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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-01 · Heft 18 (1.5.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 18 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. Ur. 18. me Berlin, 1. Mar 1903 eitung des Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS-PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.S M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner L* Ludwig PHUippson-Sonn Verlags-Expedition: Lerlin, Lervsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin 8^.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moste, Berlin.! Inlsllll. Leitartikel: Die Alliance Israelile Universelle. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Die Juden in Italien. — Aus den Niederlanden. — Prof. Delitzsch' zweiter Vortrau über „Babel und Bibel". Besprochen von Rabbiner Dr. B. Jacob in Gvttingen. II. — Feuilleton: Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Bon 6 arola B u chh e im. V. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Bütow i P.. Breslau, Leipzig, Eisenach, Koburg, Hamburg, Frankfurt a. M., Wiesbaden. Tübingen, Wien, Zürich, Odessa, Newyork. — Bon Nah und Fern. Die Alliance Israelite Universelle. Berlin, 29. April. findet in Paris nach langer Zeit »nieder einmal eine Generalversammlnng der ^Ilianev Im-anlite Uiiiverselltz statt. Wir srenen nns herzlich, daß die Alliance wieder »nie ehedem das allgemeine Interesse der Juden aller Länder aufruft, und »vir zweifeln nicht einen Augenblick daran, daß dieser Aufruf Widerhall finden wird in den Herzen aller Glaubensgenossen, »nie er es immer gefunden hat, so oft die Führer des Vereins sich an das gesamte Israel gewendet haben. Es ist töricht, noch immer von einem Gegensatz der Alliance zum Hitssverein deutscher?mden zu sprechen. Der Hilfsverein ist aus der Alliance bervorgegangen und soll ihr zur Seite stehen. Eine Konkurrenz wird und darf niemals eintreten, auch soll der Hilfsverein keineswegs eine nationale Institution sein, die etwa die Alliance zu ersetzen berufen ist. Schon um ihrer historischen Bedeutung und ihrer bisherigen Tätigkeit willen steht die Alliance unter allen anderen irdischen Vereinen der Gegenwart an erster Stelle. Als sie »> Jahre 1860 begründet wurde, konnte niemand ahnen, zu welcher Bedeutung sich dieses Institut entwickeln sollte. Die Worte, die damals ausgesprochen wurden, gelten auch heute wch. Es heißt in dem Programm von 1860: „In deir freien -'ändern haben die Juden keine Geschichte für sich; sie leben, wn der Glaubensverschiedenheit abgesehen, das gemeinsame /eben, sie verschmelzen ihre Tatkraft mit der ihrer Mitbürger und haben keine andere Sorge als die Wohlfahrt ihres tandes, mit welcher ihr eigenes Geschick nnanflöslich verknüpft st. Aber in den »venig zivilisierten Ländern, in denen sie ich gerade in großer Zahl befinden, dort entrollt sich die wirkliche Geschichte der Juden. Und was für eine Geschichte. . . un gewissen europäischen Ländern sehen »vir mittelalterliche Verfolgungen wieder unter denselben Vorwände», mit demselben Charakter, mit denselben Exzessen . . . Die Verfolgung ist zu einer gesetzgeberischen Kunst geworden; Länder, welche sie nicht offen ausznüben »vagen, haben juridische Formen gefunden, unter welchen sie dieselben zu verhüllen suchen. Für die Inden in den freien Ländern blieb für nns nicht mehr viel zn tun, aber da, wo die Juden noch bedrängt und verfolgt werden, mußte geholfen werden. Und woinit? Mit brüderlichem Beistand, mit Schulen und Gewerbe. Die Völker von der Unduldsamkeit und dem Fanatismus zu heilen, die Ideen und Sitten zivilisierter Länder bei ihnen znm Durchbruch zn bringen. Bildung zu verbreiten, der Arbeit und dem produktiven Schaffen verlorene Kräfte wieder znznführen — gereicht es nicht auch diesen Völkern zum Heile?" So lautete die »vettere Ausführung des ursprünglichen Programms, und wer kann es in Abrede stellen, daß jedes einzelne Wor: auch heute noch, ja gerade heute noch völlig zutrifft. Schon damals wurde ausdrücklich betont, daß die Alliance dem Politischen, sozialen und nationalen Parteikampf fernstehen und auch fernbleibe,> solle. Ihre Arbeit lag ans einem höheren Gebiete, auf dem sich alle Völker, Parteien und Richtungen begegnen können, auf dem Gebiete der Nächstenliebe und Menschlichkeit. Jeder objektive Beurteiler, der die Alliance und ihre Tätigkeit kennt, wird heute zugestehen »nässen, daß sie innerhalb eines Zeitraums von mehr als 40 Jahren unermüdlich und mit einer geradezu bewundernswerten Energie gekämpft hat. Ja, die Bewunderung für dieses Werk steigert sich noch, wenn inan bedenkt, daß die Alliance eigentlich nur im ersten Jahrzehnt ihres Bestandes eine ruhige Wirksamkeit entfalten konnte. Seit 1870 bildeten sich Schwierigkeiten heraus, die ihre Wirksamkeit vielfach hemmten, und seit 1880 ist die Alliance die beständige Zielscheibe des internationalen Antisemitismys. Wie viele Lügen, Schmähungen und Verleumdungen sind innerhalb der letzten 20 Jahre wohl gegen die Alliance in deutschen, österreichischen, französischen und russischen Blättern aufgetaucht! Und »vie viele tauchen noch heute ans, obwohl jede einzelne bei ihrem ersten Erscheinen aktenmäßig widerlegt »vorder» ist. Der antisemitische Katechismus enthält in deir ersten elf Auflagen einen angeblichen Aufruf der Alliance, in dem ihr erster unsterblicher Führer Adolf Cremienx die Zuversicht ausdrückte, daß „der Tag nicht fern sei, wo die Reichtümer der Erde ausschließlich den Juden gehören werden." Dieser Aufruf ist zwar aus dem antisemitischen Katechismus entfernt worden, nachdem der Nachweis geführt worden, daß er erdichtet und erlogen, und daß' Cremieux nicht einmal au der Gründung der Alliance beteiligt gewesen sei — aber er kehrt nichtsdestoweniger bei passender Gelegenheit auch heute noch in antisemitischen Blättern wieder.

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