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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 werden, wie wir denn nicht unerwähnt lassen wollen, daß der Korporation, die dieses Semester auch gesellschaftlich sehr hervortritt, von Seiten der Bürgerschaft warme Sympathie entgegengebracht wird. Die Aktivitas nimmt offiziell an den Veranstaltungen des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" Theil und turnt offiziell in dem neu gegründeten Turnverein „Esra". — Dem Wintersemester des Vereins wird durch den vom 18. bis 21. d. M. hier tagenden Kartelltag des Bundes Jüdischer Korporationen, zu dem die Vereine jüdischer Studenten zu Berlin, Breslau, Charlottenburg, München und Würzburg gehören, ein besonderes Gepräge verliehen. Ueber den Kartelltag werden wir s. Z. berichten. So können wir denn der Korporation, der sich im Laufe des Semesters schon eine ganze Anzahl neuer Mitglieder angeschlossen hat, ein günstiges Prognostikon stellen. — In der am vergangenen Sonntag vorgenommenen Neuwahl für den Verwaltungsaus schuß wurden folgende Herren gewählt: M. Feuchtwauger, Privatier, Sigmund Fränkel, Großhändler, Dr. Alfred Neumayer, kgl. Landgerichtsrath, Sigmund Rast, Kaufmann, Albert Schulmann, Bankier und Eduard Silbermann, kgl.Staatsanwalt. s. Karlsruhe i. B, 27. Dezember. Am letzten Freitag erwiesen wir einer Frau von seltenen Gaben des Geistes und des Herzens die letzte Ehre. Es war die im Alter von 77 Jahren verstorbene Wittwe des ehemaligen Rabbiners und Oberraths Benja m i n W i l l st a t t er die Schwester des badischen Finauzministers a. D. Ellstätter, der die ganze Gemeinde die Gefühle warmer Sympathie und inniger Verehrung eutgegeubrachte. Die Verblichene war eine durchaus vornehme Natur, und sie verband mit ihrer Liebe zum Judenthum eine umfangreiche geistige Bildung und einen Sinn für alles Schöne und Erhabene. Hervorragend war besonders ihr Wirken aus dem Gebiete der Humanität. Fünfundvierzig Jahre hindurch gehörte sie dem Vorstand des hiesigen israelitischen Frauenvereins an, und sie entfaltete hier eine segensreiche Thätigkeit. Am Grabe hielt ihr Schwiegersohn, Herr Stadt- und Konserenzrabbiner Dr. Appel, eine rührende Trauerrede, in der er ein treues Bild ihres Wollens und Wirkens entwarf. Auch ein Vertreter des israelitischen Frauenvereins widmete ihr am Sarge einen warmen Nachruf und schilderte die Verdienste der edlen Frau, deren Andenken ein gesegnetes bleiben wird. Oesterreich-Ungarn. Wien, 22. Dezember. Das Budget der Gemeinde bildete den Gegenstand der Debatte in der letzten Sitzung unseres Kultus* Vorstandes. Die Lage hat sich, wie es scheint, einigermaßen gebessert. Die Einnahmen ergaben die Ziffer von Kronen 2 035 975,56; die Ausgaben von Kronen 2 196 217,27; das Budget schließt mit einem ungedeckten Gesammtersorderniß von 160 241,71 Kronen. Hierbei muß ich noch hervorheben, daß bei genauer Zusammenstellung und Vergleichung aller Ziffern die Mehrerfordernisfe an ordentlichen Ausgaben im Jahre 1903 gegenüber dem lausenden Jahre eine Steigerung von rund 209000 Kronen ergiebt, und daß es nunmehr Ausgabe unserer Vertreter bleibt, entsprechende Deckung für diese bedeutenden Mehrauslagen zu suchen. — Das Prob epredi gt-Jagen hat bereits begonnen. Am letzten Sabbath hat Dr. Brody ans Nachod gesprochen. Am nächsten Sabbath wird Dr. Bauer aus Gaja — auftreten. Ein erbauliches Schauspiel! — Fortgesetzt treffen jetzt, gänzlich erschöpft von Hunger und Kälte, rumänische Auswanderer hier ein, die nach kurzem Aufenthalt in Wien, wo sie genährt und unterstützt werden, um dann, nur einigermaßen gekrästigt, die beschwerliche Fahrt fortzusetzen. -- Der Kaiser hat den Ingenieur Heinrich Ritter von Kuch zum Oberingenieur im Eisenbahnministerium, den kaiserlichen Rath Dr. Moritz Stukart zum Polizeirath ernannt. Ferner hat der Kaiser dem Herausgeber der „Oesterreichisch-ungarischen Consular-Correspondenz", Friedrich Leiter, Redakteur, in Anerkennung seiner eminenten Verdienste auf publizistischem Gebiete das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. — Unter den neuernannten Herrenhausmitgliedern befindet sich auch der Generaldirektor der Nordbahn, Hosrath Jeittel es, der bereits lange seinen Glauben gewechselt hat, aber dessen Schwester Frau Ottilie Bondy, die zweite Präsidentin des hiesigen Hausfrauenvereins, mit diesem sicher schweren Entschlüsse gewartet hatte, bis sie jetzt im Alter von 70 Jahren den Glauben ihrer Väter verließ und zum Christenthum übertrat. Bald wäre es zu spät geworden, und die Thatsache ist um so sonderbarer, als die meisten Konvertiten im Greisenalter wieder zu ihrem angestammten Glauben zurückzukehreu pflegen! Großbritannien. f. London, 24. Dezember. In dem Kampf um den Sabbath haben die jüdischen Bäcker endlich einen Sieg erfochten. In einer am 10. Dezember abgehaltenen Versammlung der Londoner Bäckerinnung wurde beschlossen, die seit April dieses Jahres durch Denunziation und Strafanträge verfolgten, am Sonntag ihre Läden offenhaltenden jüdischen Bäcker fortan in Ruhe zu lassen, falls diese den Nachweis führen, daß sie am Sabbath ruhen und also nicht 7 Tage in der Woche arbeiten. In der Versammlung wurde vorgebracht, daß in dem Kampf, in dem 5000 christliche Bäcker gegen 40 jüdische gekämpft hatten, erstere über 630 Pf. St. Prozeßkosten, aber nicht den geringsten Erfolg gehabt haben. Die Gerichte nahmen sehr widerwillig die Anzeigen entgegen und verhängten über die ,Sonntagsentweiher' so lächerlich geringe Strafen, daß sie eher ermunternd als abschreckend gewirkt haben, da überdies auch das Publikum sichtlich Partei für die angegriffenen jüdischen Bäcker nahm. Von Nah und Fern. — Der bisherige Privatdozent für Geschichte der Medizin an der hiesigen Universität Professor Dr. Julius Pagel ist zum außerordentlichen Professor befördert worden. Dr. Georg Joachimsthal, Privatdozent für orthopädische Chirurgie, und Dr. L. Katz, Privatdozent für Ohrenheilkunde, sind zu Professoren ernannt worden. — Dr. I. Schur aus Mohilew ist in der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität als Privatdozent der Mathematik zugelassen worden. — Zu Justizräthen sind ernannt worden die Rechtsanwälte Chrzellitzer, Dr. Kronseld, Wittelsh öfer, Pinner, Josef Dorn, Lemberg und Freudenthal in Berlin, Lustig in Gleiwitz, Rosenthal in Kreuzburg, Leopold Cohn in Beuthen, Heilberg, Friedenthal. Dr. Karl SLernberg und Ollendorff in Breslau. GeorgCohn in Tilsit, Citro n in Danzig, Hamburger in Posen, Moses in Stargard, Jacoby in Stolp. — Ein hiesiges Blatt macht den Kommerzienrath Hugo Oppenheim, Mitinhaber des Bankhauses Robert Warschauer L Co., zum Juden. Er ist es aber nicht. — Ueber die Religionsverhältnisse der Schüler der höheren Lehranstalten hat die Charlottenburger Schulverwaltung eine Statistik aufgestellt. In der Schülerzahl sind 230 Juden. An den Vorschulen beträgt die Zahl der Juden 169. — Der Kreisarzt von Könitz, Medizinalrath Dr. Gustav Müller, der während der Verhandlungen über die Ermordung des Gymnasiasten Winter viel genannt wurde, ist jetzt in den Ruhestand getreten. — Dr. Wehrend, dirigirender Arzt in der Israelitischen Nervenanstalt zu Sayn, ist zum Sanitätsrath ernannt worden. — Gegen den Amtsrichter Dr. Mahr in Darmstadt, der unlängst von der Strafkammer wegen antisemitischer Beleidigung zu einer Geldstrafe verurtheilt wurde, ist das Disziplinarverfahren in Gemäßheit des hessischen Richtergesetzeseingeleitet. — Unter den Preisgewinnern der^eullemielle molleeine in Paris, deren feierliche Preisvertheilung stattfand, ist Dr. M a r m orek aus Wien, seit einigen Jahren Laboratoriumvorsteher an der Pasteuranstalt, der den Barbierpreis von 2000 Francs für seine Arbeiten über den Streptococcus und seine Entdeckung des Serums gegen diesen Eitererreger erhielt. — Professor Wahl in Lille ist zum Dekan der juristischen Fakultät für drei Jahre ernannt worden. — Am 21.d. M. feierte Samuel Montagu in London seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, welcher als streng konservativer Jude und radikaler Politiker wie als eitler der mächtigsten Bankiers der Londoner City einen die Grenzen seines Heimathlandes weit überschreitenden Ruf genießt, ist als Sohn eines simpelen jüdischen Uhrmachers Louis Samuel 1832 zu Liverpool geboren. — Dem am Sonnabend des Chanukahfestes in London abgehaltenen Militärgottesdienst wohnten 500 jüdische Soldaten bei. Lord Roberts ehrte die jüdischen Kameraden durch sein Erscheinen in der Synagoge in Uniform. Der jüdische Lordmayor war im S^aatsgewande und in der Staatskutsche erschienen. — Rev. G. A. Kohut ist zum Bibliothekar des Jüdisch-Theologischen Seminars iil New York gewählt worden. — In Portland ist am 167 v. M. der frühere Gesandte Amerikas bei der Pforte, Herr S. Hirsch, am Herzschlag gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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