Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Grabe getragen, der durch seinen zuverlässigen Charakter, seinen vorurteilsfreien Sinn und sein segensreiches Wirken für das allgemeine Wohl die aufrichtige Sympathie und Wertschätzung weiter Kreise sich erworben hatte: der frühere Vorsitzende des hiesigen Synagogenrats Sigmund Netter. Herr Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß gab in beredter Weise der allgemeinen Teilnahme und im Aufträge des grobherzoglichen Oberrats auch dessen Teilnahme an dem frühen Heimgang des Entschlafenen Ausdruck und rühmte die Schlichtheit, den redlichen Bürgersinn und die echte Herzensfrömmigkeit des Verewigten, dem die Lust und die Fähigkeit innewohnte, neben der Aufgabe für das Wohl seiner Familie sich der Sorge für das Wohl seiner Glaubensgemeinde hinzugeben. Mit der größten Treue und Hingebung widmete er sich ihrem Dienste, und die Gemeinde erkannte dankbar seinen opferwilligen Eifer für ihr Bestes an, indem sie ihn fünfmal für eine je sechsjährige Amtsdauer zum Synagogenrate wählte, dessen Vorsitz er 25 Jahre lang führte. Das Vertrauen der Bezirksgemeinden beries ihn 1874 zum Bezirksältesten, und nach der Begründung der israelitischen Landessynode dreimal zum Abgeordneten für die Bezirkssyuagoge Heidelberg. Dafür wurde ihm auch äußere Anerkennung in ehrender Weise zuteil, indem der Grobherzog ihm das Verdienstkreuz des Zähringer Löwen verlieh. — Buchhändler Carlebach, der derzeitige Synagogenvorsitzende, hob in bewegten Worten die Verdienste des Verewigten um das Gemeinwohl hervor, wie er mit offenem Blick und warmem Herzen die aufstrebende Gemeinde durch alle Phasen ihrer Entwickelung führte, wie er seine Ueberzeugung stets freimütig bekannte, dabei aber doch die gewissenhafte Ueberzeugung Andersdenkender achtete und ihre Empfindungen schonte, wie der Entschlafene, dessen Gottesverehrung vornehmlich die Religion der guten Tat gewesen, stets ein Förderer wohltätiger Einrichtungen war und verschiedene Wohltätigkeitsvereine auch außerhalb Heidelbergs, so das Waisenhaus in Bruchsal und das Siechenhaus in Gailingen, seine sachkundigen Ratschläge nunmehr schmerzlich vermissen werden, und wie er allezeit ein wohlwollendes Verständnis für die Bedürfnisse der jüdischen Kultusbeamten betätigte. — Rechtsanwalt Dr. Kaufmann sprach Worte herzlicher Teilnahme namens der Friedrich-Loge, zu deren Begründern der Verstorbene zählte. Ein treues, dankbares und ehrendes Andenken wird dem Dahingeschiedenen gesichert sein. Oesterreich-Ungarn LI Wien, 2. März. Eine besondere Auszeichnung ist einer hiesigen jüdischen Dame zuerkannt worden: Frau Rosalie Goldschmidt, die Witwe nach dem Privatier Karl Goldschmidt, eine sehr wohltätige Frau, wurde durch die Verleihung des Elisabethordens II. Klasse ausgezeichnet. — In Budapest wurde am Sonnabend das Testament des verstorbenen Baumeisters Wechselmann eröffnet. Dasselbe verfügt, daß von dem 7 160 000 Kronen betragenden Nachlasse 2 400 000 Kronen für die Errichtung eines Pensionsfonds für Lehrer und Lehrerinnen, undzwarzurHälfte fürChristen und zur Hälfte fürJsraelitenverwendetwerden.wenn diese eine25jährige aktive Dienstzeit und sich weder an antisemitischen nach sozialistischen Kundgebungen beteiligt haben. Für die Errichtung eines Blindeninstituts sind 1 400 000 Kronen bestimmt, außerdem werden zahlreiche kleinere Stiftungen errichtet. Die Gattin des Verstorbenen erhält 1 400 000 Kronen, das restliche Vermögen erben 15 Neffen und Nichten, insofern dieselben nicht kinderlos sind. — Im Parlament hat jüngst dersAbgeordnete Daszynski über die Militärjustiz im Falle Mattasich-Keglevich und über den Prinzen Philipp von Koburg gesprochen. Mattasich habe in einem vor zwei Offizieren abgefahren Protokoll behauptet, der Prinz von Koburg habe seiner Frau, der Prinzessin Louise, aufgetragen, sich bei dem verstorbenen Baron Hirsch einzuschmeicheln und ihn um Geld anzugehen! — Zum Bürgermeister der Stadt Buczacz wurde Herr Kaufmann Bernhard Stern einstimmig wiedergewählt. Derselbe feiert im lausenden Jahre sein 25jähriges Jubiläum als Bürgermeister, Mitglied des Buczaczer Bezirksausschusses und des Bezirksschulrats. — Herr Bernhard Kaufmann, ein langjähriges Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Olmütz und Verwandter des unvergeßlichen David Kaufmann, feierte am letzten Sabbath seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlaß überreichte ihm Herr Rabbiner Dr. Oppenheim wegen seiner allbekannten Wohltätigkeit und innigen Liebe zum traditionellen Judentume das „Morenu"-Diplom; die Gemeindevertretung ehrte ihn durch eine prachtvolle Adresse. Amerika. 1i. Cincinnati, 19. Februar. Ich habe Ihnen eine Trauernachricht zu melden: Dr. Moses Mielzin er. Professor am Hebron Union OolloAo und nach dem Tode I. M. Wises derzeitiger Leiter dieser Anstalt, starb am 18. Februar in seinem 75. Lebensjahre. Der Verstorben» war ein geborener Deutscher. Zuerst amtierte er als Religionslehrer und Prediger in Kopenhagen, später als Rabbiner in Newyork. Seit Begründung des Hedroxv Union LoIIego war er als Dozent für Talmud und die verwandten Fächer angestellt. Von seinen Schriften sind zu nennen: „Die Verhältnisse der Sklaven bei den alten Hebräern" (Kopenhagen 1857), „M.e donuslr 4.axv ot ,nrit'ia§6 and di'voreo" (Cincinnati 1884) „Introduktion to tbe Irdmud (Cincinnati 1892, 2. Ausl. 1902). Mielziner war ein bedeutender Gelehrter, ein wahrhaft frommer und edler Mann. Ein ausführlicher Bericht über sein Leben und Schaffen folgt in einer der nächsten Nummern. Ehre seinem Andenken! Als sein Nachfolger gilt Reverend Dr. Köhler in Newyork, unzweifelhaft der gelehrteste Rabbiner Amerikas. Non Nah und Fern. Herr James Simon, dem es nicht zum wenigsteil zu verdanken, daß die Bestrebungen der Orientgesettschaft aus einer so breiten Basis bisher zur Durchführung gelangen konnten, hat jetzt in Würdigung seiner Verdienste um die Gesellschaft vom Kaiser sein Porträt mit Widmung zugestellt erhalten. — Das Jüdische Mädchenst ist, Lothringerstraße 16, entläßt demnächst billige Zöglinge nach vollendeter unentgeltlicher Ausbildung in den Dienstbotenberuf. Neuanmeldungen unbemittelter jüdischer Mädchen nimmt der Vorsitzende Direktor Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162, entgegen. — Das Ritterzeichen I. Klasse des Anhaltischen Hausordens hat der Direktor der Deutschen Bank, Kommerzienrat Max Steinthal zu Charlottenburg, erhalten. — Der „Staatsbürger-Zeitung" zufolge wird aus Schneidemühl gemeldet, daß die dortige Polizeibehörde gegen einen daselbst gebürtigen Buchdrucker in der Winterschen Mordsache überraschende Aufklärungen erhalten habe. Der Aufenthalt desselben sei noch nicht ermittelt, ein Steckbrief sei erlassen. Bestätigung bleibt abzuwarten. — Die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Gnesen haben beschlossen, sämtlichen Mitgliedern der Gemeinde die Grabstätten unentgeltlich herzugeben; auch ist eine Ehrenweihe für Personen bestimmt, welche sich um die Gemeinde besonders verdient gemacht haben. — In Dresden ist am 26. v. M. im Alter von 25 Jahren der begabte und tüchtige Sohn des dortigen Oberkantors, der Rabbinatskandidat Dr. Ludwig Wolfsohn, nach langen, schweren Leiden gestorben. — Der Ausschuß der national liberalen Partei des Königreichs Sachsen beschloß mit allen gegen eine Stimme, das Kartell mit den Konservativen, Antisemiten und dem Bunde der Landwirte abzuschließen. — Emil Paderst ein in Paderborn ist zum Kommerzienrat ernannt worden.— In Düren ist am 13. v. M. der Jubilarvorsteher der Synagogengemeinde Moses Leven hochbetagt gestorben. — Das Kommandeurkreuz II. Klasse des Schwedischen Wasaordens wurde dem Geheimen Medizinalrat, Professor Dr. Weigert in Frankfurt a. M. verliehen. — Dem Chefredakteur Julius Katz in Karlsruhe, oem Herausgeber der „Süddeutschen Reichskorrespoudenz", ist das Eichenlaub zu dem Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen worden. — In Rand egg ist am 23. v. M. der allgemein beliebte Rabbiner Picard nach langen Leiden im 81. Lebensjahre gestorben. Er war über 5g Jahre in Randegg als Rabbiner. — König Leopold von Belgien hat die Herren Heymaus und Errera zu Mitgliedern des Slaatsrats (Conseil Huperienr de I'Ltat) ernannt. — Am 29. April wird zum erstenmale nach zweiundzwanzig Jahren wieder eine Generalversammlung der „4!1iauee isiaolito universelle" in Paris stattfinden. — Die Leitung der jüdischen Angelegenheiten in Rußland lag bis jetzt im Departement für geistliche Angelegenheiten der fremden Kulte. Vor kurzem wurde diese Leituug dem Departement für allgemeine Angelegenheiten unterstellt. Gegenwärtig aber ist das Polizei- Departement mit der Leitung aller jüdischen Angelegenheiten in Rußland betraut. — Wie es heißt, soll der marokkanische Prätendent seinen Truppen versprochen haben, im Falle eines Sieges ihnen das Judenquartier von Fez zur Beraubung zu überlassen. Ein Glück, daß er nicht gesiegt hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.