Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Ehe des Barons Hermann Königswarter, die von allen Zeitungen besprochen wird. Bekanntlich mußte sich derselbe trotz der Taufe und des Opfers von einer Million Gulden doch von seiner christlichen Gattin scheiden lassen. Noch zu Lebzeiten seines Vaters hatte der Sohn jener Dame sich versprochen, die er aber nur unter der Bedingung heiraten durfte, daß sie Jüdin werde. Sie trat auch zum Judentum über und ist Baronin geworden. So lange der Vater lebte, zögerte der Sohn, ihn durch einen Glaubenswechsel zu kränken. Nach dem Tode des alten Barons aber fand man in seinem Testament eine Bestimmung, wonach der Sohn, „wenn er sich tausen lassen sollte", aus dem Nachlasse eine Million Gulden zu gunsten wohltätiger Zwecke zu zahlen habe. Tatsächlich bewog die junge Baronin ihren noch immer verliebten Gatten, die Taufe zu nehmen. Der verstorbene Kardinal Schlauch vollzog den Taufakt des Barons und die Wiederbekehrnng seiner zur Jüdin gewordenen Gattin. Baron Hermann Königswarter, zum Christentum übergetreten, verlor die Million. Wie sehr ihm diese Ehe behagt, beweist folgende Meldung aus Großwardein: „Der hiesige königliche Gerichtshof hat die Ehescheidung zwischen dem Baron Hermann Königswarter und Melanie Blaskovich ausgesprochen. Melanie Blaskovich erhält eine 4800 Joch umfassende Pußta und eine Jahres-Apanage von 30000 Kronen." — Während des strengen Winters war der Zug der aus Rumänien answandernden Juden ein schwächerer, die Armen, die ohnedies von Hunger und Verfolgungen aller Arten entkräftet sind, hätten auch unmöglich die Härten einer so großen Winterreise ertragen; in diesen Tagen jedoch passierten abermals 200 rumänische Männer, Frauen und Kinder Wien, um sich nach Amerika einzuschiffen. — Die Krakauer Handelskammer hat die Herren Albert Mendelsburg und Heinrich Schwarz zum Präsidenten und Vizepräsidenten gewählt. Rußland. i. Lt. Petersburg, 15. Februar. Zur Ehrung von Baron Günzburg fand am 9. d. M. im Saale des Konservatoriums eine schöne Feier statt. Schon am frühen Morgen traf der Minister von Witte in der Wohnung des Jubilars ein, um ihm die Insignien desAnnenordens I. Klasse zu überreichen. Später erschienen 60 verschiedene Deputationen, viele Adressen waren in hebräischer Sprache abgefaßt. Unter den verlesenen Telegrammen waren auch diejenigen von Staatsrat W. I. Kowalewsky, von der Gräfin Adlerberg, von der Hilfsgesellschaft für Erzieherinnen und Lehrerinnen, voll den Verwaltungen der kaiserlichen Domänen in den Gouvernements Cherson, Jekaterinoslaw und Bessarabien, ferner von den jüdischen Schriftstellern in Odessa und vielen andern. Im ganzen waren 250 Telegramme eingelaufen. Unter den schön ausgestatteten Adressen zeichneten sich vornehmlich durch Originalität und Eleganz diejenigen der jüdischen Handwerker und der jüdischen Gemeinde in St. Petersburg aus. Die jüdischen Handwerker Rußlands meldeten außerdem noch au. daß sie ein ansehnliches Kapital sür den „Baron Günzburg-Fond" gesammelt haben. Die Petersburger Judenheit hat ein Kapital von 100000 Rubel für den Ehrenfoud zusammengebracht, der zur Gründung eines jüdischen Lehrerseminars bestimmt ist. Fast alle Städte des russischen Reiches kündigten an, daß an seinem Geburtstage ein Festgottesdienst und eine Festversammlung stattfinden sollte. Die kaiserliche Musikalische Gesellschaft ernannte Baron Günzburg, der zu ihren Gründern gehört, zum lebenslänglichen Ehrenmitglied. Zn Tränen gerührt, dankte der Jubilar von Herzen den Vertretern aller Gesellschaften und Institute und den einzelnen Personen, die erschienen waren. Der Festakt begann um 1 Uhr 30 Minuten und dauerte bis 6 Uhr. Unter den Klängen eines Chorals und unter rauschenden Ovationen verließ Baron Günzburg den Saal des Konservatoriums, um sich nach seiner Wohnung zu begeben. Von Nah und Fern. Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz und Prinzessin Heinrich besuchten am 14. d. M., vormittags 10 Uhr, die Werkzeugmaschinenfabrik von Ludw. Loewe & Co. und die Fabrik der Union Elektrizitäts-Gesellschaft in Martinikenfelde. Mit dem Ausdrucke besonderer Anerkennung verließ der Kaiser mit den anderen Herrschaften nach dreistündigem Aufenthalte die Fabriken. Bei dieser Gelegenheit verlieh der Kaiser dem Kommerzienrat I. Loewe den Roten Adler-Orden. — Der Kommerzienrat Manfred Cahn ist an seinen! 49. Geburtstage am 15. d. M. hier gestorben. — Der geschäftssnhrende Ausschuß des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" hat Reichstags- und Laudtagsabgeordneten Dr. Th. Barth zum ersten Vorsitzenden und Herrn Geh. Baurat a. D. Benoit zum Schatzmeister gewählt. — Ob den Privatseminaren, einschließlich .jüdischen, die Berechtigung erteilt werden kann zur Ausstellung von Befähigungszeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, darüber schweben, nach Mitteilung der Negierung in der Petitionskomnüssion des Reichstags noch Erwägungen; die Kommission hat deshalb beantragt, die Petitionen dem Reichskanzler zur Erwägung zu überweisen. — Bei den Buchhändlern und Kolporteuren wurde das vor kurzem erschienene Druckhest des Rechercheurs Gustav George, „Enthüllungen zur Konitzer Mordaffäre", beschlagnahmt. Die Beschlagnahme erfolgte, der „Staatsbürger- Zeitnng" zufolge, wegen Beleidigung der Konitzer Untersuchungsbehörden, nicht aber wegen Beleidigung der im Druckheft des Mordes beschuldigten Herren. — Das Offizierkreuz des königlich rumänischen Ordens „Stern von Rumänien" hat der Rittergutsbesitzer und Verlagsbuchhändler Salo Schottländer zu Benkwitz im Kreise Breslau erhalten. — In Schwerin a. W. ist am 8. d. M. der langjährige Nepräsentantenvorsteher Gustav Boas nach langen Leiden gestorben. — In Lab i sch in haben die Landtagswahlen bisher in der Synagoge stattgefunden. Jetzt wollen, nach einem Bericht des nationalliberalen Abgeordneten Saar, die dortigen Juden auch nicht mehr die Synagoge für diesen Zweck hergeben. Es ist interessant, daß der frühere Rabbiner — konservativer Wahlmann war. — In Hamburg wurde in der Bürgerschaftssitzung der Senatsantrag auf Ueberlassung eines 3000 Quadratmeter großen freiliegende!, Bauplatzes am Bornpark, vor dem Dammtor. an die Deutsch-Israelitische Gemeinde zwecks Erbauung einer großen Synagoge und eines Gemeindehauses ohne Debatte einstimmig genehmigt. Der vereinbarte Preis ist unter Berücksichtigung des Zweckes ein sehr mäßiger; der Platz darf jedoch nur dem genannten Zwecke dienen. — Der Lehrer- Louis Jacoby zu Mülheim am Rhein ist von der königlichen Regierung zum Klassenlehrer an der öffentlichen israelitischen Volksschule in Köln ernannt worden. — Die Wahlen der Herren Sylvain Levy, Dr. Ernst Müller und Aug. David in Metz und Sylvain Berr in Saarburg zu Mitgliedern des israelitischen Konsistoriums von Lothringen haben die Bestätigung der Regierung erhalten.— Dem jüdischen Gutsbesitzer Alex Hoffmanu in Nograd-Bank sowie dem jüdischen Advokaten Dr. Moritz Pick wurden die im Alter von 4 bis 14 Jahren stehenden vier Kinder geraubt. — Infolge des Gesetzesvorschlages der obligaten Sonntagsruhe, der jetzt im italienischen Parlamente auf der Tagesordnung ist, wendeten sich sämtliche italienischen Rabbiner mit einer Bittschrift an das Parlament, in der sie darauf himviesen, daß die Juden wegen des Sabbaths dem neuen Gesetze gemäß zwei Tage ruhen müßten, was für sie sehr nachteilig wäre. Deshalb verlangten sie im Namen der Fceiheit der Person und des Handels, daß das obligate Gesetz der Sonntagsruhe sich auf die Juden nicht erstrecke. Die Bittschrift wurde vom Oberrabbiner von Florenz. Dr. S. Margulies, und dem Advokaten M. Finzi verfaßt. Es wird von Interesse sein, die Stellung der jüdischen Abgeordneten in der italienischen Kammer zu beobachten. — Zum Präsidenten der 8oemlö iles Ltuckss 4uiv68 sür 1903 wurde Sylvain Levy, Professor des Sanskrit am OolleAo in Paris, gewählt. — Der König von Portugal hat Herrn Salomo« Seruya in Anerkennung seiner Verdienste um die portugiesischen Einwohner Transvaals zum Ritter ernannt. Seruya ist aus Lissabon gebürtig, 1898 kam er nach Südafrika als Korrespondent des „Diano de Noticias". Er war in Lorenao-Marques Sekretär des portugiesischen „Kurators der Eingeborenen" in Transvaal. Daun war er auch eine zeitlang Generalkonsul von Portugal in Südafrika. — In Bialystok ist am 8. v. M. der allgemein geachtete Großkausmann I. B. Wolkowiski im Alter von 83 Jahren gestorben. Er war lange Jahre Gemeindevorsteher und hat auch um die Stadt große Verdienste sich erworben. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.