Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 gelehrten archäologischen Arbeiten und seine geistreichen Borträge bekannt und zählte zahlreiche Verehrer, die ihm ein treues Andenken bewahren. Schweiz. o. Zürich, 24. April. In unsrer Nachbarstadt Baden (Kanton Aargaul macht ein beachtenswertes Ereignis viel von sich reden. Rabbiner Dr. Ehrmann hat sein Amt nach sechzehnjähriger Wirksamkeit niedergelegt. Dr. Ehrmann war der Vertreter der extremsten Orthodoxie in unserem Lande und es muß zugegeben werde!,, daß er als solcher eine namentlich in den ersten zehn Jahren seiner Wirksamkeit energische und erfolgreiche Tätigkeit entwickelt hat; war seine Anhängerschaft auch nur auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt, so galt er doch innerhalb desselben als unbedingte Autorität. Sein Rabbinat umschloß die Gemeinden Baden, Endingen, Leugnau, Bremgarten. Rapperswyl, Winterthur und Luzern. In den letzten Jahren verringerte sich indes sein Einfluß; der Kreis seiner Anhänger wurde geringer und die Gemeinden fielen nach und nach ab; kürzlich erst die Gemeinde Luzern, so daß-außer Baden ihm nur noch Endingen bis zuletzt treu blieb. NußlanL. I.. .4. I. Odessa, im April. Man berichtet uns aus Petersburg, daß die in den Sphären der Advokaten sehr interessierende Frage über Ausnahme von Juden als Rechtsanwälte sich jetzt in einem Stadium der baldigen Entscheidung befindet. Nach den letzten Mitteilungen erwartet man in Bälde die Bestätigung des Justizministers für die dem Ministerium vorgestellten sechs Anwälte, der Gehilfen im Bezirk des Petersburger Gerichtshofes. Davon sind drei vom Petersburger Barean vorgestellt, nämlich Bomse, Wolfs (Petersburg) und Kazenelson (Pskow), und Winawer. Gurewitsch und Goldstein vom Oberpräsidenten des Petersburger Gerichtshofes präsentiert. Aus Kischinew Goldenstein und aus Cherson Newelstein. Die Entscheidung wird erst in diesem Monat erfolgen, weil das Justizministerium noch nicht alle Auskünfte von den betreffenden Gerichtshöfen erhalten hat. Amerika. K. Newyork, 17. April. Gestern ist hier nach langen Leiden der in weiten Kreisen bekannte Rev. Dr. Gustav Gott heil im 76. Lebensjahre verschieden. Geboren 1827 zu Pinne (Posen), von frommen Eltern stammend, besuchte Gottheit die Berliner Universität und die Vorlesungen im Bet Hamidrasch während der Jahre 1848—1853. Von 1855 -1858 war er zweiter Prediger an der Berliner Reformgemeinde. Dann übersiedelte er nach England, wo er von 1860—1873 Rabbiner der Resormgemeinde in Manchester war. 1873 kam er nach Amerika, wo er bis zu seinem Tode in der größten Gemeinde Newhorks — Emanuel - die Rabbinerstelle bekleidete. Er war der älteste Rabbiner Newyorks und auch am längsten im Amte. Sein Sohn ist der bekannte Professor Dr. Richard Gottheil vom hiesigen Columbia-College. Der Verstorbene war ein hervorragender Kanzelredner und erfreute sich innerhalb der amerikanischen Judenheit großen Ansehens. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. --- Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Senator leitender Arzt am Charitee-Krankenhause, ist zum Ehrenmitglied der Petersburger Medizinischen Gesellschaft ernannt worden. — Die Staatsanwaltschaft hat die gegen die Freisprechung des Redakteurs Böckler von der „Staatsbürger-Zeitung" im Prozeß wegen Beschimpfung der jüdischen Religion eingelegte Revision zurückgezogen. — „Zum Vorsitzenden der Strafkammer in Kreuzburg ist endlich ein Christ, Landgerichtsdirektor Dr. Jüngling aus Oppeln ernannt worden," so berichten antisemitische Blätter. War denn der frühere Direktor ein Jude? —In Anwesenheit des Erbprinzen von Sachsen-Meiningen und des Oberpräsidenten Fürsten von Hatzseldt fand am 27/d. M. die feierliche Eröffnung des neuerbauten jüdischen Krankenhauses inBreslau statt. — Die Handelskammern von Chemnitz und Darmsladt haben beschlossen, die Reichsregierung zu ersuchen, auf eine gleichmäßige Behandlung aller deutschen Kaufleute in Rußland hinzuwirken. — Die jüngst stattgehabte Generalversammlung des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde Köln wählte in den Vorstand die Herren Alb. Bier, Emil Blumenau Rechtsanwalt Dr. Max Callmann, Jacob Gottschalk, Haupt lehrer a. D. A b r. Herrmanns, Hermann Herz, Ed. Jöh linger, Jac. Levh jr., Dr. S. Simchowitz. — Herrn Dr. Adol? Brüll in Frankfurt a. M. wurde anläßlich seines Ausscheidens aus dem Lehramte der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen. - In Karlsruhe wurde als zweiter Rabbiner Dr. I. Bergmann, bisher in Fried eck (Oesterr.-Schl.) gewählt. — Der außerordentlich« Professor der Mathematik an der Universität in Zürich, Dr. Arthn, Hirsch', ist zum ordentlichen Professor daselbst ernannt worden. — Der Rat am Appellationsgericht in Paris, CH. Berr, ist zun Kammerpräsidenten am selben Gericht ernannt worden. Berr ist auch Mitglied des Zentralkomitees^der Alliance. Er ist der zweite Jude, der diese angesehene Stellung in Frankreich bekleidet. — Wie die„^relnv68 i'8rrwlit68" berichten, soll demnächst in der Pariser Oper ein Mnsikdrama ausgesührt werden, das den Titel „Der Sohn des Sternes" führt. Es ist die von Catuille Mendes dramatisierte Geschichte Bar-Kochbas, um die es sich handelt. Die Musik schrieb Camille Erlanger. — Am 7. d. M. bei dem historischen Kongreß in Rom sprach der gewesene italienische Finanzminister L. Luzzatti und sagte unter anderem: „Ungeachtet aller Anstürme präsentiert auch heute noch die Bibel das lebendige Wort Gottes. Sie wird auch dem Ansturm des Herrn Delitzsch widerstehen. Der deutschen Wissenschaft wird es durchaus nicht gelingen, sie zu Tode zu kritisieren. Selbst der bekannte Brief des Kaisers Wilhelm II. an den Admiral von Hollmann wird an der Frage über die Bedeutung der Bibel nichts ändern." — Das statistische Amt hat soeben die Ergebnisse der russischen Volkszählung vom Jahre 1897 veröffentlicht. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß die Einwohnerzahl der Juden im Jahre 1897 sich auf 5189 401 Seelen belief, bei einer Gesamtbevölkerung von 125 668190 Seelen. — Der Senat hat erklärt, daß die jüdischen Bet häuser von den Staatssteuern befreit sind: ausgenommen ist das Eigentum von Privatleuten. — Im Jahre 1902 hat die Kongregation von St. Wladimir zu Kiew 78 Juden zu der orthodoxen Religion bekehrt. Fast alle Abgefallenen gehören der intellektuellen Klasse an und haben ihren Glauben nur abgeschworen, um freien Zutritt zu den gewünschten Karrieren zu haben. — Sechs jüdische Ingenieure sind vom Finanzminister zu Betriebsbeamten der Eisenbahnen in Sibirien ernannt worden. — In der Ortschaft Tumanow (Kreis Tiraspol) hat eine Judenhetze stattgefunden, doch ist die Ruhe wieder hergestellt. Dem Blatte „Jug" zufolge ist die Hetze durch die Gerüchte über einen Nitualmord in Dubossari veranlaßt. Eine zweimalige Sektion der Leiche ergab indes die völlige Unrichtigkeit der Blätter- , Meldung, daß ein Ritualmord vorliege. — DieStadtJekaterin oslav besitzt 24 jüdische Volksschulen, eine Sabbatschule für Erwachsene und 68 Chedarim; außer 32 Staatsschulen, in welchen zahlreiche jüdische Schüler unterrichtet werden. — Nach einer Meldung des „Jug" ist vor einigen Tagen der Vater des berühmten russischen Schriftstellers I. N. Potapenko. der Dorfgeistliche Nikolaus Potapenko gestorben. Die Memoiren, die er hinterlassen hat, entdecken unerwartete Dinge. Er war nämlich ein Jude, der unter Nikolaus!, zum Soldatendienste, der damals 25 Jahre dauerte, als Knabe genommen wurde (ein „Kantonist"). 1833 trat er zum Christentum über. — Nach der „Novoje-Wremja" hat die Gemeindeverwaltung von Riga sich gegen die Einverleibung dieser Stadt in das Territorium ausgesprochen. — Ma xi mGorkijs Piöee „Der Jude" ist beendigt und wird in der nächste!' Saison auf der Bühne des kleinen Theaters in Moskau aufgeführt werden. — Der zum Kiewer Gemeinderabbiner gewählte Ingenieur S. I. Lurje ist in Mohilew a. d. Dnjeper geboren, beendigte das Institut der Ingenieure der Wegekommunikation in Petersburg, die juridische Fakultät der Petersburger Universität und hörte außerdem Vorlesungen über Philosophie in Berlin. Herr Lurje beschäftigte sich viel mit hebräischerLiteratur, war Mitarbeiter im „Journal desKriminal- und Zivilrechts", der „Nowosth" und in vielen hebräischen und russischjüdischen Zeitungen. — Im Judenviertel von Tlemcen fand ein« Prügelei zwischen Turkos und Juden statt, wobei 45 der letzteren vei> letzt wurden. Der Kriegsminister ordnete eine Untersuchung an und befahl, daß die Turkos und die übrigen Mannschaften die Kaserne bis auf weiteres nicht verlassen dürfen. — Der Kabylenstamm der Zemmur ist neuerdings in Mequinez eingefallen, und hat das dortige Judenviertel geplündert._ s Druck und Verlag von Rudolf Masse Ln Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MarBauchwitzin Berlin.