Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
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26 die außerordentlich rege Teilnahme an vielen Dingen, die Unsummen verschlingen, womit so vielen galizischen, russischen und rumänischen Auswanderer-Familien geholfen werden könnte, zeigt doch einen sehr bedenklichen Mangel von Selbstbeherrschung. Und was ist die Konsequenz dieses Mangels an Selbstbeherrschung? Da diese kostspieligen Gepflogenheiten so außerordentliche Mittel erfordern, schließen diese Kreise mit den schlimmsten Feinden unserer Glanbeilsgemeinschaft Anleihen ab. welche freilich für die Gläubiger recht günstig sind, unseren Gegnern aber nur die Mittel in die Hand geben, ihre Staatsfinanzen noch kurze Zeit über Wasser zu halten, ohne jedoch ihren Sturz verhindern zu können. Und wenn diese Finanzkreise ihren Gewinn ans solchen Geschäften wenigstens zum Teil für jüdische Zwecke verwenden wollten! Aber das gerade geschieht höchst selten bis auf wenige glänzende Ausnahmen. Die erworbenen Reichtümer dienen leider in vielen Fällen nur dazu, eine Grafen-, Freiherrn- oder sonstige adlige Krone neu zu vergolden, indem der Träger einer glänzenden Uniform in die Familie ausgenommen und so ein hoher Titel sür die Familie erworben wird. Da spendet man Unsummen für allgemeine Zwecke, - sür die lebenden unglücklichen Glaubensgenossen aber, für das herzzerreißende Unglück unserer von Hans und Hof verjagten galizischen, russischen nnd rumänischen Brüder, für die besondere Förderung unserer an Zahl so geringen jüdischen Waisen-, Taubstummennnd Blindenanstalten, für Armen-, Krankennnd Altenhäuser, besonders aber sür Kinderhvspitäler gibt man so lächerlich geringe Summen, daß die sogenannte Purimnnd Chanukah- oder auch Jomkipur-Spende alljährlich veranstaltet werden muß, daß alljährlich aufs neue der Bittnnd Mahnruf in alle Lande ausgesandt werden muß. Dem Mangel an Selbstbeherrschung in den Reihen der Jugend und in den besitzenden Klassen entspricht der Mangel an Selbstbescheidung in den mittleren und unteren Klassen. Die Wahrheit bleibt stets Wahrheit, wenn sie auch noch so unangenehm ist. Und eine Wahrheit ist es, wenn wir behaupten, daß jetzt gerade in dem sogenannten Mittelstände der Mangel an Selbstbescheidung mehr als früher fühlbar wird. Dieser Mangel tritt zunächst im Haushalt und in der Erziehung hervor. Jede halbwegs sogenannte „gute" Familie führt einen Hausstand, dessen Unterhaltung den größten Teil des mühsam erworbenen Verdienstes eines Hausvaters verschlingt. Die Töchter müssen selbstverständlich von vornherein nur die besten höheren Töchterschulen besuchen, selbst solche, wo man die „Jüdinnen" nicht gern sieht, die Söhne müssen frühzeitig ins Gymnasium oder in eine sonstige „höhere" Schule, beileibe aber nicht in eine Volksschule, wohl gar -- Iiorril'il«- ckiotn — in eine jüdische Volksschule. Wohnen die Eltern gar in der Kleinstadt, so müssen die lieben Kinder recht frühzeitig in die Fremde, in teure Pensionen, die Töchter besuchen wohl auch nach Beendigung der Schulpflicht ein höheres Institut zur gesellschaftlichen Ausbildung, sie nehmen Musik-, Sprach- und Malunterricht, während der abgehetzte, müde Hausvater, dem es gerade in der Gegenwart so entsetzlich schwer gemacht wird, den Unterhalt zu erschwingen, ost nicht weiß, woher er die Mittel für einen solchen Haushalt nehmen soll. Daß dabei so manche Existenz zu gründe gehen muß, die bei einer gewissen Selbstbescheidung noch jahrelang gehalten werden könnte, ist natürlich. Dann aber klagt man über unlauteren Wettbewerb, über schlechte Geschäfte und opfert die Sabbate nnd Festtagsseier, nur um den gesteigerten Anforderungen des Haushaltes einigermaßen gerecht werden z» können. Statt offen und ehrlich den Hausstand auf bescheidenen Grundlagen zu errichten, statt Ersparnisse zu machen, rennt so mancher Hausvater, so manche Hausmutter blind in ihr Unglück, weit sie nicht ihre soziale Stellung aufgebeu möchten, weil sie de» Klatsch der guten Freunde, Vettern und Basen fürchten, weit der Mann dann nicht mehr Vorsteher oder Repräsentant sein könnte, die Frau nicht mehr zu den Sitzungen des Vaterländischen Frauenvereins, zu interkonfessionellen oder jüdischen Wvhlthätigkeitsbazaren, zu Suppenvereinen und den Komitees für Ferienkolonien herangezogen werden würde. Dieselbe Selbstbescheidung urangelt aber auch leider so manchem aus diesen Kreisen, der es in den städtischen oder Selbstverwaltnngsbehörden zu irgend einem Aemtchen bringen möchte. Stadtverordneter oder gar Magistratsmitglied, Mitglied des Kreis- oder Provinziallandtages zu werden, das halten manche Herren für das höchste Ziel ihres Strebens. Diesem Idol werden die größten Opfer an Geld, Zeit, politischer und religiöser Ueberzeugung gebracht, Opfer deren sich das Judentum von dieser Seite leider in den seltensten Fällen rühmen kann. Freilich haben unsere Propheten uns schon geboten: „Suchet das Wohl der Stadt, dahin ich euch geführet, betet sür sie zum Ewigen, denn ihr Wohl ist auch euer Wohl!" Aber diese Mahnung schließt die Selbstbescheidung nicht aus. Glücklich lebten die Jude» zur Zeit dieser Mahnung im fremden Lande; das Handwerk, die Kunst! und Wissenschaft wollten die Dienste der Juden nicht entbehren, Handel und Schiffahrt wurden durch die Juden gefördert, bei den Staatsbauten, in der Justiz, im Heere, ja selbst im höchsten Rate der Herrscher waren Inden gar oft zu hohen Aemtern gelangt. Kein Wunder, daß unter so glücklichen Verhältnissen, wo die Gleichberechtigung nicht bloß auf dem Papier stand, sondern tatsächlich durchgeführt war, die Juden ihre Kräfte und Fähigkeiten auch außerhalb der Religionsgemeinschaft betätigen konnten und mußten, während wir heutzutage leider in angemessener Selbstbescheidung auf die Mahnung hören müssen: Zurück auf die Schanzen! Erst den eigenen Herd vor Zerstörung bewahren, gegen die Angriffe einer verblendeten und verleiteten rohen Menge verteidigen, ehe wir Opfer aller Art für andere Zwecke bringe». Den Lohn der bisherigen selbstlosen gemeinnützigen Tätigkeit unserer Glaubensgenossen predigen recht eindringlich die Trümmer der Synagogen und der jüdischen Häuser in Könitz, Hammerstein, Tuchel re. und die Erfolge, die der Antisemitismus auch sonst aufzuweisen hat. Gebe Gott, daß wir an Selbstbeherrschung und Selbstbescheidnng zunehmen, daß wir bei all unserem Tun der Mahnung eingedenk bleiben: Zurück ans die Schanzen! Erst das eigene Haus verteidigen, dann zum Angriff Vorgehen! Rur so können wir in der Gegenwart unserer Glaubensgemeinschaft und der ganzen Menschheit dienen. Rur so können wir den großen Ausgaben gerecht werden, die an uns gestellt werdet« und die Mission erfüllen, zu der wir nun einmal berufen sind.