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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 krankung das Amt eines Handelsrichters versah. Der l. Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Jnstizrat Ofner, ries dem allzufrüh Verblichenen, welcher jahrelang Mitglied des Nevisionsausschusses der Verwaltung und Kassierer des Darlehnsvereins war. am Grabe herzliche Wort des Dankes und der Anerkennung nach. Der Verstorbene hatte für jüdische Interessen ein warmes Herz. Sein Andenken bleibt gesegnet in unserer Gemeinde. Oesterreich-Ungarn. Wien, 26. Januar. In seiner letzten Sitzung hat der Vorstand der Kultusgemeinde beschlossen, daß in Zukunst Frauen als Religionslehreri nne n für die ersten drei Klassen der Volksschule zugelassen werden. Bei der Religionslehrerinnenprüfung wird den Kandidatinnen die Kenntnis des Pentateuchs in der Ursprache erlassen. — Eine sonderbare Nachricht aus H i lsn ers Zelle gelangte zur Kenntnis Ihres Korrespondenten, nun berichten auch die Tagesblätter darüber, daß Hilsner in einem Anfall von Raserei das Kruzifix von der Wand gerissen und mit Füßen getreten habe, wofür er zu Einzelhaft und Fasten verurteilt wurde; er begründet seine Handlung mit unerträglichen Quälereien und Mißhandlungen seiner Zellengenossen, ob dem nun so sei. oder ob sein kurzer Verstand ihm noch in der Zelle abhanden gekommen, ist unentschieden — eines jedoch ist sicher: der Unselige gehört in das Irrenhaus, daraufhin weist seine ganze Art und Weise. — Jüngst erfolgte die Standeserhöhung des Negierungsnunmehr Hofrates Professor Dr. Leopold Oser; hierzu ist noch nachzutragen. daß diese Auszeichnung im Zusammenhang mit dem Neubau des Rothschild-Spitals steht, als dessen Leiter Professor Oser seit dem Jahre 1872 fungiert. — Aus gleichem Anlaß wurde der Baurat Wilhelm Stiaßny durch Verleihung des Offizierskreuz vom Franz Josefs-Orden ausgezeichnet. — Dem Bauunternehmer David Rothhirsch in Kra.kau ist das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen worden. — In Troppau wurde der Redakteur der „Alldeutschen Corresp." Anton Schimana wegen mehrerer schmähender Aufsätze gegen den Gymnasialprofessor Schwarz in M.-Ostrau, deren vollständige Grundlosigkeit während der Verhandlung dargelegt wurde, zu drei Monaten Arrest, verschärft mit einem Fasttage in je 14 Tagen und zur Tragung sämtlicher Kosten sowie zur Veröffentlichung des Urteils in vier Blättern verurteilt. Professor Schwarz ist Jude und in seinen! Wirkungskreise sehr beliebt. Großbritannien. 5. London, 25. Januar. Das englische Judentum hat einen schmerzlichen Verlust zu beklagen. Joseph Sebag Montefiore, der Neffe und Erbe des unvergeßlichen Moses Montefiore, ist hier im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit am 16. d. M. verschieden. Als Sohn des aus Marokko eingewanderten Salomon Sebag 1822 in London geboren, hieß der Verstorbene bis 1885 nur Joseph Sebag. Sein Vater heiratete eine Schwester Montefiores, 1855 wurde Joseph in den Maamad (Vorstand) der spanisch-jüdischen Gemeinde, und ein Jahr daraus zum Vorstandsmitglied des Board of Deputies. der von der englischen Regierung offiziell anerkannten Vertretung der englischen Judenheit, gewählt. Beiden Institutionen widmete sich nun der Verstorbene mit solcher Umsicht und Begeisterung, daß die Londoner Juden sich bald daran gewöhnten, in Joseph Sebag den Nachfolger Moses Montefiores zu sehen. 1884 wurde Joseph Sebag zum Präsidenten der Londoner portugiesischen Gemeinde und 1895 zum Vorsitzenden des Board of Deputies gewählt, in welcher Eigenschaft er 1901 König Eduard VII. im Namen der englischen Judenheit zu seiner Thronbesteigung gratulieren durste. Nebst diesen jüdischen Ehrenämtern bekleidete Joseph Sebag eine große Reihe anderer öffentlicher Aemter. Er war Leutnant der City of London, Friedensrichter für London, Kent und dessen fünf Hafenstädte, Mitglied des Kenter Provinziallandtags. Obersheriff für Kent und als einflußreiches Mitglied der konservativen Partei regierender Kanzler von Thanet. Sir Joseph Sebag Montefiore war der erklärte Liebling seines großen Oheims und wurde von diesem in alle von ihm zu gunsten des Judentums eingeleiteten Schritte eingeweiht. 1866 begleitete er ihn auf seiner Palästinareise. 1866 gestattete die Königin Mr. Joseph Sebag, den Montefiore zu seinem Haupterben eingesetzt hatte, den Namen Montefiore zu führen, 1893 wurde er „wegen seiner großen Verdienste um die jüdische Gemeinde" zum Baronet erhoben. Nur in England kann es noch Vorkommen, daß einem Juden wegen großer Verdienste um das Judentum der Adel verliehen wird. Joseph Sebag- Montefiore war streng orthodox, aber trotzdem sehr tolerant gegen Andersdenkende und ein geradezu begeisterter Freund des Friedens- Seine sprichwörtlich gewordene Friedensliebe hat sehr wesentlich zu^ Milderung der Gegensätze zwischen Sephardim und Aschkenasim in London beigetragen und seinem Einfluß ist es zu verdanken, wenn die beiden großen Gemeinden Londons bei allem Antagonismus doch noch eine Reihe von gemeinschaftlichen wohltätigen Institutionen besitzen. Sein Tod reißt namentlich in den immer dünner werdenden Reihen der Londoner portugiesischen Juden eine große Lücke. Ihnen blüht nicht wie den aschkenasischen Juden ein Nachwuchs, und ein Mann wie Sir Joseph Sebag Montefiore wird den portugiesischen Juden nie wieder erstehen. Von Nah und Fern. — Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat dem Privatdozenten Dr. Josef Horovitz zur Herausgabe der Gedichte des arabischen Dichters Kumait 500 Mark bewilligt. — Ein jüdisches Blatt hat den kürzlich verstorbenen Oberstabsarzt Dr. Sommer in Potsdam zum Juden gemacht. Das war wieder einmal falsch. — Im Reichstagswahlkreis Oschersleben-Halberstadt -Wernigerode haben die Vertrauensmänner des Bundes der Landwirte in Gemeinschaft mit den Antisemiten beschlossen, den bekannten Professor Paul Förster als Kandidaten für den Reichstag anfzustellen. — In Breslau ist im 64. Lebensjahre am 26. d. M. der Geheime Medrzinalrat, Kreisarzt a. D. Dr. Adolph Landsberg gestorben. — Dem Amtsgerichtsrat Levy in Beuthen ist der Rote Adlerorden IV. Klasse vergehen worden. — Der 20 jährige Optiker Grabich in Le ipzig, welcher nach Verübung eines Lustmordes an dem achtjährigen jüdischen Mädchen Klein, den Leichnam desselben zerstückelte und in eine Kiste packte, ist zur definitiven Feststellung seines Geisteszustandes der Landesirrenanstalt Sonnenstein übergeben worden. Wenn der Mann ein Jude und das Mädchen eine Christin gewesen wäre — was hätten da wohl die braven Leipziger Blätter für einen Lärm geschlagen! — In Hamburg wurde der bekannte Verfasser des vielumstrittenen Werkes vorot da Utselwnnn, Herr Jsak Halevi, zum Klausrabbiner an der Levy Salomon-Klaus gewählt. — Der Gerichtsassessor Dr. Max May aus Worms wurde zum Amtsanwalt in Gießen befördert. — In Bingen wurde der Oberleh.rer Simon an der dortigen Realschule angestellt. — Pariser Blätter brachten die tolle Alarmnachricht, der Oberrabdiner von Genf sei zum Christentum übergetreten. In der Tat handelt es sich um ein weiter nicht bekanntes Individuum, namens Leps. — In Paris hat Mr. C lermont-Ganneau der Akademie der Inschriften den Text einer hebräisch-griechischen Inschrift überreicht, die jüngst in Jerusalem gesunden wurde und von einem Nikanor aus Alexandrien handelt. — Die verstorbene Baronin Cohn- Oppenhei m war die Stiefschwester des bekannten Publizisten Albert Millaud. Ihre Mutter war in zweiter Ehe mit dem Begründer des „Petit Journal", Millaud verheiratet. — Der Inspektor Adolphe Rufs wurde zum Direktor der Post und der Telegraphen in Ajaccio ernannt. - Am 12. d. M. feierte der Oberrabbiner von Am st erd am, Dr. I. H. Dünner, unter allgemeiner Teilnahme seiner Gememdemitglieder den 70. Geburtstag. — Die Architekten Nein Herz und Reichenberg in Odessa erhielten den Stanislausovden III. Klasse, Rechtsanwalt Granow den Annenorden III Klaffe und das Mitglied der kaiserlichen philantropischen Gesellschaft. Albert Chary, den Stanislausorden II. Klasse. — Wie man aus Moskau berichtet, hat der allgemeiurussische Lehrerkongreß den Wunsch ausgesprochen, daß die Lage der jüdischen Lehrer verbessert werden möge. — In Salo nicht ist Herr Saadi Levy, der Begründer der jüdisch-spaniolischen Zeitschrift „La Epoca", der für die Kultur der dortigen Juden hervorragendes geleistet hat, im 85. Lebensjahre, allgemein betrauert, gestorben. Ehre seinem Andenken! -- Die „Wiener Allg. Zeitung" meldet, daß in Fez ein Judenmassacre stattgefunden hat, bei welchem 20 Juden getötet wurden. — M. Cohn, Mitglied der Legislative, ist wieder einstimmig zum Bürgermeister von Adelai de gewählt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Barrchwitz in Berlin.

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