Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 46 (17.4.1838)
- Date
- 1838-04-17
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
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184 Geiste Genuglhuung, mvch dem Herzen Beruhigung verschaffen können, heben die Retrograden ihr alterthümlichrs Formenwesen hoch in die Wolken, und suchen mit den letzten Anstrengungen ihre <m sich wahren, aber mit einer dichten, aus Wahn gebildeten Ne- Lelhülle umdüsterten Principien, feftzustellen, und nimmer'weichen zu wollen. Und muffen sie auch endlich doch die Nebelhülle schwinden kaffen, so bleiben sie immerhin zur Zeit des Kampfes eine unnütze Kraft, welche dem überschwenglichen Streben der Ultras, mit ihrem horazischen Wahlspruche: Nullius adstrictus jurare in verba magistril Einhalt thut, und näher zum Ziele lecket. — Das Chaos zu entwirren, die Elemente zu sichten, die Formen zu lieblichen Gebilden, die Gott und Menschen erfreuen, gestalten, den Wust der verfallenen Trümmer vom. heiligen Tempel der Religion abzutragen, damit er in seiner ursprünglichen Schöne wieder dastehe, das sind die Ausgaben unserer und der nächstfolgenden Zeit. Kaum hat daS Werk begonnen. Der Genius der Menschheit sieht auS den lichten Höhen waltend darein. Kein Prophetenmund kann sprechen: so und so geht Schritt vor Schritt die Entwickelung eurer hohen Bestimmung. — Daß sie ober vor sich geht, liegt offen am Tage und bedarf keines Prophelenmundes. WaS liegt uns aber ob zu thun, damit wir auch hierin gottgefällig wandelnd, dem Ziele naher kommen mögen? — Zweiter Brief. Ordnen kann sich dann unsere wirre Lage, wenn wir haben werden: 1) Einen geregelten und vernünftigen Jugessdunterricht. 2) Gebildete und von ihrem Zwecke beseelte Rabbinen. 3) Rabbinatsynoden, durch sich und durch das Eingreifen der weltlichen Macht autorisirt, und von wahrer Philosophie erleuchtet. Aber alle diese drei Anforderungen bedingen eine die andere, jund können nur eine, durch die andere resultirt werden; doch ist die Erfüllung aller durchaus möglich und von der Folgezeit zuversichtlich zu erwarten. Da aber stets vor der positiven Verwirklichung des Guten, negativ, d. h. durch Abschaffung statthabender Mißbrauche der Anfang gemacht werden muß, so wäre zuvörderst beim Kinderunterrichte der Rationalismus, im Rabbinenthume die Autodidaktik, und bei den geistlichen Concilien das Einseitige der Repräsentation streng zu beseitigen. Mit einem Worte: mit der Verbreitung der Wissenschaften überhaupt, und der rationalen Ansichten in supernaturalen Dingen, wäre der wahre Hebel zur einstigen glücklichen Ausgleichung der Spaltungen und Unebenheiten unseres jetzigen religiösen Zustandes gegeben. Es sei uns erlaubt, einige Ansichten über die erwähnten Negationen aufzustellen und zugleich Letzteres zu beleuchten. Der Rationalismus beim Jugendunterricht scheint unö deshalb schädlich, indem dadurch dem JndifferentiSmuö Thür und Thor geöffnet wird. Religion und CultuS, obschon von der Vernunft postulirt, sind doch mehr Sache des GemütheS, und dieses ist insonderheit im kindlichen Alter für tranScendente Gefühle empfänglicher, und ihr? Eindrücke bleiben unvertilgbar durch das ganze Leben. Der Geists hingegen ist noch zu wenig entwickelt, als daß er eine kalte Prüfung der Tradition und der traditionellen Dinge vertrüge, und daraus Nutzen schöpfte. Vielmehr würde eine kalte Abglättung deS Geistes auf Unkosten alles religiösen Gefühls entstehen; und so wie ein reiner Deismus nur dann zur VolkSreligivn sich eignen wird, wenn „der Wolf mit dem Schafe wohnt, der Tiger mit dem Böcklein. sich einträchtiglich lagert, und ein kleiner Knabe sie leitet (Jesaja)," bis dahin aber dem Volke das Concrete nothwendiger als die Abftraction ist; eben so wenig können wir von einer rein rationalistischen Erziehung un.s für das kindliche Gemüth gedeihliche Folgen versprechen, es müßte denn das Kind mit einem ausgezeichnet zartem und richtigem moralischen Gefühle schon von der Natur begabt worden sein. Beim gewöhnlichen Kinde aber,' wo das Gemüth zu wenig cultivirt worden, verwischen sich seine rationalistischen Ideen im praetischen Leben gar bald, und es bleibt nur die Leere des Gemüthes und die Kälte des Herzens, Apathie und Unempfänglichkeit deö Geister für religiöse.Ideen, kurz, der starre JndifferenrismuS, wie er feit Decennien unter unö gäng und gebe geworden. Nicht minder aber liegt die Duelle der religiösen Gleichgiltigkeit im entgegengesetzten Endpunkte, nemlich in Umdunkelung deS kindlichen Geistes mit mystischen Erklärungen der heiligen Schriften, Umnebelung deö Wortes mit hagadischen Obscuritäten, und Mystificationen mikrologischer Observanzen. Bekommt der Knabe gleich beim ersten Unterrichte im Pentateuch, statt eitler gesunden Exegese einen Schwall von Mythen und superstitiösen Deuteleien, so ist e6 kein Wunder, wenn er sie im reifern Alter, ihrer auS der Kindheit sich erinnernd und nun verlachend, mit andern der Beherzigung und Erhaltung würdiger Wahrheiten zugleich verwirft. Nicht anders ging es denen, die im Afterheiligrhume deS Formenwesens und der Ascetik erzogen, später das Kind mit dem Bade ausschütteten, und mit dem Wust deS Falschen auch gar vielem Wahren sich entfremdeten. Es gilt also hier mehr als sonst irgendwo die rechte Mitte zu halten. Eine gesunde Exegese werde dcm Kinde gegeben; sein Geist werde erleuchtet, und in sein Gemüth heiliger Same gestreuet, der in dessen Tiefe feste Wurzel schlage, keime, und zum Lebensbaume erwachsenen alle Winde und Stürme des praktischen Lebens, .von seinem Sradpunkte zuentrücken nicht vermögen." — So lange der Rabbine Selbstschöpfer seiner wissenschaftlichen Bildung sein wird, ist warlich für uns kein Heit zu erwarten. Ein Mensch, der den größten Theil seiner Jahre talmudischen Subtilitären, ralmudischer Kasuistik, dem Eruiren spitzfindiger Distincrionen uud Combinationen, die jeder gesunden Logik entbehren, geopfert hat, der seine Moral, seine LebenSansickt der Agada dankt, ist zum Volköleiter durchaus verdorben. Ausnahmen sind freilich nicht zu läugnen, ulld wir sagen eö mit innigem Vergnügen, daß mancher Autodidakt als Muster ausgestellt zu werden verdient; aber wie viele sind ihrer?— Welche Concurrenz von glücklichen subjectiven Anlagen und äußern Influenzen setzt es voraus, bis einer sich gehörig orientire, durch einen gewissen intellectuellen Jnstinct geleitet die rechte Bahn einschlage, daS, was er aufnimmt gehörig affimilire, die Frucht aus der. Schate, daS Körnchen auö der Spreu zu lösen verstehe! Von der weit größern Zahl ist dieses warlich nicht zu erwarten, und weil unsere Rabbinen keinen öffentlichen, gesunden, der Vernunft der Moral, und der Religion angemenenen Unterricht genießen, darum sehen wir so viele unter ihnen, deren Horizont so eng beschränk ist, die in einer- Wolke von kabbalistischen Träumereien schweben, nicht heilsam, noch weniger verbessernd einzuwirken vermögen, denen ihre Avcetik das summum bonum ist, und wenn es hoch kommt, nur einer Jndulgenz gegen anders Gesinnte fähig sind, anstatt wieder Andere offen in die Schranken treten, und mit ihrem Zelotenfeuereifer jeden Keim der Intelligenz und Kultur zu ersticken sich bestreben. Endlich wäre auch über den Ausgangspunkt der Synodal-Discussionen zu sprechen. Doch dieses Thema, da es von großer Wichtigkeit ist, erfordert eine lange Abhandlung, welche ich vielleicht in der Folge Ihnen vorzulegen mir die Freiheit nehmen werde. (Schluß folgt.) Redacteur: Dr. L. Philipps*)«. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.