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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 verständlich, daß von den vielen Männern und Frauen aus allen Gejellschastsschichten, die in Meran und Umgebung zur Erholung weilten, eine große Anzahl durch ihre Beteiligung an der Feier ihre Verehrung für das Wirken des Heimgegangenen kund geben wollten, und in tiefster Ergriffenheit wohnten sie der erhebenden Leichenfeier bei. Auf den besonderen Wunsch der Hinterbliebenen sowie im Aufträge des Deutschen Rabbinerverbandes war Rabbiner Dr. Werner aus München gekommen, um am Sarge des Verklärten die Gedenkrede zu halten. Dr. Werner führte etwa folgendes aus: Um den Verlust zu schildern, den die Gesamtheit durch das Hinscheiden eines Lazarus erleidet, müßte man dessen gottbegnadete Beredsamkeit selbst besitzen. Aber die Stunde der Bestattung eines solchen Mannes darf nicht nur der Klage um das. was wir verloren, geweiht sein, sondern auch dem erhebenden Bewußtsein dessen, was unverlierbar ist. Der Redner schilderte nun in scharfen Umrissen die geniale Persönlichkeit des Verklärten, in der hervorragende Eigenschaften, die sonst selbst bei ausgezeichneten Persönlichkeiten nur vereinzelt vorhanden sind, sich harmonisch vereinten. Die Gnade, die Gott ihm erwiesen, und das Verdienst, das er sich errang, verklärten harmonisch sein Leben. Gnade ward ihm zuteil in dem Vorbilde, das er in seinem Elternhause geschaut, in den bewundernswürdigen Gaben, mit denen er gesegnet war, in den seltenen Menschen, mit denen sein Lebensweg verknüpft blieb: Erscheinungen wie sein unvergeßlicher Bruder, der Seminardirektor Dr. Lazarus, sein Schwager, der unsterbliche Steinthal, seine erste und zweite Gattin. Er erhob die Gnade zum Verdienst durch seine unermüdliche Arbeit, durch die Ueberwindung aller Schwierigkeiten, durch die Treue gegen seine Ideale. Er war Denker und zugleich Künstler. Der Redner ging auf die Bedeutung von Lazarus Schaffen, seine Verdienste um die Völkerpsychologie, um die Wissenschaft des Judentums ein und wies darauf hin, wie seine Schriften kunstvollendete Meisterwerke sind, und wie dieselbe Kunst auch jedem Worte, das er sprach, wie seinem ganzen» Wesen entströmte. Er war ein Jude mit ganzem Herzen und ein Deutscher mit ganzer Seele. Das Judentum war für ihn die Quelle seiner sittlichen und geistigen Fähigkeiten und begleitete ihn. bewußt oder unbewußt, in seinen Bestrebungen. Zuletzt widmete er all seine Fähigkeiten dieser seiner Jugendliebe; sein „Jeremias" und seine „Ethik des Judentums" legen Zeugnis davon ab. Auch wer in einzelnen religiösen Fragen anders als er denkt, wird nicht aufhören, ihn dafür zu verehren, daß ihn stets die Liebe zum Judentum geleitet. Als Deutscher war er der lebendige Kommentar zu seinen Anschauungen über Rationalität, und sein Leben der beste Beweis, wie Jude sein und Deutscher sein sich harmonisch vereinigen läßt. — Er war der Mann der enthusiastischen Begeisterung und der besonnenen Tat. Begeistern konnte er sich für alles Ideale, wo und in welcher Gestalt es sich auch regte. Aber er verzehrte sich nicht als Schwärmer in Ideen; dem Gedanken folgte das Wort, dem Worte das Werk. Die Verdienste, die er sich um die verschiedensten Institutionen des Judentums erworben hat, sind Taten, die segensreich weiter wirken. Zuletzt wurde daraus hingewiesen, wie auch die Tage seines Alters jedem, der in seine Nähe trat, den harmonischen Ausgleich zwischen Alter und Jugend zeigten. An Jahren war er ein Greis geworden durch die Gnade Gottes, durch die hingebende Fürsorge seiner hervorragenden, unermüdlich für ihn sorgenden treuen und edlen Gattin; die gereiste Abklärung des genialen Greises vereinte sich bei ihm mit der ewigen Jugendkrast der Seele, die den Körper bezwang. Alt an Jahren, jung an geistiger Frische, so ward er von uns genommen. Die Empfindungen, die die Anwesenden an einer solchen Bahre beherrschten, hätten kaum beredteren Ausdruck finden können, als durch diese Rede des berühmten Predigers. Man merkte es der Trauerversammlung an, daß seine Worte auf sie ihren tiefen Eindruck nicht verfehlt. Voll tiefster Ergriffenheit begleitete die Versammlung nunmehr unter * Psalmengesang den Sarg von der Halle zu dem Ehrengrabe, und dort ergriff der zuständige Landesrabbiner, Dr. Tänzer aus Hohenems, das Wort. Es feierte Lazarus als die Leuchte des Judentums, er wies auf seine Verdienste hin, die er sich um die Gesamtheit erworben und anknüpfend an sein Werk „Treu und frei" schilderte er ihn als den Mann, der treu seinem Stamm und Glauben und frei in seinem Denken gewesen ist. Er war ein Vorbild der edelsten, geläuterten Religiösität, deren Frucht abgeklärte Lebensweisheit und wahre Seelenruhe gewesen. Der Redner dankte dem Todten im Namen seiner Schüler, zu denen auch er gehöre, im Namen so vieler anderer die Gutes und Edles von ihm empfangen, im Namen'des Kuratoriums der Königswarter Stiftung, die seine irdischen Ueberreste treu behüten werde. Mit dem Hinweis, daß das Grab, das einen solchen Mann ausnimmt, zu „einem heiligen Boden" werde, schloß der Redner sein? von innerster Bewegung zeugenden Worte, die den Weg zu den Herzen der Anwesenden fanden. So endete die erhebende Todtenfeier für Moritz Lazarus. Die gesamte Trauerversammlung verlies; die Stätte, die die irdischen Ueberreste des großen Mannes birgt, in tiefster Rührung. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. — In dem Justizrat August Munckel. dem scharfsinnigen Juristen, dem berühmten Verteidiger, dem freisinnigen Parlamentarier, welcher am 10. d. M. im 66. Lebensjahre verschieden ist, hat de. „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" einen seiner Mitbegründer und eifrigen Anhänger verloren, dessen Andenken in Ehren fortleben wird. — Am 17. d. M. ist in Westend der Rechtsanwalt Arthur Hamburger nach längerem Leiden im 41. Lebensjahre gestorben. - Nach der neuesten Statistik sind etwas über neun Zehntel der in Deutschland geschlossenen Ehen ungemischte Ehen. Bei 277 480 Ehen waren die Eheleute evangelisch, bei 145 141 katholisch, bei 3878 jüdisch. Mischehen wurden 41401 eingegangen, davon waren 39 115 zwischen Evangelischen und Katholiken, 480 zwischen Evangelischen und Juden. 143 zwischen Katholiken und Juden. — Rektor und Hauptlehrer P. Kuntz in Schwerin a. W., der beinahe 40 Jahre im Amte und sehr beliebt war, der auch das dortige jüdische Waisenhaus (Jean Bendersches) geleitet, hat am 1. April aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt und ist nach Berlin übergesiedelt. Kuntz war schriftstellerisch, namentlich aus pädagogischem Gebiete, außerordentlich tätig. Die Abschiedsfeier war eine erhebende und zeugte von de Liebe und Achtung, die Herr Kuntz in allen Kreisen der Bevölkerung genoß. — Dr. B. Freudenthal ist zum Professor für Strafrecht an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften in Frankfurt a. M. ernannt worden. — Im Alter von 80 Jahren ist in Pari? der jüdische Marine-Ingenieur Charles Netter, Ritter der Ehrenlegion, gestorben. — Das russische Unterrichtsministerium hat der „Petersburger. Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland" gestattet, eine Filiale auch in Kiew eröffnen zu dürfen. Nunmehr besitzt die Petersburger Gesellschaft Filialen in Odessa, Riga und Kiew. — Der Ge meinderat von Warschau zog unlängst die Frage der Aus nähme von kranken Juden in die städtischen Spitäler von Warschcn in Beratung. Wie der „Warschawskij Dnewnik" meldet, beschloß der Gemeinderat, kranke Juden nur dann aufzunehmen, wenn sie im Be sitze einer Legitimation sind, welche bestätigt, daß der Betreffende im jüdischen Spital keine Aufnahme gesunden hat. — Die Blutlüge spukt auch in diesem Jahre wieder in zwei Orten Rußlands, inPanamun bei Kovno und in Wileyka bei Wilna. Der Ausgang der Blutfabel in Dubossari am Dnjester ist bekannt. Dort haben Antisemiten einen Knaben ermordet und zu ihrer Deckung das Märchen verbreitet, da: ein Ritualmord vorliege. Aus Weisung des russischen Justizminister' begab sich der Staatsanwalt Sacharowitsch nach Dubossari. Er stell: fest, daß alle Angaben der Antisemiten erlogen waren. Die antsemitischen Mörder aber hat man noch nicht ergriffen. Es verlaut^ aber, daß die Behörde die Leiter des „Bessarabetz" wegen Verbreitung falscher und beunruhigender Gerüchte unter Anklage zu stellen b schlossen hätte. — Der Gemeinderat von Petro Ws k hat die Ausfolgung von Handels- und Gewerbescheinen an die Juden dieser Stadt eingestellt, weil die Behörde des Daghestan-Gebietes in Erfüllung de Entscheidung des Senates die Ausweisung sämtlicher in Petrowsk wohnenden Juden angeordnet hat. Den zur Ausweisung Bestimmten, wurde eine dreimonatliche Frist zur Liquidierung der Geschäfte gewährt. — Dr. Jakob Holländer, Professor der Nationalökonomie an der John Hopkins-Universität in Baltimore, ist zum Mitglied der Kommission ernannt, die die finanziellen Beziehungen zwischen Mexiko, Japan und China ordnen soll. — Der Sohn des ersten Präsidenten von Cuba hat sich jüngst mit einem dortigen jüdischen Mädchen verheiratet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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