Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Staatsbürger Baron Alfred Monasee wurde als Anerkennung sür seine Verdienste um die Förderung der Interessen der österreichischungarischen Kolonie in Alexandrien und im besonderen um seine Verdienste auf dem Gebiete der Wohltätigkeit das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verlieht u. — Der am 17. d.M. nachts in Budapest im Alter von 74 Jahren verstorbene Architekt Ignaz v. Wechselmann hat einen großen Teil seines Vermögens, 3400000 Kronen, zu wohltätigen Zwecken hinterlassen. Zwei Millionen sollen für die Gründung eines Lehrerwaisenhauses, 1400 000 Kronen für die Errichtung eines Blindeninstituts verwendet werden. In beiden Anstalten sollen zur Hälfte christliche, zur Hälfte israelitische Kinder untergebracht werden. Wechselmann war aus Preußisch-Schlesien gebürtig und ist in den Sechzigerjahren nach Budapest gekommen. In den Siebzigernnd Achtzigerjahren wurden ihm mehrere große Bauten anvertraut, unter anderen der Bau des Zollhauses, die Bauten im Burggarten, der israelitische Tempel in der Tabakgasse, zahlreiche Palais w. UlißlanL. I.. V. I. Odessa, 21. Februar. Am 19. d. M. feierten die Aerzte des hiesigen jüdischen Krankenhauses ihren Kollegen Dr. Boris Michailowitsch Schaposchnikow gelegentlich seines 25> jährigen Amtsjubiläums. Dr. Sch. beendigte im Jahre 1872 die Kiewer Universität. Noch als Student wurde er nach Zitomir delegiert, uni gegen die Cholera zu kämpfen. 1877 trat Dr. Sch. in den Staatsdienst als Ordinarius des jüdischen Hospitals, wo er die Sympathie seiner Kollegen sich erwarb. Während des russisch-türkischen Krieges diente der Jubilar im „Roten Kreuz" und im Odessaer Militärhospitnl, wofür er eine Medaille und einen Orden erhielt. In seiner Eigenschaft als Ordinarius zeichnet er sich durch Gewissenhaftigkeit gegen die Kranken aus und ist er stets bestrebt, das Wohl des Krankenhauses zu fördern. Vor zehn Jahren gründete er beim Krankenhause eine medizinische Bibliothek, die jetzt 2000 Bände besitzt, und die bibliographische Seltenheiten und sehr wertvolle Werke enthält, die einen bedeutenden Wert sür das jüdische Hospital haben. Bis vor kurzem hielt Dr. Sch. den Studenten in seiner Abteilung Vorlesungen (fast 1b Jahre), viele seiner Schüler sind jetzt als erfahrene Aerzte bekannt. Im Austrage der Gesellschaft der hiesigen Aerzte hielt Dr. Sch. im Jahre 1898 eine Reihe von öffentlichen Vorträgen über das Thema der „Selbstvergiftungen", der „Ansteckung" und noch über andere Themen. Seit einer Reihe von Jahren begann seine wissenschaftliche Wirksamkeit in verschiedenen Fragen der klinischen Medizin, und und mehrere seiner Arbeiten sind von großem Wert, nämlich „über das Eindringen der Lust in die Brustzelle" und „über die Entzündung des Herzbeutels". Die letzte Arbeit erregte das Interesse der ganzen gelehrten medizinischen Welt und vollbrachte auf diesem Gebiete eine große Umwälzung. Diese Arbeit rief eine ganze Literatur hervor. Durch seine experimentalen Beobachtungen veranlaßt, trat er gegen die meisten europäischen Autoritäten auf (Skoda, Niemeier, Oppolzer, Riegel, Bater. Leube, Eichhorst, Potaine, Trousseau, Charcot und noch viele andere). Es war eine sehr ernste Polemik, aus welcher er, nach allgemeiner Anerkennung, als Sieger hervorging. Viele von seinen Folgerungen, die Dr. Sch. seinen klinischen Beobachtungen entnahm, wurden in den Anleitungen der inneren Medizin als definitive Formel ausgenommen. Dieselben haben eine wichtige praktische Bedeutung erlangt und wurden vou allen Klinikeren Amerikas, Frankreichs, Englands, Deutschlands und Rußlands angenommen. Der Präses des Kuratoriums des jüdischen Hospitals, der ehrwürdige Herr Salomon Puritz übergab dem verdienten Jubilar eine prachtvolle Mappe mit einer massiven silbernen Tafel, in deren Mitte das goldene Wappen der Stadt Odessa prangt, und aus beiden Seiten befinden sich die Daten. Die Tafel hat folgende Inschrift: „Hochgeachteter Boris Michailowitsch! Das Kuratorium des Odessaer jüdischen Krankenhauses Ihre 25 jährige unermüdliche, ersprießliche nnd nützliche medizinische Wirksamkeit überschauend, hält es für seine heiligste Pflicht, Ihnen am heutigen Tage die Gefühle herzlicher Achtung, der Anerkennung und der Dankbarkeit auszudrücken." — Eine Deputation derSchüler der Haudwerkerschule „Mitschnik und Mendelewitsch", der Vorsitzende des Kuratoriums derselben ist Dr. Schaposchnikow, überbrachte dem geschätzten Arzt eine sehr warm geschriebene Adresse in einem prachtvollen Rahmen. Dann begrüßten und beglückwünschten ihn die Feldscherer des jüdischen Krankenhauses, indem sie eine Adresse in einer schönen Mappe übergaben. Dr. Sch., von den erwiesenen Ansmerksamkeiien bis zu Tränen gerührt, dankte herzlichst für die ihm erwiesenen Ehren. Wir wünschen dem hochgeschätzten Jubilar eine vollkommene Gesundheit, damit er in Rüstigkeit nnd in Geistessrische sein 50jähriges Dienstjnbilämn feiern möge! Non Nah und Fern. Am 19. d. M. ist hier der Amtsgerichtsrat a. D. Paul Rieß im 72. Lebensjahre gestorben. Derselbe hat den Berliner Gerichten eine längere Reihe von Jahren als Richter angehört: er war im Jahre 1831 geboren, trat 1854 in den Justizdienst und wurde im Oktober 1860 zum Gerichtsassessor im Bezirk des Kammergerichts ernannt. Nach langjähriger kommissarischer Beschäftigung wurde er im Januar 1874 als Stadtnnd Kreisrichter in Magdeburg angestellt und schon im folgenden Monat zum Stadtgerichtsrat ernannt. Am 1. April 1875 in gleicher Amtseigenschast nach Berlin versetzt, trat er am 1. Oktober 1879 bei der Reorganisation der Gerichte als Amtsgerichtsrat zuni hiesigen Amtsgericht I über und nahm im Jahre 1889 seinen Abschied. — Indische Blätter bringen die Nachricht, daß Herr Dr. Karl P osner zum außerordentlichen Professor der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt worden sei. Der Betreffende ist nicht mehr Jude. — Während des Jahres 1902 sind 1486 Ehejubil äumsmedaillen verliehen worden, davon 40 an jüdische Ehepaare. — Herrn Jsaac Lamm, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Erfurt, ist der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. — Die Jakobsonschule zu Seesen wird die erste Anstalt im Herzogtum Braunschweig sein, welche zum System der Nesormschule übergeht. Von Ostern d. I. ab wird sie sich in der Weise gabeln, daß sie von ihrer Tertia bis Prima einerseits den bisherigen Lehrplan der Realschule ohne Latein beibehält, andererseits ihr ein Nealprogymnasium nach dem Frankfurter Lehrplan mit Latein angegliedert wird. Der gemeinsame Unterbau von Sexta bis Quarta bleibt unverändert. — Professor Hilprecht aus Philadelphia, der seit einiger Zeit in Jena weilte, ist jetzt, wie uns aus Jena telegraphiert wird, von dort abermals nach Mesopotamien zur Fortsetzung seiner babylonischen Ausgrabungen abgereist. — Bezeichnend sür die Zustände in Rumänien ist die Meldung des „Rumänischen Lloyd" vom 8. d. M. unter dem Schlagwort: „Bauern zu Gunsten eines Juden": 24 Bauern der Gemeinde Belcesti haben die Zurücknahme des Auftrages zur Ausweisung des in ihrer Gemeinde lebenden Israeliten Jtzig Aron verlangt. — Die Hörer der Universität Lausanne haben gegen die Aufnahme russischer Studentinnen an den eidgenössischen Universitäten demonstriert. Dieselben seien ungenügend vorgebildet. Die Prüfungen der Studentinnen erwiesen das Gegenteil. Professor Herzen nahm die Russinnen in Schutz und protestierte gegen die antisemitischen Forderungen der Hörer. — Die russisch-geographische Gesellschaft hat beschlossen, die synagogalen Melodien, welche unter den Juden Rußlands gesungen werden, zu sammeln und herauszugeben. — Aus dem in Kroßnojarsk unlängst stattgefundenen Kongresse der sibirischen Goldminenbesitzer wurde beschlossen, künftighin in den Goldgruben und Goldwäschereien Aerzte mosaischer Konfession nicht anzustellen. — Wie die „Nowoje Wrernja" aus Tiflis meldet, hat sich eine jüdische Deputation, bestehend aus dem Rabbiner Lewin und den Industriellen Portugalow und Krassnjanskij, nach Petersburg begeben, um für die Einverleibung des Kaukasus in das jüdische Niederlassungsgebiet an maßgebender Stelle zu plädieren. — Am 5. d. M. wurde an der Harvard-Universität das neue semitische Museum eröffnet, das in der Geschichte der jüdischen Forschung um so mehr Epoche machen dürfte, als es bisher einzig in seiner Art ist. Das Museum, das einen Kostenaufwand von 100 000 Dollar verursachte, ist eine Schenkung des bekannten Newyorker Philanthropen Jakob H. Schiff, der seit zehnJahren dem leitenden Komitee der semitischen Abteilung dieser Universität angehört. Der Eröffnung wohnten Vertreter aller größeren höheren Lehranstalten und theologischen Seminarien des Landes bei.—Der Mathematiker und berühmte Schachmeister Dr. Lasker hat eine Berufung als Professor der Mathematik an die Universität von St. Louis angenommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.