Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Ich habe Ihre Zuschrift am 15. d. M. erhalten und aus derselben mit größter Freude und aufrichtiger Genugtuung entnommen, daß mein Eintreten für unsere Glaubensgenossen in Rumänien die Zustimmung und Anerkennung der österreichischen Juden gefunden hat. welche so viel besser als ich in der Lage sind, das System der Verfolgungen. unter welchen dieses unglückliche Volk dermal zu leiden hat, zu erkennen. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihre bedeutsame und wohlwollende Kundgebung unter den Juden dieses Landes Verbreitung finde. Dieselben mögen daraus ersehen, mit welchen Gefühlen der Sympathie und des Mitleides Sie die traurige Lage jener verfolgen, in deren Interesse ich ausgetreten bin, Gefühle, die wir ganz und voll mit Ihnen teilen. Ihr freundlichst ergebener Marcus Samuel, Lordmayor. — Unsere nächsten Probeprediger sind Dr. La z ar us-Göding und Dr. Lewin-Malaczka. Eine treffende Antwort hat Oberrabbiner Dr. Immanuel Löw in Szegedin den hiesigen Herren vom Vorstand gegeben. Auch er erhielt eine Berufung, um hier eine Proberede zu halten. Löw erklärte jedoch seiner Gemeinde, daß er in Szegedin verbleibe, denn wer die Treue zu den Idealen verkündet, müsse auch d e mgem äß handeln. Die Gemeinde nahm in ihrer Generalversammlung diesen Entschluß mit Dank zur Kenntnis, ließ den Oberrabbiner durch eine Deputation abholen und feierte ihn mit einer begeisterten Ovation. — Bekanntlich ist der Kaiser in diesem Jahre dem Ball der Stadt Wien, den die antisemitische Gemeinderats-Majorität alljährlich veranstaltet, fern geblieben, dagegen besuchte Erzherzog Franz Ferdinand den Ball, und da spielte sich folgende komische Episode ab: Erzherzog Franz Ferdinand richtete anGregorig die Frage: „Wie geht Ihr Geschäft?" Gregorig erwiderte irgend etwas auf diese Frage und begann dann sofort von der Donauregulierung zu sprechen. Der Erzherzog zeigte sich über dieses Benehmen ganz befremdet, machte auch eine erstaunte Kopfbewegung und entfernte sich sofort von Gregorig. Die Kopsbewegung des Erzherzogs, die eine Zurechtweisung bedeuten sollte, hat nun Gregorig als Zustimmung zu seinen Bemerkungeu über die Donauregulierung aufgesaßt. So sind nun die christlich-sozialen Größen, das Geschäft und das Profitchen davon möchten sie haben — spricht sie aber einmal ein Großer an. dann wollen sie keine Geschäftsleute, sondern einzig große Vertreter des Volkes sein; wie ihnen das gelingt, beweist wieder einmal das lächerliche Benehmen des Pfaidlers Gregorig dem Erzherzog gegenüber. Frankreich. C6. Paris, 28. Januar. Der Senator und ehemalige Minister Raynal ist heute hier gestorben. David Raynal wurde 63 Jahre alt. In Paris geboren, entstammte er einer jüdischen, in Bordeaux ansässigen Weinhändlerfamilie, und auch er ergriff den Beruf seines Vaters und etablierte sich in Bordeaux als Weinhändler. Im Jahre 1897 entsagte er dem kaufmännischen Berufe und wandte sich der Politik zu. Er wurde in die Kammer gewählt, wo er seinen Sitz auf der republikanischen Linken einnahm und sich eng an Gambetta anschloß. 1880 wurde er als Uuterstaatssekretär in das Ministerium der öffentlichen Arbeiten im Kabinet Freycinet berufen. Im folgenden Jahre übertrug ihm Gambetta das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten, das er bis gegen Ende des Jahres 1882 verwaltete. Ferry berief ihn 1885 in gleicher Eigenschaft in sein Kabinet, dem er bis 1885 angehörte. Zu wiederholtenmaleu war Raynal dann Mitglied der Budgetkommission. In der Kammer wurde er Führer der gemäßigten Linken und als solcher 1893 unter Casimir Perier Minister des Innern. Im Januar 1897 wurde Raynal zum erstenmal von der Gironde in den Senat gewählt. Amerika. — Chicago, im Januar. Hier ist am 9. d. M. Professor Gabriel Bamberger, Direktor der ^ennsli 8dioo1 (Volksschule mit Handfertigkeitsunterricht) gestorben. Er war am 3. Juni 1845 in Angerod, Hessen, geboren, hatte anfangs in Breslau sich dem Theologiestudium gewidmet, trat aber bald in das Lehrfach über, wurde 1879 von Felix Adler zur Leitung der Musterschule der Ethischen Kulturgeseüschaft berufen, welche Stellung er 1890 mit der Leitung der Schule in Chicago vertauschte, welche hauptsächlich der Amerikanisierung russischer Einwanderer dient. Er war ein Bruder des verstorbenen Rabbiners von Königsberg, Dr. Isaak Bamberger. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. --- Der Berliner Magistrat wählte den Oberarzt Dr. Alfred Neu mann von der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses am Friedrichshaiu zum Direktor dieser Abteilung. — Die Rote Kreuzmedaille III. Klasse erhielten die verwitwete Frau Konsul Flora Frä nkel. geb. Alexander und der Vorsitzende derLandesversicherungsanstalt Or. ^'ur. N i ch a rd Freund hier. — Der Geheime Kommerzienrat E. Arnho ld hat den Kronenorden III. Klasse erhalten. — Der praktische Arzt, Sanitätsrat Dr Adolf Michaelis, ist nach langem Leiden am 25. v. M. im 57. Lebensjahre gestorben. Das jüdische Genesungsheim in Lehnitz soll in diesem Jahre bereits Anfang März wieder eröffnet werden. Meldungen um Aufnahme weiblicher Patienten können schon jetzt an das Bureau des Vereins, Große Präsidentenstraße 31., gerichtet werden. Aerztliches Attest ist beizufügen. — Frau Bankier Rosa Berliner in Schneidemühl wurde einstimmig in den Vorstand des Vaterländischen Frauen-Vereins wiedergewählt. Seit 18 Jahren gehört genannte Dame ununterbrochen dem Vorstande und seit 34 Jahren dem Frauenverein selbst an. — Dem früheren Stadtverordnetenvorsteher in Posen, Sanitätsrat Dr. Landsberger, der im Oktober v. I. nach Charlottenburg übersiedelte haben die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt eine Bronze-Statuette des Kaiser Friedrich-Denkmals gestiftet. -- Die Preisaufgabe der philosophischen Fakultät in Breslau hat Canä. ptül. Arnold Klein aus Tuna-Söldner in Ungarn gelöst.— In Beutheu O.-S. wurde Dr. Mannheimer — nunmehr zum 35. Male — als Stadtverordneten-Vorsteher wiedergewählt. — Das Reichsgericht in Leipzig verwarf die Revision des Grafen Pückler- Kl.-Tschirne, der am 19. Juni v. I. vom Landgericht Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt wurde, sowie die des Staatsanwalts zu gunsten des Angeklagten, ferner die Revision desselben Angeklagten gegen das Urteil des gleichen Landgerichts vom 4. September v. I., durch das er wegen Herausforderung zum Zweikampf zu zwei Monaten Festung verurteilt wurde. — Der Landrabbiner des Grobherzogtums Sachsen-Weimar- Eisenach, Dr. Wiesen, wurde am 11. d. M. im Nesidenzschlosse zu Weimar vom Großherzog in Audienz empfangen. Derselbe erkundigte sich mit lebhaftem Interesse nach den Verhältnissen der israelitischen Gemeinden des Landes. — Der Fleischbesudelungsprozeß gegen den Fleischer Aron Baum in Nordheim wurde vor der Strafkammer in Schweinfurt am 28. und 29. v. M. nochmals verhandelt. Der Ankläger Johann Schmidt wurde wegen Vergehens der üblen Nachrede in eine Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. Dem Baum wurde die Befugnis zugesprochen, den Tenor des Urteils zu veröffentlichen. Es kam in Berücksichtigung der Zeitraum bis zur Nachrede, der Widerruf, der Vergleich, der Fortbezug des Fleisches, die Schwere der Beleidigung, sowie der Umstand, daß durch keinen Zeugen die Verunreinigung des Fleisches selbst festgestellt werden konnte. — Frau Baruch Dukas Witwe, Ernestine geb. Bloch in Frei bürg, hat aus Anlaß des 50jährigen Regierungsjubiläums des Großherzogs und zum ehrenden Andenken ihres verewigten Mannes, des Bezirksältesten und Synodalmitgliedes Baruch Dukas, eine Stiftung von 25 000 Mark unter dem Namen „B. Lukas-Stiftung" gemacht, deren Zinsen zur Heranbildung praktischer und theoretischer Unterweisung und Erziehung israelitischer Jünglinge und Mädchen des Großherzogtums Badens für Landwirtschaft und Gartenbau, sowie zur Gewährung von Unterstützungen au gehörig ausgebildete badische Israeliten behufs selbstständiger Ausübung der genannten Berufszweige dienen sollen. — In Kopenhagen wurde Oberrabbiner Dr. Lee w enstein-Haag einstimmig zum Nachfolger des Oberrabbiners Simonsen gewählt. — Die Zeitungen melden, daß Herr v. Witte bei Gelegenheit seiner letzten Reise nach Dalny, dem neu geschaffenen Hafen in Sibirien, den Juden und den Japanesen gestattet habe, Landparzellen von dem zur Gründung der neuen Stadt bestimmten Terrain in Pacht zu nehmen. Dessenungeachtet können weder die einen noch die anderen Eigentümer werden. — Der Advokat Maurice B. Blumenthal in New York ist zum Attorney-General (Kronanwalt) des Staates Newyork ernannt worden. — In Sau Francisco ist Professor Josef Neumann im 76. Lebensjahre gestorben. Er hat zuerst die Seidenzucht in Kalifornien eingesührt. Druck und Verlag von N udolf Mosse in Berlin. LerantlvortUch für dis Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.