Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 — Berlin, 9. März. Der erste Rechenschaftsbericht des „Vereins jüdische Arbeiterkolonie und Asyl in Weißensee bei Berlin", den im Aufträge des Vorstandes Dr. Wilhelm Nenmann, General- Sekretär des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, erstattet, gibt ein erfreuliches Bild von dem Gedeihen dieser Institution. Ein Rückblick auf die Geschichte des Hilfswerks führt den Leser in ineälas res. Der Bau selbst hat 134 950 Mark gekostet. Die Kolonie ist gegenwärtig belegt mit 600 Mann. Während der Zeit vom Februar bis Dezember 1902 waren dort 188 Kolonisten. Von den gegenwärtigen Kolonisten sind 20 Galizianer, 12 Deutsche, 8 Ungarn, 5 Böhmen, je 4 Russen und Bukowinaer, 2 Oesterreicher, je 1 Slavonier, Mähre, Türke, Bulgare und Rumäne. Die Fürsorge für das leibliche Wohl derselben, welche der Anstaltsarzt, Dr. Leiser, beaufsichtigt, läßt nichts zu wünschen. Aus die geistige und moralische Aufrichtung wird ganz besonderes Gewicht gelegt, zunächst durch alltäglichen Gottesdienst in der Anstaltssynagoge, welcher von dem Liturgen der jüdischen Gemeinde, Moses, abgehalten wird. Die Einnahmen betrugen 36 068 Mark, die Ausgaben ungefähr ebensoviel. Der Barbestand beträgt 18 336 Mark. Der ganze Bericht ist von großem Interesse und wird dem Werke sicher viele Freunde und Gönner zusühren. Den Schluß bildet als willkommene Zugabe die Weiherede des Herrn Rabbiners Dr. Maybaum bei Eröffnung der Arbeiterkolonie, deren Vorstand aus folgenden Herren besteht: Marcus Adler, l. Vorsitzender; Moritz Rosenow, 11. Vorsitzender; Siegmnnd Vergeh I. Schriftführer; Theodor Lustig, Schatzmeister; Professor Dr. M. Philippson, Justizrat Hermann Stern 1, Jlia Ber, Siegfried Brünn, Rechtswalt.Herm. W. Meyer, Justizrat Lilienthal, Bankier Martin Simon, Charles L. Hallgarten. Frankfurt a. M. " Berlin, 8. März. Die beiden folgenden Erklärungen des antisemitischen Redakteurs Otto Böckler dürften von allgemeinem Interesse sein. Die eine datirt vom 26. v. M.: „Der Unterzeichnete erklärt. daß er den gegen den Berichterstatter Herrn Hermann Rauch aus Rixdorf erhobenen Vorwurf eines fluchtartigen Abschiedes aus Könitz und einer Beteiligung an einer strafbaren Handlung zurück' nimmt und die Kosten der Privatklage trägt. Otto Böckler- Nedakteur." Die zweite Erklärung datirt vom 27 v. M.: „Redakteur Otto Böckler erkennt auf Grund der Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung an, daß weder Herr W. Bambus, noch der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens irgendwie Meineidsanstiftungen erstrebt oder begünstigt hat. Er verpflichtet sich, wegen der von ihm verbreiteten Beleidigung 20 Mark an die städtische Armenkasse zu zahlen und die Kosten der PrivaLklage zu tragen. Königsberg, im März. Der Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens hielt am 23. Februar cr. seine 19. ordentliche Generalversammlung in Osterode ab. Am Tage vorher fanden eine Sitzung der Schulinspektion des Verbandes und eine solche des Verbands - Ausschusses statt. Die Verhandlungen am 23. v. M. begannen mit einer Sondersitzung der Pensionskasse für jüdische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen, die als Gründung des Gemeindeverbandes ihre Generalversammlung diesmal in Verbindung mit diesem abhielt. Der Vorsitzende der Kasse, Herr Rechtsanwalt Schey- Allenstein, erstattete den Verwaltungsbericht, der die fortschreitend günstige Entwickelung der Pensionskasse bezeigte. Der Kasse gehören bereits 35 Gemeinden der Provinz mit 38 Beamten als Mitglieder au. Trotz ihres kurzen Bestandes erhalten bereits zwei Beamtenwittwen aus ihr Pensionen. Die Kasse gewährt außerdem aus den ihr zufließenden Wohllätigkeitsmitteln an neun arme Gemeinden Subventionen zur Versicherung ihrer Beamten. Es ist zu hoffen, daß die Kasse ihre Aufgabe, alle jüdischen Gemeinden Ostpreußens bei sich als Mitglieder zu zählen und so die Versorgung der jüdischen Religionslehrer und Kultusbeamten zu einer obligatorischen Einrichtung unserer Provinz zu machen, bald wird durchgeführt haben. Den Kassenbericht erstattete in Vertretung des verdienten Schatzmeisters der Kasse, des Herrn Joseph Simonsohn-Königsberg, Herr Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg. Der Abschluß des Jahres ergab eine Erhöhung des Kassenvermögens von 7300 Mark auf 15 300 Mark. Der Kasse waren im vergangenen Jahre viele freundliche Spenden zugewendet worden. — Die Vorstandswahl ergab: Rechtsanwalt Schey-Allenstein. Vorsitzender; ferner Verbandsvorsteher, Stadtrat Jsaac Eichelbaum-Jnsterbnrg, Kaufmann H. Jacoby-Osterode, Dr. med. Kamnitzer-Allenstein, Rentier Joseph Simonsohn-Königsberg, Schatzmeister, Kantor Karo-Allenstein. Waisenhausinspektor Peritz- Königsberg und Prediger Sturmann-Osterode.—Hierauf eröffnete der Vorsitzende des Verbandsausschusses, Herr Stadtrat I. Eichelbaum-Jnsterburg die G e n er alversa mm ln ng des ostpreußischen Synagogenverbandes. Nach freundlicher Begrüßung der Versammlung widmete der Vorsitzende den beiden verdienten, im vergangenen Jahre verstorbenen Mitgliedern, Herrn Rechtsanwalt Dr. Fabian-Guttstadt und Herrn Gemeindevorsteher Raphaelson-Allenstein, ehrende Worte des Andenkens. Die folgende Wahl des Büreaus ergab: Stadtrat I. Eichelbaum-Jnsterburg, Vorsitzender, Rechtsanwalt Schey-Allenstein, stellvertretender Vorsitzender, Waisenhausinspekor Peritz-Königsberg, Schriftführer, Jacoby-Osterode, Dr. Ritterband-Osterode, Obersekretär Klein-Königsberg und Dr. Kamnitzer-Allenstein, Beisitzer. Nach kurzer Begrüßung der Versammlung durch den ersten Vorsitzenden der Osteroder Gemeinde, Herrn Kaufmann H. Jacoby, erstattete der Herr Verbandsvorsitzende den Verwa ltungsbericht, der die mannigfache segensvolle Tätigkeit des Verbandes auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes, der Förderung jüdischen Lebens in den Gemeinden Ostpreußens, der Unterstützung materiell schwacher Gemeinden, der Fürsorge für die jüdischen Gemeindebeamten der Provinz rc. erkennen ließ. Im Anschluß daran empfahl Herr Obersekretär Klein-Königsberg die Unterstützung des Hilssvereins deutscher Juden und des Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Es folgteder Bericht über die K assen Verwaltung 1901/1903, erstattet vom Verbandsschatzmeister Herrn Bernh. Holz-Insterburg. Die von der vorjährigen Versammlung gewählten Kassenrevisoren beantragten die Dechargeerteilung für den Schatzmeister, dem beigestimmt wurde. — Den Bericht über die Schulinspektion erstattete der Vorsitzende der Schulinspektion, Herr Rabbiner Dr. V o gel ste i n-Königsberg, der ein ausführliches und anschauliches Bild der Schulverhältnisse in Ostpreußen gab und dabei sowohl die rege Tätigkeit der Schulinspektion, wie den allgemeinen Fortschritt der Verhältnisse niit Befriedigung erkennen ließ. Eine ausgedehnte Debatte schloß sich an diesen Bericht- — Nach kurzer Frühstückspause begannen dann die Verhandlungen über den Hauptpunkt der diesjährigen Tagung: Die Beratung über die Einrichtung von Grenzbureaus behufs Verhinderung der Wanderbettelei. Das Referat darüber hatte der Verbandsvorsitzende selbst übernommen. Nach ausgedehnter fast zweistündiger Debatte wurde schließlich der Antrag des Verbandsausschutzes, der in ausführlicher Begründung die praktische Unmöglichkeit und allgemeine Gefährlichkeit solcher „Komitee-Installierung" nachwies, mit großer Majorität angenommen und die Errichtung von Grenzbureaus darnach abgelehnt. Dagegen wurde aut Antrag des Herrn Dr. Ritterband - Osterode beschlossen, den Verbandsgemeinden allgemein die Einrichtung von Centralarmenkassen innerhalb ihrer Gemeinden zur Beseitigung der Hausbettelei zur Empfehlung zu bringen. — Es folgte die Beratung des Etats pro 1903/04, der im allgemeinen dem Vorschläge des Ausschusses gemäß mit 2300 Mark balanzierend angenommen wurde. Dabet wurde aber die allgemeine Bitte ausgesprochen, die gemeinnützigen Zwecke des ostpreußischen Synagogenverbandes in größerem Maße als bisher durch Zahlung eines Jahresbeitrages sreunblichst zu unterstützen. — Bei Erörterung von Gemeindeinteressen wurde besonders die Nützlichkeit von jüdischen Jünglings- und Jungfrauenvereinen, in denen das Interesse für jüdische Angelegenheiten erhalten und gepflegt werde, erörtert und die Einrichtung solcher allgemein empfohlen. — Herr Waisenhausinspektor Peritz legte der Versammlung einen Entwurf eines Normalkontrakte s für jüdische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen vor und beantragte Ueberweisung desselben an eine gemischte Kommission aus Gemeindevertretern und Beamten zur genauen Durcharbeitung und entsprechender Vorlage für das nächste Jahr. Dem Anträge wurde zugestimmt und die Vorlage an die Schulkommission überwiesen. — Von den sonstigen aus der Versammlung heraus gegebenen Anregungen und Anträgen sei noch erwähnt die Einsetzung einer dreigliedrigen Kommission zur weiteren Behandlung der von Herrn Woythaler - Allenstein gegebenen Anregung betreffend Gründung eitles jü dischen Pro vinz ial-Siechenhauses. — Zum Schluß folgten die Wahlen des Ausschusses, der sich für das laufende Jahr zusammensetzt aus den Herren Stadtrat I. Eichelbaum-Jnsterburg, Verbandsvorsitzender, Stadtrat S. Magnus, Julius Lazar und Nabbiller Dr. Vogelstein-Königsberg, Rechtsanwalt Schey