, aber man hat?s in allen Fällen der Lynchjustiz eher mit einem gewissen ohen Rechtsgefühl, toeit eher mit einem Exzeß als mit einem Range! an Rechtsgefühl zu tun. Wir wiederholen nochmals, olche eigenmächtige Volksjustiz sollte nicht Vorkommen. Aber die amerikanischen Lyncher, die aus übertriebenen! Gerechtigkeitsgefühl oder vom Verlangen geleitet, von ähnichen Verbrechen abzuschrecken, bereits verurteilte oder auf rischer Tat ertappte, im allerschlimmsten Falle vermeintliche Verbrecher kurzer Hand aus der Welt schaffen, mit den Räubern, Mördern, Frauenschändern von Kischinew und ihren amtlichen Gönnern zu vergleichen, das ist die Naivetät oder Kühnheit ,u weit getrieben. Die Kischinewer Opfer waren ruhige, harmlose Bürger, Trauen, Kinder. Das wird mau niemals vott den Opfern des Hichters Lynch sagen können, es sei denn, daß er sich einmal geirrt und — was ja auch bei der geordneten Justiz vorkommt - einen „Justizmord" verübt hat. Und noch niemals hat Jemand behauptet, daß die Lyncher sich an ihren Opfern bereichert haben, daß sie Kinder zerstückelt oder an Frauen »nd Mädchen ihre viehischen Gelüste gewaltsam befriedigt, ehe sie ihnen den Tod gaben. Das alles aber ist in Kischinew und zwar in großem Maßstabe geschehen. -Ebenso wenig wie die Kischinewer Gräuel mit der Lynchjustiz zu vergleichen, sind sie auch nur eine innere Angelegenheit Rußlands, znmal wenn Herr von Plehwe mit ihrer Hilfe die Juden, wie er nach dem Zeugnis mehrerer selbst gesagt haben soll, eventuell zur Auswanderung zwingen will. Je lebhafter der internationale Verkehr, je enger so zu saget! die Welt wird, desto weniger können selbst größere Reiche souverän nur nach ihrem eigenen Ermessen selbst daheim, ohne Rücksicht ans Nachbarländer, ja selbst auf entfernte Länder handeln. Wenn beispielstveise ein enropüisches Land den Gesetzen der Hygiene zuwider und gegen die sichergestellten Ergebnisse der Wissenschaft sich zu einein Pestherd machen würde, dann würden andere Nationen dagegen remonstrieren und. falls dies nicht hilft, in der einen oder anderen Weise dagegen einschreiten. Selbst Transvaal und China, die den Kulturländern doch sicher nicht gerade im Wege liegen, mußten daran glauben, als sie ihre inneren Angelegetiheiten ganz nach eigenem Ermessen regeln wollten. Und hat ja Rußland selbst, wie wir in unserer letzten Nummer gesehen, mit Unrecht sich in die innerett Angelegenheiten Serbiens gemischt, indem es die Bestrafung der Königsinörder verlangte, obwohl die Vertretung des Landes ihnen die Tat verziehen hatte. Die Kischinewer Judenmassakres sind schon deshalb nicht blos eine innere Angelegenheit Rußlands, iveil durch sie die Juden noch mehr, tvie schon jetzt infolge der Gesetzgebung Rußlands der Fall ist, zur Auswanderung getrieben und dadurch andere Länder, ganz besonders die Vereinigten Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden. Rußland kann nicht verlangen, daß zivilisierte Länder grausame Einwandernngsverbote erlassen und ihnt zu Liebe auf ein niedriges Kulturniveau hinabsteigen. Die verarmten, auSgeplünderten Answanderer aber aufnehmen, bedeutet eine große Belästigung der von ihnen ausgesuchten Länder, selbst wenn diese noch so viel Sympathie für die Verfolgten haben. Die Vereinigten Staaten haben sonach sehr triftigen und berechtigten Grund, beim Zaren wegen der Kischinewer Vorfälle vorstellig zu iverden. Beiläuftg wäre es nur Rußlands eigenstes Interesse, wenn es gezwungen oder aus besserer Einsicht den Juden gegenüber sich menschlicher zeigte. Die angebliche große Beteiligung der Juden an der revolutionären Bewegung ist doch nur eine Folge ihrer Ausnahmebehandlung. Zur Verzweiflung getrieben, müßte sich die Jugend erst recht der Revolution in die Arme werfen und deren vertvegenste und aus zahlreichen Gründen gefährlichste Teilnehnter und Vollstrecker werden, da sie ja, toenn Herr v. Plehwe seine neulich in unserem Blatte erwähnten Drohungen ausführt, alles zu gewinnen und nichts zu verlieren hätte.

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