Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Christlichsoziälen haben sich nicht gescheut, die jahrelangen Ersparnisse kleiner Leute an sich zu nehmen und damit ihrem Vergnügen zu fröhnen! — Die neueste, sicherlich nur aus Hatz und Brotneid gegen jüdische Aerzte, geplante Erfindung der Christlichsozialen ist die Gründung eines christlichen Aerztebundes — es ist mehr als Zweifel« Haft, ob diese streng christlich sich absondernden Aerzte sich auch dann absondern werden, wenn man sie zu einem jüdischen Kranken hast, von dem ihnen ein reiches Honorar winkt! — Der berüchtigte antisemitische Advokat Dr. Löbl wurde wegen mehrfacher Veruntreuungen von ihm anvertrauten Geldern zu einer sünfzehnmonatlichen schweren Kerkerstrafe abgeurteilt. — Dem Gutsbesitzer und Grobindustriellen Gustav Redlich wurde der Adelsstand verliehen. Großbritannien. f. London, 2. Januar. Die militärische Chanukahseier, welche vom jüdischen Militär-geistlichen F. L. Cohen seit einigen Jahren in der Zentralsynagoge alljährlich abgehalten wird, hatte immer ein ganz besonderes Gepräge gehabt. Die Anwesenheit von christlichen Geistlichen, des Lord Mayors, dem gesamten Magistrate der City, sowie zahlreicher christlicher Offiziere in ihren glänzenden Uniformen, Pflegte von jeher dieser Feier ein offizielles Gepränge zu verleihen. Diesmal übte der Gottesdienst auf die Londoner Bevölkerung durch die Anwesenheit des gefeierten Marschall Roberts eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Ans diesem Grunde mußte die Charlottenstraße. in der 274 jüdische Soldaten aller Regimenter und Waffen-! gattungen unter Kommando von 43 Offizieren Ausstellung genommen hatten, schon sehr frühzeitig voll starken Schutzmannsposten abgesperrt werden. Nach Ankunft des Lord Roberts, der in der Synagoge mit einem „Boruch habo!" empfangen wurde, öffnete der Lord Mayor, der diesmal über seiner vergoldeten Amtsrobe einen Tallis tragen durfte, die heilige Lade, aus der Chief Rabbi eine Thorarolle nahm, um dann das Gebet für den König zu sprechen. Darauf ergriff Rev. F. L. Cohen das Wort, um nach dem einleitenden Hinweis aus die Makkabäer hervorzuheben, daß die Juden schon vor dem Kriege in Südafrika im Heer und Marine gebührend vertreten waren. Seitdem hat sich die Zahl der Juden im Heere verdoppelt, in der Marine gar versechsfacht. Jnr Kriege selbst haben nachweisbar 1090 Juden aktiv teilgenommen und diese Zahl nähert sich nicht im entferntesten der Wirklichkeit, da zahlreiche Juden den Krieg mitgemacht haben, ohne sich als Juden zu erkennen gegeben zu haben. Es muß dabei ausdrücklich hervorgehoben werden, daß unter diesen Juden, welche für Englands Größe aus dem Schlachtfelds fochten, sehr viele waren, die jetzt als „fremde Eindringlinge" verschrien werden. Von diesen 1090 Juden sind 60 im Kriege gefallen und 67 verwundet worden, 42 Juden, darunter 16 Offiziere, 23 Gemeine und 3 Civilisten wurden in den Berichten ehrenvoll erwähnt. Dabei komme in England erst aus 238 Christen ein Jude. Redner schloß mit der Aufforderung an die in Heer und Marine dienenden Juden, ihre Abstammung nicht zu verheimlichen, da es jetzt auch in England keine Schande mehr ist, Soldat zu sein. Rußland. 1^. H.. 1. Odessa, im Januar. Am 19. v. M. starb hier nach langwieriger Krankheit der bekannte jüdische Schriftsteller Moses Basilewsky. Von seinen zahlreichen Werken sind besonders bekannt: die russische Uebersetzung die Traktats „Kaba-Lama", „Der Einfluß des Monotheismus auf des Entwicklung des Wissens". Er veröffentlichte in russischer Sprache eine ganze Reihe von Forschungen über jüdische Gelehrte nebst deren biographischen Skizzen, ebenso historisch-philosophische Studien über Spinoza, über die Wissenschaft und die Poesie der Juden in der Provence im 13. und 14. Jahrhundert, über den Anfang der Ansiedlung der Juden in England, über „Kar-Xoebba" und noch viele andere Schriften. Der Dahingeschiedene übersiedelte vor ungefähr 12 Jahren nach Odessa. Seine Werke sind vom Gelehrten- Komitee des Ministeriums der Volksausklärung in den Bibliotheken der jüdischen Schulen zugelassen. M. Basilewsky starb im 64. Jahre seines Lebens, seine Familie im größten Elend zurücklaffend. Friede seiner Asche! Non Nah und Fern. — Am 10. d. M. ist hier der Geheime Kommissionsrat Adolf Hausmann im 63. Lebensjahre gestorben. Er war im Vorstand verschiedener jüdischer Wohlthätigkeitsvereine und erfreute sich allgemeiner Achtung. Ehre seinem Andenken! — Der Bankier Gustav Mosler hat 16000 Mark und die Gebr. Simon 10000 Mark für die Reuter-Stiftung gespendet. — Dr. Adolf Frank feierte am 8. d. M. in Charlottenburg sein 25 jähriges Jubiläum; er ist in wissenschaftlichen und industriellen Kreisen als Begründer der deutschen Kaliindustrie bekannt. Als Stadtverordneter hat er sich besonders den städtischen Werken in Charlottenburg gewidmet. Er ist in erster Linie für die dortigen Gasanstalten tätig gewesen. — Dem Kreisarzt Dr. Michaelson in Wreschen wurde der Charakter als Medizinalrat verliehen. — In Breslau wurde der GeheimeJustizrat Dr. Freund zum achtzehnten Male zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Seine Wahl erfolgte einstimmig. — Ebenso wurden in Posen der Justizrat Dr. Lewinski und in Liegnitz Herr Heinrich Cohn wieder zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. — In Laurahütte feierte sein 25 jähriges Jubiläum als Vorsitzender der israelitischen Gemeinde der Kaufmann Brahn. Aus diesem Anlaß fand am Abend des genannten Tages ein von der Gemeinde veranstaltetes Festessen statt. — In Jena ist am 9. d. M. Geheimer Kirchenrat Professor Dr. Siegfried im 75. Lebensjahre gestorben. Er war einer der wenigen christlichen Theologen und Orientallsten, der auch die spätere rabbinische Literatur kannte und vorurteilslos beurteilte. Ehre seinem Andenken! — Die Stadtverordnetenversammlung in Friedeberg bewilligte aus der Stadtkasse einen Betrag zur Wiederherstellung des Judenbades. Das aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammende Kulturdenkmal soll später gegen ein Eintrittsgeld zugänglich sein. — In Braunsbach ist der Rabbiner M. Ber lin ge r im 72. Lebensjahre gestorben. — Die Kapitäne Leon Levy vom 57.. Meyer vom 96. und Steinmetz vom 19. französischen Infanterieregiment sind zu Rittern der Ehrenlegion ernannt worden. Kapitän Levylier ist zum Eskadronschef der 9. Husareneskadron, Oberleutnant Heymann zum Obersten des 74. Infanterieregiments und Oberstleutnant Baum garten vom 141. Infanterieregiment zum Bataillonschef ernannt worden. Man sieht aus diesen Beförderungen, daß es der klerikalantisemitischen Kltque einstweilen noch lange nicht gelungen ist, die Juden in Frankreich aus der Armee zu verdrängen. — Am 30. v. M. feierte Baron Gustav Rothschild das 50jährige Jubiläum als Vorstandsmitglied des Pariser israelitischen'Konsistoriums. — Oberrabbiner Simonsen in Kopenhagen hat nun doch zum Jahreswechsel sein Amt niedergelegt. Bei diesem Anlaß hat ihm der König von Dänemark den Prosessortitel verliehen. — Irl London ist am 9. d. M. Lord Pirbright, ehemaliger Unterstaatssekretär der Kolonien und Präsident der Zuckerkonferenz von 1888. gestorben. Unter dem Namen „Baron Henry Worms", den er früher führte, war er besser bekannt. — Der Ehrenkurator der jüdischen Volksschule in Odessa. Kommerzienrat Osias CHajes hat den Stanislaus-Orden zweiter Klasse erhalten. — Wie russische Blätter melden, sollen im ganzen Gebiete des Ansiedelungsrayons fortan nur solche Kreditgenossenschaften gestattet werden, in deren Verwaltungsorganen (Vorstand und Aufsichtsrat) die Christen in der Majorität sind. Außerdem müssen die Vorsitzenden des Vorstandes und des Aufsichtsrats gleichfalls Christen sein. Andererseits hat aber die Regierung den jüdischen Bauern in Südrußland gestattet, eigene Kreditgenossenschaften zu errichten und soll demnächst in der Kolonie Groß - Nagartaw die erste ins Leben gerufen werden. — Wie wir erfahren, soll die Arbeit einer jüdischen Statistik von Rußland. die die 6. übernommen, bereits so weit gediehen sein, daß demnächst mit der Veröffentlichung des ersten Teils des Werkes begönnet! werden wird, in dem die Juden als produktive Arbeiter vorgesührt und ihr Anteil am Handwerk, Fabrikbetrieb und Ackerbau statistisch dargestellt werden soll. — Aus Rio de Janeiro, der Hauptstadt Brasiliens, wird dem „American israellto" gemeldet, daß es dort in diesem Jahre in allen drei Synagogen der Stadt am Vorabend des Rosch Haschono nicht gelungen ist, ein Minjan zusammenzubringen, obwohl die Stadt über 3000 jüdische Seelen zählt. Druck und Verlag von Rudolf Moss« in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Max Bauchwitz in Berlin.