Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 17. Allgemeine Berlin, 24. April 1903 eitung -es Au-enthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! AbonnementS-PreiS: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3M.! Redaeterrr: Gustav Karpeles.! Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-CrpeLition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion undI Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Moffe, Berlin.! AlllsalÜ. Leitartikel; Moritz Lazarus. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich. — Prof. Delitzsch' zweiter Vortrag über „Babel und Bibel". Beorochen von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. — Die Zensur. Eine Studie zu der Thealerwirkung. Von 2l. Halberthal - Berlin. — Feuilleton: Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von Earola Bu chheim. IV.— Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Geweindebote. — Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin, Könitz, Saalfeld, Ostpr., Posen. Magdeburg, Aschersleben, Essen a. d. Ruhr, Köln, Ems, Wien, Meran. — Bon Nah und Fern. Moritz Lazarus. Berlin, 22. April. ls Rabbi Abbahu starb, vergossen die Säulen Cäsaräas Tränen, beim Tode des Rabbi Assi entwurzelte der Sturm mächtige Bäume, als Rabbi Jose verschied, hat der Marmor zu Sephoris Blut geweint. So berichten unsere Alten. Ist es uns nicht, da wir unter dem Eindruck ser jüngsten Trauerbotschaft stehen, als ob die Klage um die srei geistigen Führer in Israel von Neuem müßte angestimmt werden, da doch der teure Tote, den wir beweinen, die großen Eigenschaften jener drei Männer harmonisch in sich vereinte! Er war ein Redner wie Abbahu, ein Lehrer wie Assi, ein Führer wie Jose. Die Säulen Cäsaräas, das waren die Stätten der Lehre, die den Tod des Meisters beklagten, die mächtigen Stämme, die der Sturm entwurzelte, das waren die Führer in Israel, die von hinnen geschieden, der Marmor von Sephoris aber erschien als Symbol der Schönheit der Antike, die sich mit der Wahrheit von Judäa in dem Leben jenes Lehrers verschmolzen hatte. Ach, die Stätten der Lehre beklagen auch heute wie vor zwei Jahrtausenden den Tod eines Mannes, der ihnen Kraft und Weihe gegeben, der die Schönheit von Hellas mit der Wahrheit von Zion in seinem Leben szu höherer Harmonie zu vereinigen strebte und dessen Hinscheiden uns an den Sturm gemahnt, der auch die mächtigsten Bäume entivurzelt. „Deine Zierde, o Israel, auf deinen Höhen ist sie gefallen." Als Rabbi Abbahu starb, vergossen die Säulen Cäsaräas Tränen, denn der Meister der Lehre war dahingeschieden. So auch beklagen wir vor allem heute den Mann, der in der Wissenschaft eine hohe und Achtung gebietende Stellung eingenommen, der einen neuen Zweig der Philosophie geschaffen und zu Ehren gebracht hat. Aber wie Abbahu gehörte auch er nicht zu den Gelehrten, deren Größe und Wert für die Wissenschaft nur von den Fachgenossen gewürdigt werden konnte, denn seine Wissenschaft eroberte sich das Herz des Volkes, dessen Seele er in ihren tiefsten Geheimnissen zu ergründen bemüht war. So gelang es ihm, in treuer und unermüdlicher Arbeit eine angesehene Stellung im Kreise seiner Fachgenossen, ja auch im gesamten geistigen Leben des Vaterlandes zu erringen. Er war ein Lehrer uNd Erzieher; gar oft erklang sein Wort in ernster Stunde mahnend und warnend, die höchsten Güter des idealen Lebens preisend und den Wert der Religion den Zeitgenossen, die sich von ihr immer mehr abzuwenden drohten, tief ins Herz prägend. „Das Herz ist ein ganz besonderer Muskel," so rief er einmal begeistert aus, „verschieden von den meisten andern Organen unseres Leibes, welche sich in Tätigkeit und Ruhe abwechseln, muß das Herz immer tätig sein; von der ersten Sekunde des Lebens bis zur letzten muß es schlagen; hört es zu schlagen auf, so ist das Leben geschieden. Die Religion ist das Herz im Organismus des Volksgeistes, hört dies Herz zu schlagen auf, so tritt auA hier Verwesung ein." Aber nur um ihrer selbst willen, so wollte und forderte er, sollte man die Religion suchen, sonst wird man sie nicht finden. „Ueberlieferung ohne Prüfung ist blind und blöde, Neuschöpfung ohne Pietät ist kalt und unfruchtbar. Das Alte muß immer wieder neu geboren, gleichsam neu in der Seele geschaffen werden; das Neue muß aus den Wurzeln des alten emporwachsen, in das alte muß man sich vertiefen, zum neuen muß man sich erheben." Es war symbolisch für das geistige Schaffen dieses Mannes, daß er an seinem Lebensabend noch, nachdem er sich'zum neuen erhoben, mit aller Kraft seines Geistes sich in das alte vertiefte, und die Krone seines Schaffens bildet das Werk, in dem er die Summe alles dessen zusammenfaßte, was er in unermüdlicher Denkarbeit während seines ganzen Lebens über die Religion seiner Väter gedacht hatte. „Das Ideal entbehren, heißt auf den Wert des Lebens und der Geschichte verzichten, aber — das Ideal ist göttliche Verheißung und das Wort Gottes besteht für die Ewigkeit," so schließt das Werk, in dem er die Sittenlehre des Judentums verherrlicht hat, mit dem Ausdruck dessen, was Lazarus als seine innerste Ueberzeugung unter allen Wandlungen des geistigen Lebens länger als ein halbes Jahrhundert verfochten hat. Aber die Bedeutung dieses Mannes ist mit seiner wissenschaftlichen Arbeit, die noch im einzelnen darzustellen sein wird, lange nicht erschöpft. Genau so wie Abbahu war er auch ein Mann des öffentlichen Lebens, ein Mann, dessen Wirksamkeit weit hinaus reichte, dessen Rede überall fesselte und fortriß und dessen Vorbild viele zur Nachahmung und Nacheiferung anspornte. Groß ist heute die Zahl derer, denen das Bild