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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 gesehenen zweiten Hälfte bilben. Das loyale Entgegenkommen in der Platzfrage und dann die Einladung zur Einweihung. die auch an das israelitische Kirchen-Vorstandsamt als Vertreter der Gemeinde erging, zeigen von selten wohlwollender und vorurteilsfreier Gesinnung seitens der Vertreter der hiesigen Stadt. Gesterreich-Angarn. m Wien, 31. Mai. Das Gesetz über die Sonntagsruhe . wird jetzt im Reichsrat erledigt. In der Generaldebatte wies der Abgeordnete Breiter bezüglich der Petitionen der jüdischen Gewerbetreibenden aus Galizien daraus Hin, daß für diesen Teil der Bevölkerung mehr als ein Drittel des Jahres in Wegfall kommt, da außer an den Sabbatheu und jüdischen Feiertagen die Geschäfte mich an Sonntagen und gebotenen christlichen Feiertagen geschlossen bleibM sollen. Es wäre unmoralisch und unchristlich, sagte er, wenn däs Staatsgrundgesetz, das allen Nationen und Konfessionen Gleichberechtigung gewährt, durch das Sonntagsruhegesetz umgangen würde. Der Redner beantragte die Rückverweisung des Gesetzes an den Ausschuß mit dem Aufträge zur Revision auf Grundlage eines internationalen Ruhetages. Es ist natürlich, daß die Christlich-Sozialen, die doch sonst immer hervorheben, daß sie nicht die Religion der Juden bekämpfen, dagegen sprachen, und der Abgeordnete Axmann die vom Abgeordneten Breiter empfohlene Rücksichtnahme auf die galizischen Juden für durchaus nicht akzeptabel erklärte, da auch in Galizien die Juden nur 10 bis 12 Prozent der Bevölkerung bilden, Oesterreich im ganzen aber ein christlicher und vorwiegend katholischer Staat sei, und wenn ein allgemeiner Ruhetag aus religiösen Gründen eingeführt würde, dann habe der Sonntag gewiß die Priorität. Würde man den Juden gestatten, am Samstag die Geschäfte zu schließen, dafür aber am Sonntag offen zu halten, so hätten sie gerade den großen Vorteil, weil am Sonntag infolge der allgemeinen Ruhe am meisten gekauft wird. Welchen Ausgang die Debatte über diesen Punkt haben wird, ist noch nicht abzusehen. — In Lemberg verbot die dortige Behörde neuerlich eine Zionistenversammlung, die die Judenmassakres von Kischinew aus die Tagesordnung gesetzt hatte. — Die von der „Israelitischen Allianz" veranstaltete Sammlung zu Gunsten der Notleidenden in Kischinew haben bis heute 80000 Kronen ergeben. Seitens des Vorstandes der Kultusgemeinde sind 10000 Kronen aus Gemeindemitteln bewilligt worden. — Die hiesige Akademie der Wissenschaften hielt ihre Festsitzung ab, in der der Orientalist Hofrat Karabaczek über die Ergebnisse der zweiten Reise des Prof. Musil berichtete, der unter anderem feststellte, daß der gegenwärtige Berg Sinai nicht identisch sei mit dem biblischen Berg Sinai, sondern daß dieser sich südöstlich von Elakaba befinde, wohin auch die Stationen der im Exodus angegebenen Route führen. Weitere Resultate seiner Reise bestehen in der Auffindung von Ueberresten altisraelitischer Kulturstätten, von 20 hebräischen Inschriften sowie in ethnographischen Aufzeichnungen über den Ursprung und die Entwicklung der einzelnen Judenstämme. — Selbst in beit offiziösen Berichten über die letzte Festsitzung der Akademie heißt es: „Dr. Moritz Steinschneider, Professor der semitischen Philologie an der Universität in Berlin" — während der berühmte Bibliograph bekanntlich nie an der dortigen Universität gelehrt hat. — Aus Karlsbad wird im Interesse der jüdischen Badegäste berichtet, daß die Inhaber nachstehender Hotels, Häuser und Cafvs in der antisemitischen Bewegung hervorgetreten sind: Hotel Morgenstern, National, de Russie, Nesidenzhotel; die Häuser Grillparzer (Alte Wiese). Römischer Feldherr (Neue Wiese), Oelzweig (Marienbaderstr.), Jtalia, Florenz, Germania (Schloßberg), Stadt Warschau, Insel Malta, Rostensrock (Kaiserstraße), Brandenburger Thor (Kreuzstr.), Preußische Krone, Eperia, Duriuant, Englische Krone (Egerstraße) und Schubert (Parkstraße); die Cafos Sanssouci und Schweizerhof. Holland. R. H. Brüssel, 29. Mai. Die Exzesse in Kischinelv fanden auch hier den Widerhall der Entrüstung, welche die ganze civilisierte Welt erfüllt. Am letzten Mittwoch hatte die Gesellschaft „Des Droits äs I'tiommes" (der Menschenrechte) ein großes Meeting einberufen, um gegen diese Untaten zu protestieren. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht und waren zu seiten des Präsidenten der Staats- Minister Lejeune, die Kammerabgeordneten Vandervelde, Furnemont und Demblon, die Professoren Leo Errera. Lucien Anspach rc. Nach einer kurzen Eröffnungsrede des Präsidenten ergriff Professor Errera das Wort und schilderte in erschütternder Weise die traurigen Begebenheiten von Kischinew. Die Versammlung gab wiederholt ihrem lebhaften Unwillen Ausdruck über diese unmenschlichen Taten. Professor Errera schilderte in eingehender und sachkundiger Weise den rechtlosen Zustand der Juden in Rußland, welcher zu dieser Katastrophe führen mußte. Hierauf ergriff der Kammerabgeordnete Vandervelde das Wort unb geißelte scharf die „antisemitische Pest", welche diese Grausamkeiten hervorgerufen hat. Die Regierung trägt jedoch die Hauptschuld, in deren Plan es liegt, das jüdische gegen das christliche Proletariat anszuspielen, um sich gegenseitig vernichten zu lassen; es wäre dieses der Zweck, das Proletariat von seiner so traurigen Lage abzulenken. Kammerabgeordneter Demblon sprach sich scharf gegen den Antisemitismus aus und zeigte an Beispielen, wie viel die Civilisation dem Judentum zu verdanken habe, welche so bedeutende Männer in Wissenschaft und Kunst u. a. m. hervorgebracht hat. — Nach Schluß der Reden wurde eine Tagesordnung einstimmig angenommen, welche den Abscheu und Protest der gesitteten Welt gegen die in Kischinew verübten Gräueltaten ausspricht. Von Ash und Fern. Ueber die mutige Tat eines Berliner Arztes macht Polizeipräsident v. Borries folgendes bekannt: „Der Spezialarzt für Chirurgie Herr Dr. Hermann Frank, Hierselbst Keithstr. 4 wohnhaft, hat am 7. Januar d. I. den am 10. Juni 1893 in Berlin geborenen Knaben Rudolf Widmaier, welcher beim Betreten des Eises des Thiergartengeivässers in der Nähe der Löwenbrücke eingebrochen war, vom Tode des Ertrinkens gerettet. Diese von Mut und Entschlossenheit zeugende That bringe ich hierdurch belobigend zur öffentlichen Kenntniß." — Am 27. v. M. ist hier der Kaufmann Moritz Gabriel Le vH gestorben. Derselbe war länger als zehn Jahre Vorsteher der Kaiserstraßen-Synagoge und vieler wohltätiger Vereine. Ehre seinem Andenken. — Ein neuer Konitz-Prozeß ist in Sicht, und zwar gegen den Rechercheur G. George, den früheren Redakteur der „Morgenpost" G. Meyer und den Buchdrucker G.K ö n i g wegen Beleidigung des Lehrers Weiche! in Könitz in einer Broschüre: „Enthüllungen zur Bluttat von Könitz". — Im Alter von 65 Jahren ist der Stadtrat Abraham in Grünberg eines plötzlichen Todes gestorben. Derselbe war Vorsitzender der Armeudeputation. der Waisenhaus- und Hospitalverwaltung. — Der Komponist Louis Friedenthal in Görlitz ist, 81 Jahre alt, gestorben. Friedenthal war ein Schüler von Hauptmann (in Leipzig) und Jadassohn. Seine zahlreichen Kompositionen zeichnen sich durch schlichte Anmut und Reichtum an Melodie aus. — Der antisemitische Verein in Oelsnitz hat sich, nachdem die Mitgliederzahl auf drei zusammengeschrumpfk war. ausgelöst. Auch in Sachsen, ehemals die Hochburg des Antisemitismus, beginnt es zu tagen. — Vor der Kölner Strafkammer hatte sich ein in den Akten als „Missionar", vom Staatsanwalt als internationaler Schwindler bezeichneter Stephanus Tisch mann aus Pilica (Russisch-Polen) wegen Betrugs zu verantworten. Er betrog Geistliche jüdischer und christlicher Konfession, welch letzteren er vorschwindelte, Christ werden zu wollen. Einem Missionspfarrer machte er seine Aufwartung als Rabbiner, wobei er den Wunsch aussprach, zum Christentum überzutreten. In Aschaffenburg und Göttingen besuchte er ebenfalls Geistliche christlicher Konfession; in allen Fällen schwindelte er ihnen Geld ab. Einen israelitischen Kaufmann betrog er um 400 Mark. Er wurde zu 15 Monaten Gefängnis und Ehrverlust von drei Jahren verurteilt. — Herrn M. Levy in Stadtoldendorf, Mitglied des dortigen Magistrats, wurde das Ritterkreuz II. Klasse vom Orden Heinrichs des Löwen verliehen. — In St. Gallen wurde Dr. Carl Reichenbach einstimmig zum Präsidenten des St. Galler Schulrats gewählt. — Die Untersuchung über die Echtheit der Tiara des Saitaphernes ist nahezu beendet und hat ergeben, daß der russische Graveur Rouchomowski der Verfertiger der Tiara ist. Rouchomowski kehrt in kurzem wieder nach Rußland zurück. Die Gesellschaft französischer Künstler hat ihm die Medaille III. Klasse verliehen. — Zu Gunsten der Opfer der Judeumassacres von Kischinew fand kürzlich in dem chinesischen Theatergebäude von New York eine von Newyorker Chinesen veranstaltete Theatervorstellung statt, welche einen solchen Zulauf hatte, daß, um dem enormen Andrange zu genügen, die Vorstellung dreimal wiederholt werden mußte.

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