Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 seiner Leitung die Militärkapelle einen von ihm komponierten spanischen Walzer „Rositta" zur Ausführung brachte, der das Publikum zu stürmischen Beifallskundgebungen veranlagte. —t. München, 18. Januar. Amtlich wird bekannt gemacht: Die staatliche Genehmigung wurde erteilt: Zur Entstehung der von der Fabrikbesitzerswittwe Emilie Berlin in Fürth und von dem königlichen Oberlandesgerichtsrat Max Berlin in Nürnberg mit einem Kapitale von 20 000 Mark begründeten, zur Unterstützung bedrängter, in Fürth beheimateter Familienhäupter bestimmten „Louis B e rli n > sche n Unterstützungsstiftung" in Fürth — und zur Entstehung der von den Geschwistern Hugo Neumann, Kaufmann in München, Slegmund und Ludwig Neumaun, Kaufleute in London, und Betty Kahnweiler. Kausmannsgattin in Stuttgart mit einem Kapitale von 100 000 Mark begründeten, zum Betriebe einer Volksheilstätte der Stadt Fürth, eventuell zur Unterstützung in Fürth beheimateter Kranker bestimmten „Gustav und Babette Neumann'sche n Stiftung" in Fürth. Gleichzeitig wurde gestattet, daß beide Stiftungen unter dem Ausdrucke der Allerhöchsten Anerkennung des von den Stiftern bekundeten Wohltätigkeits- und Gemeinsinnes zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden. Louis Berlin war Handelsrichter und Magistralsrat in Fürth; er ist im vorigen Jahre gestorben und die Stadt Fürth hat ihm zu Ehren dankbarer Weise eine Straße Berlinstraße benannt; er und sein Bruder sind Urenkel des einstmaligen bambergischen Oberlaudesrabbiners und späteren Konsistorialrates und Landesrabbiners zu Kassel, Löw Maier Berlin, gestorben 21. Mai 1814. Oesterreich-Ungarn. Wien, 18. Januar. Das Gastspielpredigen dauert bei uns noch immer fort. Jetzt kommen die Herren Dr, Feuchtwang- Nikolsburg und Dr. Goldschmied-Proßnjtz an die Reihe. Unsere Vertreter werden aber nicht müde, zuzuhören! — Ein bedauerlicher Vorfall spielte sich in Zablocie bei Saybnsch ab. Am Neujahrstage drang ein Haufe mit Knütteln und Peitschen bewaffneter Burschen während des Morgengebetes in die Synagoge in Zablocie bei Saybusch. Die gerade im Gebet begriffenen Juden wurden von den Burschen geschlagen; dann sprangen die Exzedenten wie toll aus den Bänken herum, schlugen auf alle Geräte ein und entfernten sich erst, als Hilfe geholt wurde. Es wurde sofort die Anzeige bei der Gendarmerie gemacht, und dem Zablocier Wachtmeister Werber ist es zu danken, daß die Burschen noch am selben Tage verhaftet wurden. — Aus dem erzkatolischeu Steiermark wird abermals ein großer Betrug, von einem richtigen Antisemiten begangen, gemeldet: der Postbeamte Josef Hilber schädigte das Postärar um 60000 Krollen, meldete sich bei seinem Amte als krank — und verduftete nach Amerika. — Dem Direktor der israelitischen Blindenanstalt auf der Hohen Warte in Döbling, Simon Heller, ist das goldene Verdienstkreuz mit der Krone, und dem Direktor der österreichischen Unfall-Versicherungsgesellschaft, Gustav Weissenstein, das Ritterkreuz des Franz Josefs- Ordens verliehen worden. — Der Finanzminister hat den Steuereinnehmer Jsak Schreiber zum Hauptsteueramtskontrolleur für den Dienstbereich der Finanzlandesdirektion in Lemberg ernannt. — In Banjaluka fand am22. v. M. die Einweihung eines neuen Tempels statt, den die Gemeinde unter schwierigen Verhältnissen und großen Opfern erbaut hat. Rabbiner Dr. Brettholz und Oberkantor Roth aus Sissek vollzogen die Eiuweihungsfeier in sehr erhebender Weise in Gegenwart der Behörden, vieler Vereine und der gesamten Gemeinde. Italien. — Florenz, Anfangs Januar. Die Freude des Chanukahfestes wurde uns durch euren tiefbetrübenden Trauerfall gedämpft, der das beste Haus unserer Gemeinde zerstörte; Frau GiuliaFinzi, Gattin des rühmlichst bekannten Advokaten Professor Moise Finzi, ist im Alter von ca. 64 Jahren einem schweren Jnflueuzaanfall erlegen. Sie war eine Vertreterin jenes Typus echter Vornehmheit und feiner Bildung, die mit tiefer jüdischer Frömmigkeit gepaart eine herrliche Harmonie geben. Im Verein mit ihrem vortrefflichen Gatten weihte sie ihr ganzes Leben der Gottesfurcht und dem Wohltun; ihr ganzes Leben war ein ununterbrochener heiliger Dienst. Mit der glühenden Hingabe, die Frauenherzen eigentümlich ist. widmete sie sich allen ihren Pflichten. Sie war daS Muster einer Tochter, ihrem Gatten eine unersetzliche treue Gefährtin, die ihn nicht nur persönlich mit der denkbar größten Obhut umgab, sondern ihm auch in seiner beruflichen, wissenschaftlichen und gemeinnützigen Tätigkeit eine liebevolle Mitarbeiterinwar^ die ihm aufopfernd leistete, was ein schweres Augenleiden ihm selbst zu thun untersagte. Als Mutter hat sie den unsagbaren Schmerz erlebt' einen einzigen Sohn, den sie mit einer selten anzutreffenden Sorgfalt und persönlichen Mühewaltung bis zum dreizehnten Lebensjahr erzogen, sich plötzlich entrissen zu sehen; dieser große Schmerz ihres Lebens, der nie vernarbte, wurde gemildert durch ihre und ihres Gatten einzigartige Frömmigkeit, die die Geschicke Gottes in Ergebung und in Liebe ertrug, die Trost suchte und fand im Glauben sowie in der Ausübung religiöser Pflichten im weitesten Sinne des Wortes. Die heilige Schrift und religiöse Erbauungsbücher bildeten die ständige Lektüre des würdigen Paares, das in seiner Frömmigkeit stets von neuem Lebensmut und Lebenskraft fand. Ihr Wohltun war unvergleichlich, mit offener Hand und willigem Herzen hat sie in zartsinnigster und opferwilliger Weise überall eingegriffen, wo Not und Bedürftigkeit sich zeigten. Im Auslande ist das Haus Finzi infolge seiner reichen Gastfreundschaft, mit der es jedem seine Tür öffnete, weithin gerühmt, man kennt und verehrt dort die hohen Tugenden, die das seltene Paar auszeichneten. Unsere Gemeinde verliert eine fromme und edle Frau, ein gottesfürchtiges Weib, das Ruhm verdient' die würdig ist, daß in allen Toren ihr Lob verkündet werde. Dem greisen, verlassenen und seiner treuen liebenden Stütze beraubten Gatten möge Gott die Kraft verleihen, diesen schweren Verlust zu ertragen; möge der Allgütige ihn noch lange lange erhalten als Stolz unserer Gemeinde. Non Nah und Fern. — Der Stadtverordnete Leopold Roseno w ist am 13. d. M. zum Landtagsabgeordneten für den durch den Tod Rudolf Virchows erledigten dritten Berliner Wahlkreis gewählt worden. — Der Deutsche A nt ise m ite nbu n d und der Ostdeutsche Verband der deutschsozialen Neformpartei. beide unter Führung des Herrn Wilhelm Bruhn stehend, haben ihre Verschmelzung beschlossen. — Anläßlich des Ordensfestes haben Professor Dr. Zabludowsky hier und Professor Dr. Freuden th al-Breslau den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Sämtliche Juden der Stadt Könitz stellten der „Brest. Ztg." zufolge Strafantrag gegen den Rektor a. D. Ahlwardt wegen Beleidigungen in seiner Mitte Oktober in Berlin gehaltenen Rede. — Nach einem Bericht aus Dessau hat die verstorbene Baronin O ppenheim- Cohn dem Kaiser zwei Millionen Mark vermacht, der Stadt Dessau und der dortigen israelitischen Gemeinde je drei Millionen. Die Verwandten erhielten eine Million Mark. — Dr. W orms in Neustettin ist zum stellvertretenden Rabbiner und Neligionslehrer der jüdischen Gemeinde in Dresden gewählt worden. — Wie der „Frank. Kur." mitteilt, drängt die bayrische Regierung auf Versetzung der zwei israelitischen Lehrer von der Simultanschule in Nürnberg. Ein erst kürzlich von der Negierung gestelltes gleiches Verlangen hat der Magistrat abgelehnt. — Nach dem „Neuen Hessischen Volksblatt" ist der hessische Amtsrichter Mahr in Darmstadt der wegen Beleidigung eines jüdischen Reisenden zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, disziplinarisch mit einer Verwarnung bestraft worden. — Es ist ausgefallen, daß unter den franzö sis ch e n Neujahrs-Auszeichnungen nur je ein katholischer, protestantischer und jüdischer Geistlicher Vorkommen. Letzterer ist der Grand Rabbin von Paris, Dreyfuß, der zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde. — Das Ghetto von Modena, welches 1638 vom Herzog Francesco als „Necinto degli Ebrei" (Einhegung der Juden) errichtet wurde, soll nunmehr als Zeichen der vollzogenen Emanzipation abgerissen werden. Dasselbe besteht im wesentlichen aus den beiden Straßen Blasia und Coltellini, die bereits zur Zeit der Römer existiert haben sollen. Ebenso alt wie die zwei Straßen soll auch die jüdische Gemeinde selbst sein. — Wie aus Petersburg gemeldet wird, wurde dem Pariser Hause der Rothschild-Familie die Erlaubnis erteilt, in Rußland zwei Bankhäuser zu eröffnen. Die zwei Bankhäuser, welche ihre Geschäflsthätigkeit noch im Laufe dieses Monats beginnen sollen, werden in Petersburg und Moskau errichtet. — Das neue Werk, welches Maxim Gorki über die Juden in Rußland zu schreiben versprach, ist ein Theaterstück, das demnächst beendigt werden und den Titel „Der Jude" führen wird. Es verlautet, daß dieses Stück, an welchem Gorki bereits drei Jahre arbeitet, ausschließlich dem Leben der Juden in Rußland gewidmet ist, das Gorki so genau kennt. — In Djerba ist Joses Pariente gestorben, der mehrere Jahre Konsularagent für England und Italien in Tunis gewesen ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für di» Redaktion: MaxBauchwitzin Berlin.