Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 11. Allgemeine Berlin, 13. März 1903 eilmg des Zu-enchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis. Durch Buchhandel, > Post oder direkt von der Expedition inBerlin I unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Redaeteur: Gustav Karpeles. I Begründet von Nabbtner Dr Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Erpe-ition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! 8^V., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. I InIsltÜ. Leitartikel: Purim. — Die Woche. — Iustrzrat Siegmund Never. — Entlegene Kulturen. Bon Nabdiner Dr. S. Freu nd, Ostrvwo. II. - Der jüdische Almauach 5663. Von Bl. Calbarv. — Feuilleton: Ein 'lach komme spanischer Maranilen. Ein Lebensbild aus der Gegenwart. Von Robert Iljisch, St. Petersburg. II. Der hohe Feiertag Purim oder - Du sollst nicht lügen! Bon Dr. I. Cos mau, Berlin. — Sprechsaal. Der Gerneindevote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg, Neustettin, Ans der Provinz Posen, NawiLsch, Inowrazlaw, Breslau, Kattowih, Beuthen i. Ober-Schlesien, ^lnnaberg, Hamburg, Franturt a. M., Wien, Odessa. — Bon Nah und Kern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Purim. Berlin, 12. Mürz. in Sabbath vor dem Purimfeste wird in Israels Gotteshäusern groß und klein jener Abschnitt verlesen, der die Erinnerung unserer Bekennerschar zu den ersten Kämpfen Amaleks .gegen Israel zurücklenlt. „Gedenke — vergiß es nicht", so lautet der Beginn und Schluß dieses kleinen Kapitels. Mit dieser Uebertragnug ist aber der Sinn des Textes nicht recht getroffen. Nein, so heißt die Mahnung: „Gedenke — du wirst es nicht vergessen!" Dil oirst es nicht vergessen können. Ach, unser Stamm möchte a so gern vergessen das vielhundertjahrige Leid, das ihm oiderfahren, so freudig den Mantel der Liebe decken über alle Engherzigkeit vergangener Zeiten, der Amaleksgeist will aber licht schwinden, er lebt immer von neuem auf und treibt sein llnwesen. Der Sabbath Sachor ist so mit dem Purimfeste in ngste Verbindung gebracht, und dies mit Recht, denn es war nur der Geist Amaleks, der in Hamnn sich verjüngte. Von der Estherrolle behaupten unsere Lehrer, daß sie ewig hren Wert behalten wird, auch wenn alle Reden der Propheten lud Weisen ihre Geltung verlieren sollen. Mit diesen Worten oll wohl nicht allein ein Urteil über den inneren Wert des Buches gefällt werden. Die Alten sahen in dem Buche Esther, u der Art und Weise, wie hier das Volk der Inden den Verolgungen und ruchlosen Plänen eines Haman entgeht, gleichem! eine Vorbedeutung für Israels Geschichte überhaupt, wie man unfern Stamm wohl verfolgt, bedrückt und vernachlässigt, hn aber nicht zu entwurzeln und zu zerstören vermag. Nicht Bund er sind es, von denen die Festgeschichte berichtet. Alles, oas sich hier abspielt, ist nur eine notwendige Folge von Ursache und Wirkung, so natürlich vollzieht sich die Eirettung er Juden; der Gottesname kommt nn ganzen Buche nicht vor, ls sollte eben geflissentlich jedes unmittelbare Eingreifen des oerrn in die Geschicke seines Volkes vermieden werden. Gerade dies Moment ist das Erhebende an unserem Feste, das uns im Zusammenhänge mit solchen Erwägungen die gewiß erhabene Idee verkörpert: Gott bedarf zum Schuhe der Unterdrückten keiner übernatürlichen Mittel, keiner Wunder; nach seinem Willen vollzieht sich die Befreiung der Verfolgten auch in dein natürlichen Verlauf der Ereignisse. Wer könnte wohl den Erlist der Zeit in Abrede stellen, in der wir diesmal die Estherrolle lesen müssen, welch Einsichtiger wohl die neue Methode des Kampfes gegen uns übersehen? Man lärmt nicht mehr auf der Gasse gegen uns wie ehedem, dagegen wird vom Katheder herab in Wort und Schrift ein Kampf irr Szene gesetzt, der wohl direkt nicht uns angeht, in seinem letzten Ende aber doch vornehmlich uns treffen soll. Ist einmal die Bibel entthront, dann ist auch uns der Boden untergraben. Wir bauen da nicht auf ein unmittelbares Eingreifen der Vorsehung, denn sträflich ist es, sich auf ein Wunder zu verlassen, und so dürfen wir nicht glauben, daß Gott von neuem seine erste Offenbarung bestätigen werde. Aber doch vermögen wir auch in diesem „wissenschaftlichen" Kampfe in natürlicher Folge die Hand Gottes wohl zu erkennen. Als Delitzsch seinen ersten Vortrag gehalten, da war die Zahl seiner Anhänger zweifellos größer als nach seinen zweiten Ausführungen. Gerade das Neue, das er hier bot, der Kampf gegen den Offenbaruugsglauben, sowie sein kritisches Vorgehen gegen das neue Testament, mag so manchen zur weisen Vorsicht gemahnt haben. Wenigstens null dies einem dünken, wenn er die Meinungen vergleicht, die nunmehr ans allen Seiten laut werden. Freilich war dieser zweite Vortrag die notwendige Folge jener ersten Vorlesung. Die Wahrheiten des Alten Testaments bezweifeln und dabei den Glanbeil an das Nene aufrecht erhalten wollen, ist dem Gebühren desjenigen vergleichbar, der ein Haus erhallen zu können glaubt, dessen Fundament in allen seinen Teilen erschüttert ist. Mag immerhin Delitzsch ill seinem zweiten Vorträge den Standort des exakten Forschers verlassen haben, um nebenbei eine den Inden wenig freundliche Gesinnung zu bekunden, wir können es mit einer gewissen Genugtuung begrüßen, daß seine Hypothesen sich als jedem Bibelglauben feindlich erwiesen und damit eine eingehendere und kritisch objektivere Behandlung seiner Ausführungen gesichert wurde, als wenn dieselben sich nur gegen den Nimbus des auserwahlten Volkes gerichtet Hütten. Dann kann sich aber erst unsere Hoffnung erfüllen, daß auch diese neueren Vermutungen sich recht bald als irrig erweisen werden daß die Hypothese der Abhängigkeit der Bibel von Babel gar bald ebenfalls ein überwundener Standpunkt sein wird. Am Purim fehlen bekanntlich im Gottesdienste die Lob- Hymnen, die sonst an jedem Feste, auch am Nenmondstage,