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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 des Jahres 1900 fehle sich der Landeshauptmann der Nheinprovinz offiziell mit Rabbiner Dr. Rosenthal hier in Verbindung wegen der Unterbringung von jüdischen Fürsorgezöglingen der Provinzen Westfalen, Hessen-Nassau und der Nheinprovinz. Auf dem Gemeindetag des Provinzialverbandes rheinischer Synagogengemeinden im Frühjahr 1901 brachte genannter Herr dieses Thema zur Sprache lind erzielte durch den Provinzialverband die Bereitstellung von geeigneten Fannlienpflegestellen in kleinen Orten des Rheinlandes. Als im Herbst 1902 bekannt wurde, daß in Zell a. d. Mosel fünf jüdische Kinder im dortigen katholischen Kloster sich befinden, von denen ein Mädchen der Fürsorgeerziehung zugesprochen wurde, teilte Rabbiner Dr. Nosenthal dem Landeshauptmann mit, daß die unter Leitung der Frau Dr. Plato hier stehende jüdische Kinderbewahranstalt in einer ihrer Abteilungen zur Ausnahme weiblicher und männlicher Försorgezöglinge mit Ausnahme sittlich bereits verwahrloster bereit und geeignet sei. Darauf erfolgte auf Anweisung des Landeshauptmanns die Ueberführung des der Fürsorge zugesprochenen Mädchens in diese Anstalt und zugleich der Bescheid, daß die Anstalt auch für künftige Fälle anerkannt wird. In der Zwischenzeit sind acht weitere Pfleglinge, darunter auch sogenannte „Landarme", vom Landeshauptmann der Rheinprovinz dieser Anstalt überwiesen worden, und hat sich auch der Landeshauptmann der Provinz Hannover wegen eines 15jährigen Mädchens mit dieser Anstalt in Verbindung gesetzt. Wie wir hören, wird auf dem am 3. Mai hier stattfindenden Provinzialgemeindetag der rheinischen Synagogengemeinden ein Referat über die israelitischen Fürsorge- Zöglinge der westlichen Provinzen erstattet werden. — München, 2. April. Auch im Wintersemester 1902/03, dem sechsten seines Bestehens, hat der Verein jüdischer Studenten zu München eine rege wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Treu dem Programme, wurden an allen Vereinsabenden von unseren geschätzten Gästen und von den Mitgliedern Vorträge über Themata aus dem Gebiete des jüdischen Geistesleben gehalten, und zwar sprachen: 28. Oktober Bbr. Weigert: „Die Juden in der deutschen Kriminalstatistik"; 4. November Dr. pliil. Th. Lessing: „Spinozas Theorie der Affekte"; 11. November Bbr. Gillis: „Die Juden in England"; 18. November Bbr. Jacobson: „Das jüdische Eherecht"; 25. November Bbr. Hertz: Referat über Leo Wieners: „Das Jüdisch-Deutsche"; 2. Dezember Bbr. Stahl: „Bar-Kochba und seine Zeit"; 9. Dezember Bbr. Block: Referat über Nahida Remys: „Das jüdische Weib". 20. Januar Bbr. Perlis: „Die jüdischen Ackerbaukolonien"; 29. Januar S. E. Rabbiner Dr. Ehrentreu: „Das jüdische Haus"; 3. Februar Bbr. Kirschner : „Reformen im Judentum"; 12. Februar S. E. Rabbiner Dr. Werner: „Eine Wanderung durch die jüdische Geschichte" . 19. Februar Bbr. Löwenstein: „Der Hellenismus". Den Vorträgen folgten stets rege Diskussionen. Nebenher gingen regelmäßig die von Bbr. Sichel trefflich geleiteten Fuxenstunden, in denen er, abgesehen von der Besprechung der Tendenzen, des Komments und der Geschichte des B. I. C. (Bund jüdischer Korporationen^ sowie der übrigen Studentenverbindungen, hauptsächlich Fragen, die aktuelle Bedeutung haben, behandelte, so ausführlich Wesen und Erscheinungsformen des Antisemitismus, des Zionismus, die Rassen- und Nationprobleme die Reformsrage und insbesondere die Assimilationsbewegung. Für die historische Weiterbildung der Mitglieder sorgte der Geschichtskurs Bbr. Dr. Kahns, der die Stellung der Juden im 19. s. besprach. Zur Einführung in die moderne jüdische wissenschaftliche und belletristische Literatur diente unsere ca. 80 Bände umfassende Bibliothek, die in liebenswürdiger Weise von Herrn Dr. Werner, Herrn Siegesmund Frankel und unserem Hospitanteil enncl. Hur. S. Jonas sowie von Bdr. verstärkt wurde. An den Vortragsabenden des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur nahmen wir regelmäßig offiziell teil, ebenso war das Turnen in dem voll V. I. Stern mitbegründeten jüdischen „Turnverein Esra München" obligatorisch In den Weihnachtsferien fand in München der Kartelltag des B. I. E. statt, dem sich ein Festkommers und Ball mit über 200 Güsten anschloß. — Die Semester-Schlußkneipe fand am 3. März statt; Bbr. Stahl hielt eine vortreffliche Tendenzrede. — Zu provisorischen Chargierten wurden auf dem Schlußkonvent gewählt: eliem. Weigert, p!ül. Kirschner, mell. Hochland. Briefe sind zu richten an eaml. plnl. B. Kirschner, Goethestraße 11. Zum Schluß sei nochmals allen denen, die durch Vorträge und Schenkungen unseren Verein zu fördern bemüht waren, unser herzlichster Dank ausgesprochen. Nsn Uah und Fern. --- Der Regierungsbaumeister Alfred Breslauer hat der. Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der Kaufmann Arnold Fischer welcher unseren Lesern durch verschiedene Festdichtungen bekannt ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins der ehemaligen Schüler der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, feierte mit seiner Gattin Rosa geb. Plachte am 4. d. M. das Fest ihrer Silberhochzei! unter allgemeiner Teilnahme. — Eine Petition aus Borken (Regie rungsbezirk Kassel) um Anwendung des § 4 des Lehrerbesoldungs gesehes auf den Vorsängerdienst der israelitischen Volksschullehren wurde im Abgeordneten Hause durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. — Die Strafsache gegen die Antisemiten Koch und Böckle wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft, begangen durch Veröffentlichung eines Blutmordgutachtens von P. K. in de; „Staatsbürger Zeitung", wurde am 28. v. M. zu Ende geführt. Vor einiger Zeit wurde bekanntlich Koch als Verfasser des betreffende,! Gutachtens zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die Verhandlung gegen Böckler wurde vertagt, weil er unter Beweis stellte, den Artike! vorher nicht gelesen zu haben. Die Verhandlung am 28. v. M. ergab die Nichtigkeit dieser Behauptung, die Beweisvermutung gegen Böckler als verantwortlichen Redakteur durch § 20 des Preßgesetzes könnt, sonach nicht mehr Platz greifen; das Gericht erkannte auf Freisprechung Die sechsmonatliche Gefängnisstrafe wegen Beleidigung des Justizratt Kassel hatte Böckler am 3. April verbüßt. — Wie die „Deutsche Tages zeitung" mitteilt, sandte das Nationalkomitee der rumänischen Stu deuten an den Abgeordneten Dr. Oertel-Berlin folgendes Telegramm „Die Studenten der rumänischen Universität Jassy drücken durch ihr Nationalkomitee dem Abgeordneten Dr. Oertel ihre Bewunderung und ihren Dank für die energische Verteidigung der Wahrheit gegen jüdische Verleumdung aus. Das Nationalkomilee." Angenehm, Knaben! — In Neustettin ist Dr. Wilhelm Lewy zum Rabbiner gewählt worden. — Die Wahl des Fabrikanten Langenbach in Darmsladt ist von der Kammer annulliert worden. Nationalliberale und Antisemiten haben da zusammengearbeitet. — In der Zeit vom 1. Juli 1901 bis 30. Juni 1902 wanderten aus Oesterreich-Ungarn 12848 Juden nach Nordamerika aus. — Herr Lazarus, der gewesen^ Direktor der Lemberg er Hypothekenbank, hatte sich erboten, dac Kapital für das projektierte dort aufzustellende Koszciusko-Monument aus eigenen Mitteln durch 100 000 Kronen zu ergänzen. Da aber sämtliche polnische Blätter die Frechheit eines Juden grimmig rügten und du Polen empört ihre Stimme erhoben, beschloß das Koszciusko-Komitee einstimmig, diese Spende „dankend" abzulehnen und den offerierten Betrag für das Monument des polnischen Helden von dem großen polnischen Patrioten nicht auzunehmen. — Im Prozeß C Hab an ei : wurde am 31. März das Urteil gefällt. Die Geschworenen verurteilten Chabaneix wegen Ermordung des deutschen Arztes Dr. Ordenstein unter Verweigerung mildernder Umstände zu lebenslänglichem Zucht Haus. — Aus Anordnung des Ministeriums des Innern wurde den Juden in Grusien verboten, sich in offiziellen Aktenstücken un- Dokumenten verschiedenen Charakters als grafische Juden zu bezeichnen dieselben müssen sich einfach Juden nennen. Schrecklich! — Die nein russische Blutmordgeschichte ist schnell in nichts zerflossen. Deosfiziöse Draht meldet: In der Ortschaft Tumanow (Kreis Tiraspol hat eine Judenhetze stattgefunden, doch ist die Ruhe wieder hergestellt Dem Blatte „Jug" zufolge ist die Hetze durch die Gerüchte über eine, „Ritualmord" an einem Christenknaben in Dubossori veranlaßt. Em zweimalige Sektion der Leiche ergab indes die völlige Unrichtigkei der Blättermeldung, daß ein sogenannter Ritualmord vorliege. - Aus Lalla-Marnia wird gemeldet: Ein Scheriff ist mit eine großen Anzahl Soldaten in Sebdau eingetroffen und hat die marok konischen Kauflente gebrandschatzt. Von den Inden verlangte er ein Kontribution von 12 000^ Franks, doch erhoben diese Widerspruä und zeigten einen Brief des Prätendenten vor, durch den sie au Grund einer früheren Zahlung von weiteren Auflagen befreit werden Der Scheriff ließ darauf vier angesehenen Juden nntteilen, daß er si als Gefangene behalte, bis die verlangte Zahlung erfolgt sei. - Allerlei Kuriositäten werden auf der Weltausstellung von St. Loui 1904 zu sehen sein. Ein Unternehmer beabsichtigt das Zeltlager de. Juden in der Wüste vorzuführen. Die Stistshütte samt der Bundes lade soll genau nach biblischen Berichten in Gold, Seide und Edelsteinen nachgeahmt werden.

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