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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Das im großen Stil in der Bellevues ratze erbaute Haus, welches schon in weiter Ferne durch seine impos mten Dimensionen ersichtlich wird, war mit Fahnen in österreichischen Farben geschmückt. In dem großen Festsaal, der auch als Speisesaal dient, hatten sich die Behörden und Vertreter der Stadt eingefundend ach Absingung des Chores „Die Ehre Gottes" von Beethoven durch dm Tempelchor wurde die Feier durch eine Ansprache des Architekten 2 aurals Stiaßny eröffnet, der nach einem kurzen Abriß der BausiLschichte dem Stadtrat und Bürgermeister für die werktätige Unterstützung des Baues dankte und seinen Mitarbeitern herzlichsten Dank stgte. Mit dem Wunsche, daß das Haus durch eine lange Reihe von wahren seinem gemeinnützigen Zweck entsprechen möge, schloß Baurat 5 tiaßny unter lebhaftem Beifall seine Rede. Kultusvorstand Moser gab nunmehr eine detaillierte Geschichte der Gründung des Instituts, dankte den Wohltätern und dem um das Zustandekommen des L aues ganz besonders verdienten Rabbiner Dr. Ziegler, ferner dem Architekten Baurat Stiaßny für das gelungene Werk, das eine ierde der Stadt bilde, und schloß mit einem dreifachen Hoch auf d ir Kaiser, Ln das die Anwesenden begeistert einstimmten. Hierauf l elt Rabbiner Dr. Ziegler eine glänzende Rede, in der er aussührte, daß die Nächstenliebe das sichtbarste Zeichen der Religiosität sei und r m der jüdischen Religion nicht als Gnade, sondern als Pflicht ang sehen werde. Besonders sei es die Pflicht dieses Kurortes, welcher d r Vorsehung allein seinen Segen verdankt, in der Nächstenliebe sich z.r betätigen. Daß die Knltusgemeinde dieser Pflicht genügen konnte, dankt sie den Wohltätern, die große Opfer für die Errichtung des Dauses gebracht haben. Dr. Ziegler sprach zum Schlüsse ein Gebet j-r den Kaiser, für die Wohltäter, für den Erbauer des Hauses und s-r dieses selbst. Nunmehr hielt Primarius Dr. Rosenfeld eine programmatische Rede über seine künftige ärztliche Tätigkeit als Chefcrzt, worauf die Versammelten das ebenso praktisch erbaute als sorgfältig eingerichtete Hospiz in allen seinen Teilen besichtigten. — Infolge Ablebens des bisherigen Präsidenten Moritz Karpeles fanden in der cm 23. d. M. stattgefundenen Kuratoriums-Sitzung der israelitisch--! leologischen Lehranstalt folgende Ergänzungswahlen statt. Es; nrden sür die restliche Funktionsdauer bis Ende 1905 einstimmig u'wählt: Herr Moritz Edler von Kuffner zum Präsidenten, Herr heodor Ritter von Tau big zum I. Vicepräsidenten, Herr Dr. Adolf r lein zum Kontrolleur. Herr Emil Karpeles zum Mitgliede des ' uratoriums und zum Kassierer. — Der Jahresbericht der israelitischen dandeskanzlei in Budapest liefert traurig-interessante Daten über en Uebertritt der Juden zum Katholizismus. Von 1896 bis Ende M haben 1639 Juden den Glauben ihrer Väter verlassen. Die Zahl er Renegaten nimmt von Jahr zu Jahr zu. 1896 betrug dieselbe los 97. im Jahre 1901 bereits 463, also fast das Fünffache. — Die Verordnung, daß jüdische Tabaktrafikanten in Ungarn am Sabbat hre Läden öffnen müssen, wurde insolge der energischen Intervention er orthodoxen israelitischen Landeskanzlei zurückgezogen. Den idischen Trafikanten wurden die infolge Schließung ihrer Geschäfts-- kale am Sabbat entzogenen Lizenzen wieder zurückgegeben. — In lhnow wurden als Anstifter der antisemitischen Exzesse der Agent er ruthenischen Assekurranzgesellschaft „Dniester" Onyskiewiez, Lemeinderat Magura. Amtsdiener Maruszkiewicz und der Gemeindeolizist Skrypczak verhaftet! Frankreich. --- Paris, 1. Mai. Am 29. v. M. fand im Saale der Zivil- Zngenieure die Gen eralve rsammlung der Alliance Israölite tatt, zu welcher Mitglieder des Zentralkomitees aus Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark sich eingefunden hatten. Unter anderen Lasten war auch Anatole Leroy-Beaulieu erschienen. Der Präsident carcisse Leven gab einen Bericht über die Lage der Juden seit Begründung der Allianz. Es seien zwei Perioden deutlich erkennbar, ie eine bis zum Berliner Vertrag von 1878, in welcher die Ideen ^er französischen Revolution in Europa mehr und mehr zur Anerkennung gelangt sind; die zweite, in welcher nationaler und konfessioneller Hatz um sich griff, unter welchem die Juden zu leiden hatten. Er besprach die Ausnahmegesetze gegen die Juden in Rußland und Rumänien, die Entstehung des Antifemitisnrus in Deutschland und seine Verbreitung nach Rußland, Oesterreich und schließlich Frankreich, wo er in die Drehfus-Affäre auslief. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts scheine wieder eine Wendung zum Besseren einzutreten, wofür namentlich das Zirkular des Staatssekretär Hay ein erfreuliches Zeichen sei. Der Generalsekretär erstattete sodann Bericht über die Wirksamkeit der Allianz seit 1895. Sie habe jetzt 30000 Schüler in den Elementarschulen und 1000 Zöglinge in Werkstätten, 250 in Ackerbauschulen, 120 Mädchen und junge Leute, welche für das Lehramt ausgebildet werden, endlich ein Rabbinerseminar in Konstantinopel sür den Orient und Nordafrika. Er betonte mit besonderem Nachdruck, daß die Allianz es als ihre hauptsächliche Aufgabe betrachte, für die religiöse Erziehung zu sorgen, es sei deshalb erforderlich geworden, an Orten, an welchen es an guten (nicht jüdischen) Schulen nicht fehle, Schulen oder Religionskurse einzurichten. Dies fei namentlich in Aegypten und Algier der Fall gewesen. — Ein Brief des Direktors der Schule in Fez (eines türkischen Juden), der sich geweigert hat, einer alle Europäern zugegangenen Aufforderung der europäischen Konsuln zum Verlassen der Stadt zu folgen und erklärt hat, seine Glaubensgenossen in der Stunde der Gefahr nicht verlasseil zu wollen, gab ihm Gelegenheit der aufopfernden Tätigkeit des Lehrpersonals der Allianz die Anerkennung der Allianz auszusprechen. Sodann erstattete der Kassierer Bericht über Einnahmen und Ausgaben. Er beklagte, daß die Zahl der Mitglieder einen erheblichen Rückgang, namentlich auch in Paris ausweise, und daß es erforderlich sei, die Propaganda, die in den letzten Jahren vollständig vernachlässigt worden sei, wieder aufzunehmen. Der Oberrabbiner von Frankreich, Herr Zadoc Kahn, dankte den von auswärts erschienenen Mitgliedern sür das bewiesene Interesse; das Erscheinen der ausländischen Mitglieder sei ein Beweis, daß die Allianz ihrem Programm, keiner einzelnen Nation anzugehören, sondern universell zu sein, treu geblieben ist. Zum Schluß gaben von den auswärtigen Mitgliedern des Zentralkomitees in deutscher Sprache die Herren Dr. Heinrich Meyer Cohn-Berlin, Professor Simonsen-Kopenhageu und Rabbiner Dr. Salvendi-Dürkheim ihren Wünschen für die weitere Entwickelung der Allianz Ausdruck, für welche öffentliche Versammlungen, wie die Generalversammlung und eine energische Propaganda erforderlich seien. Wie uns telegraphisch mitgeteilt wird, hat die Alliance für Kischinew vorläufig 10 000 Francs bewilligt und einen Aufruf erlassen. Italien. 3. Rom, 3. Mat. In der jüngsten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bringen Sie eine Nachricht von hier, nach welcher der ehemalige italienische Minister Luzzatti auf dem historischen Kongreß eine Rede gegen Delitzsch gehalten hätte. Der richtige Sachverhalt ist folgender: Der internationale historische Kongreß tagte hier vom 1. bis 10. April d. I. im Collegio Romano. Der Kongreß hatte eine besondere Sektion für Geschichte der Philosophie und Geschichte der Religion. Präsident dieser Sektion war Professor Stein-Bern, Ehrenpräsident Professor Harnack aus Berlin, der in dieser Sektion jenen vielbesprochenen Vortrag über die Entstehung des neuen Testamentes gehalten, der ganz Nom in Spannung hielt. Diesen Anlaß benutzte Luzatti als Präsident der ^ssoelarions äolla 8tsmpa (römischer Preßverein), das Thema: Bibel, Babel, Bebel zu öffentlicher Diskussion zu stellen, um die Creme der römischen Gesellschaft zu diesem Redetournier einzuladen. Etwa 500 Personen der ersten Kreise Roms füllten den glänzend ausgestatteten Empfangssaal der Stampa. Als Redner waren in Aussicht genommell: Luzzatti zur Einführung, Professor Minochi aus Florenz, katholischer Priester, über Babel, Professor Harnack über Bibel, Professor Chiapelli aus Neapel über Bebel (d. h. die soziale Frage und die Bibel). Im letzten Augenblick war Harnack verhindert, sodaß Professor Dr. Ludwig Stein als Präsident der betreffenden Sektion, auf Bitten Luzzattis, an Stelle Harnacks das Referat übernahm. Luzzatti hielt die einführende Rede aus welcher Sie den betreffenden Passus richtig eitiert haben. Professor Minochi nahm die Bibel gegen Delitzsch in Schutz. Chiapelli trat sehrwarm für die Originalität der sozialen Ideen des Judentums ein; sowohl der Florentiner Priester - Professor, als auch der Neapolitaner Sozialphilosoph — nebenbei bemerkt: der erste Fachmann in Italien — sprachen mit hinreißender Wärme. Luzzattis Einführung war ein Riänseü Hasedsm im vollen Sinne des Wortes! Eine Offenheit, Zuversichtlichkeit, Bekennerfreudigkeit, wie sie nur in Italien von einem gewesenen Minister, der in aller Munde, Vorkommen mag. Zuletz

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