Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Pflegerinnen ins Leben riefen. Dieser Verein stellte sich zur Ausgabe, jüdische Frauen und Mädchen zu Krankenpflegerinnen ausbilden ul lassen und dieselben der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. In der entgegenkommendsten Weise übernahm der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin die theoretische und praktische Ausbildung der Schülerinnen, und schon im Jahre 1900 konnte eine erste Schwester in (ürnberg ihre Tätigkeit für den Verein beginnen. Langsam nur nächst die Zahl der Schwestern, aber schon haben sie festen Fuß -efaßt und genießen als pflichttreue, berufstüchtige und selbstlose Krankenpflegerinnen Achtung und Vertrauen von seiten der ganzen Beölkerung und auch rückhaltlose Anerkennung seitens der Aerzte und der Schwestern anderer Ordensgesellschaften. Im Jahre 1902 hatten die üdischen Krankenpflegerinnen in Nürnberg in 37 verschiedenen Häusern 2 Tagespflegen, 146 Nachtwachen und 335 Tag und Nacht—das heißt wllpslegen übernommen, eine achtunggebietende Leistung, wenn man gedenkt, daß sich in diese umfassende Tätigkeit nur drei Schwester!: u teilen hatten, die noch dazu neben der eigentlichen Krankenflege auch durch Rekonvaleszenten und Armenpflege vielfach in Anuruch genommen waren. Leider konnte nicht allen Wünschen um eberlassung von Schwestern nachgekommen werden, und wenn auch i der nächsten Zeit die Zahl unserer Schwestern, denen ein eigenes, xsundes und behagliches Heim für ihre Ruhe und Erholungsstunden nr Verfügung steht, infolge des außerordentlichen Entgegenkommens es Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin verdoppelt wird, ie Zahl ist immernoch zu klein, um allen Anforderungen zu genügen. Kochten sich deshalb immer mehr Frauen und Mädchen finden, ie ihre Kräfte Ln den Dienst der Armen und Kranken zu stellen ereit sind, damit die hohe und schöne Aufgabe, die sich der Nürnerger Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gestellt hat, erfüllt oerden kann. v. Aus dem Elsatz, 8. Mai. Im L and es au ss chuß für lsaß-Lothringen wurde am 28. v. M. über das Gesuch des ymnasialoberlehrers Dr. Heinrich Lewy zu Mülhausen betreffend die bänderung der Kultusverfassung der Israeliten verhandelt. Dem esuch stand ein anderes mit 2456 in 103 Gemeinden gesammelten nterschriften gegenüber, in dem um Beibehaltung der jetzt bestehenden erfassung petitioniert wurde. Bei der Kommissionsberatung hatte r Vertreter der Regierung mitgeteilt, daß die Regierung angesichts r ablehnenden Stellungnahme der drei Bezirkskonsistorien und mit ücksicht auf das Gegengesuch den Augenblick noch nicht gekommen achte, um eine Abänderung der israelitischen Kultusversasjung in die ^ege zu leiten, daß sie sich aber die Wiederaufnahme der Angelegenheit orbehalte, sobald sich die Ansichten hierüber in der israelitischen Beölkeruug geklärt haben werden. Die Kommission beschloß nunmehr, em Landesausschuß vorzuschlagen, über beide Petitionen zur Tagesdnung überzugehen, und dieser Beschluß wurde auch nach kurzer ebatte, bei welcher der einzige jüdische Abgeordnete, Mannheimer. Mitglied des oberelsässtschen Konsistoriums, natürlich für Beibehaltung er jetzigen Verfassung eintrat, angenommen — und somit bleibt alles eim alten. — Angesichts der Tatsache, daß die beiden einander beimpf enden Gesuche vielfach die gleichen Unterschriften aufweisen, wird s Herr Dr. Lewy wohl nicht allzusehr bedauern, wenn die Gemeinden ie gewünschte Selbständigkeit noch nicht erhalten haben, und die drigen Uebelstände, die er beklagt, sind zum großen Teil leicht zu eseitigen, wenn nur die Wähler in allen Bezirken die rechten täuner in die Konsistorien schicken möchten. Dazu müßte allerdings ne Bestimmung der Ordonnanz von 1844, gegen die auch der Ab- - ordnete Dr. Höffel zu Felde zog, aufgehoben werden, nach der von n sechs gewählten Mitgliedern eines jeden Konsistoriums vier aus ' m Bezirkshauptort sein müssen, und dies wird wohl in nicht allzurner Zeit auch ohne Massenpetition geschehen. Oesterreich - Ungarn. Wien, 11. Mai. Der erschütternde Wehruf. der vom Osten r mit grausamer Anklage die Welt durchzittert, hat auch hier ein chmerzliches Echo wachgerufen; wird er auch zum Mahnruf werden ür unsere Glaubensgenossen, daß sie endlich einsehen lernen, wie verwerflich sie handeln, wenn sie ihr mühsam erarbeitetes Geld antinnitischen Blutsaugern in den Rachen Wersen? Gerade jetzt eilen unsere jüdischen Familien wieder scharenweise in die Sommerfrischen der Umgebung, um in total antisemitisch verseuchten Orten ihr Geld auszustreuen. — Jüngst fand beim Erzherzog ein Gelehrtendiner statt, dem auch der bekannte Orientalist Hofrat Dr. David Heinrick Müller beigezogen wurde. — Der Kaiser hat dem Handelskammerrat Wilhelm Pollak das Ritterkreuz des Franz Josefordens, dem Großindustriellen und Generalrate der Oesterreichisch-ungarischen Bank, Bergrate Max Ritter von Gut mann in Wien das Komturkreuz des Franz Josesordens und dem Hofrat Professor Dr. I. Neu manu in Wien das Komturkreuz des Franz Josefordens verliehen. Dieser Gelehrte ist an der Entwicklung der wissenschaftlichen Dermatologie seit Hebras Zeit beteiligt und hat während seiner langen und fruchtbaren Tätigkeit als Kliniker eine sehr große Anzahl tüchtiger Fachmänner ausgebildet. Große Verdienste hat sich Hofrat Neumann als Sanitätsreferent für Bosnien und die Herzegowina um die rasche Einrichtung der modernen hygienischen Postulats, wie der Impfung, der Schaffung neuer Spitäler, erworben. Don Nah und Fern. — Dr. A. Berliner. Dozent am hiesigen Rabbinerseminar, ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. — Oberbibliothekar Professor Dr. Moritz Perlbach von der Universitätsbibliothek in Halle ist an die Königliche Bibliothek als Abteilungsdirektor berufen worden. — Zu Geheimen Sanitätsrüten sind ernannt worden: Dr. Louis Hosfrnann, Dr. Oskar Nothmann; zu Sanitätsräten sind ernannt worden: Dr. Heinrich Heymann, Dr. Lesser Hirschberg. Dr. Michael Lasker, Dr. Alexander Oppenheim, Dr. Louis Streisand. — In Brandenburg a. H. feierte Geh. Kommerzienrat Louis Gumpel am 4. d. M. seine» 80. Geburtstag. Derselbe ist Alterspräsident der Stadtverordneten- und Vorsitzender der Nepräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde seit einem halben Jahrhundert. In einer kostbar ausgestatteten Adresse überreichten die Vertreter der Stadt dem Jubilar die Urkunde seiner Ernennung zun: Ehrenbürger. — Der Verlagsbuchhändler Salo Schottlünder in Breslau hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Die Handelskammer zu Karlsruhe hat sich bereit erklärt, die Eingabe des „Zentralverbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu unterstützen, welche eine gleichmäßige Behandlung sämtlicher deutschen Reisenden in Rußland anstrebt. — In Marseille erscheint eine neue jüdischfranzösische Zeitschrift „1^6 tlambenu ü'lZl'aüI" zweimal monatlich, die die jüdischen Interessen in Südsrankreich. Algier und Tunis vertreten soll. — Ueber die Juden in London macht Rev. Isidore Harris in der Zeitschrift „World's Work" interessante Mitteilungen. Die israelitische Bevölkerung der englischen Hauptstadt zählt insgesamt 105 000 Individuen, von denen 70 000 der armen Klasse angehören und von denen 10 000 von der Wohltätigkeit der Gemeinden leben. Die Synagogenvereinigung bringt jährlich eine Summe von 2 400 000 Mark auf, um bedürftige Glaubensgenossen zu unterstützen. Jeder Arme erhält jährlich durchschnittlich 40 Mark. — Der Lord- Mayor, Sir Marcus Samuel, gab im Mansion-House ein Bankett zu Gunsten des jüdischen Hospitals und Waisenhauses, dem die hervorragendstell englischen Juden mit dem Chies-Rabbi. Dr. Adler-, beiwohnten, die Kollekte ergab die Summe von über 15 000 Lstr. — Gras Tolstoi spendete für die armen Juden in Kischinew 15 000 Rubel. — Die russisch-jüdische Wochenschrift „Woschod" in Petersburg ist in der vorigen Woche nicht erschienen — und zwar wegen.der Judenkrawalle in Kischinew. Obwohl das Blatt keine Präventiv- Censur hat, wurde ihm das Erscheinen unmöglich geinacht, weil die betreffende Nummer nur Berichte über jene Vorgänge enthielt. — Der Gouverneur von Tomsk hat Verfügungen getroffen, welche die Handelsfreiheit der Juden im Gouvernement noch mehr beengen. Den in Sibirien lebenden Juden gestatten die neuen Verfügungen den Handel nur in der Ortschaft ihrer Zuständigkeit; in den anderen Ortschaften müssen sie zuerst die Zustimmung der Polizei dazu erlangen. Die nach Sibirien nicht zuständigen Juden aber müssen zuerst das Wohnrecht in dem Orte erwerben, wo sie Handel betreiben wollen. — Auf Wunsch des Grobrabbiners von Konstantinopel verbot der türkische Zensor die Aufführung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" daselbst. — Zum erstenmal seit der Zerstörung des Tempels haben sich Juden in Nazareth niedergelassen. — Am 3. d. M. sind 250 Juden aus Arzila in Tanger angekommen. Sie zahlten an den Führer der Beni Aros, Naisuli, 10 000 Franks unter der Bedingung, daß er Arzila nicht angreife. Arzila soll von Munition und Lebensmitteln vollständig entblößt sein.