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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-26 · Heft 52 (26.12.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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des Angeklagten Waldraff war strafmildernd zu berücksichtigen, daß er von seinem Standpunkt angegriffen zu sein glaubte; strafschärfend kam bei ihm noch in Betracht, daß er vermöge seiner Bildungslaufbahn und als Geistlicher es unterlassen sollte, ehrenhafte Neben men scheu in gehässiger Weise anzu greifen, und daß er ausdrücklich hervorgehoben habe, daß er die Veröffentlichung seiner Erklärung nicht bereue. Bezüglich des Angeklagten Nuber war strafmildernd zu berücksichtigen, daß er in seiner Stellung nicht wohl in der Lage ist, Zeitungsberichte, die ihm von maßgebender Seite, insbesondere von Geistlichen, zugehen, abzuändern oder gar zurückzuweisen, strafschärfend war bei ihm ferner zu berücksichtigen, daß daZ Ansehen der Presse selbst den Gerichten die Pflicht auferlegt, gegen Mißbräuche mit aller Strenge vorzugehen, und daß das die Tageszeitungen lesende, auf Anstand haltende Publikum vor kleinlichen, im letzten Grund eigentlich nur auf Herrschsucht und Konkurrenzneid zurückzuführende Zeitungssehden zu schützen ist." Oesterreich -Ungar». LI Wien, 22. Dezember. Zum Gedenken der beim Ningtheaterbrande Verunglückten wurde im Tempel der inneren Stadt ein Trauergottesdienst abgehalten. — In Baden ist der langjährige beliebte Kurarzt Dr. Josef Schwarz gestorben, und sein Andenken soll durch eine Stiftung, die seinen Namen trägt, für immerwährende Zeit geehrt werden. Das Komitee zur Errichtung derselben besteht aus den Herren Primarius Dr. Haust), Professor Hahndel und dem ehemaligen Gemeinderath Weißhappel. Da der Verstorbene die letztwillige Verfügung getroffen hat, daß an seinem Sarge keine Kranzspenden niedergelegt werden, sollen die hiefür bestimmten Beträge der Stiftung zugewendet werden. Dieselbe wird den Namen „Dr. Joseph Schwarzseher Unterstützungsfonds für arme Kranke des Spitals für Skrophulöse in Baden" führen. Der Verstorbene hat dieses Spital durch viele Jahre mit voller Hingabe und Liebe geleitet und es mustergiltig ausgestaltet. — Der Minister für Justiz hat den Kanzleiassisteuten Israel Händel in Lemberg zum Kanzleivorsteher ernannt. — Der hiesige Gernegnderath hat wie alljährlich auch Heuer eine große Anzahl von katholischen Vereinen mit ansehnlichen Spenden bedacht — vergebens sucht man darunter einen jüdischen Wohlfahrtsverein, und doch ist dieses Geld auch Steuergeld von jüdischen Mitbürgern, und doch spenden jüdische Wohlthäter unaufhörlich Tausende für humanitäre Zwecke! — Eine große Enttäuschung wurde der christlich-sozialen Partei dadurch, daß laut kaiserlichem Beschluß der klerikale Prinz Liechtenstein nicht zum Landmarschall für Niederösterreich ernannt wurde, wie sie allgemein gehofft hatte. — Der Schneider Hlasek, der gar zu gern eine kleine Nitualmordgeschichte iuszenirt hätte, wurde vom Strafrichter in Hernals, Dr. Gaunersdorfer, zu einer mit Fasten verschärften Arreststrase verurtheilt; er hatte seinen Knaben in ein jüdisches Geschäft einkaufen gesandt, da er ihm zu lange ausblieb, ging er selbst in das Geschäft ihn holen, doch die Eheleute Morgenstern versicherten ihm, das Kind nicht gesehen zu haben, und das war genug, um die Geschichte in Umlauf zu sehen, die Juden hätten sein Kind zu Ritualmordzwecken verborgen, was eine ungeheure Menschenansammlung vor dem Geschäfte Morgensterns zur Folge hatte; nach einer polizeilichen Untersuchung wurde festgestellt, daß der Knabe gar nicht zu Morgenstern gekommen, sondern in ein anderes Geschäft gegangen war. Don Nah und Fern. - Der bisherige Titularprofessor an der hiesigen Universität und Abtheilungsvorsteher am Koch'schen Institut für Infektionskrankheiten Dr. med. August Wassermann ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden, und hat einen Lehrauftrag für experimentelle Therapie erhalten.--- Aus der M oses Mendelssohn-Stiftung an der BerlinerUniversität sind für 19031904vier.Stipendien von je 650 Mark zu vergeben. Die Gesuche au die philosophische Fakultät sollen bis zum 6. Januar beim Universitätssekretariat eingereicht werden. — Es sind ernannt worden: der Sanitätsrath Dr. Leopold Barsch all in Charlottenburg zum Geheimen Sanitätsrath, und zu Sanitätsräthen Dr. Louis Blau, Dr. Hermann Davidsohn, Dr. Ludwig Ewer, Dr. Karl Lesser, Dr. Oskar Rosenthal, Dr. Julius Stern, Schützenstraße 10 und Dr. Julius Stern, Kochstraße 19. — Professor Dr. Friedrich Delitzsch hält im JcknuKr in derDeutschM" Orientgesellschaft drei Vorträge. Zwei im Anschluß an Mabel^uttdr Bibel", die die Abhängigkeit von Babel auch für das Neue Testament; und die Gedankenwelt Jesu beweisen sollen, einen über seine Reise-/ erlebnisse unter dem Titel „Unter den Palme:: des Orients"» Bei!/ den Vorstandswahlen zur Akadenlischen Lesehalle in Berlin^ wurden 1309 Stimmen (im vorigen Jahre 1523j abgegeben. Diesog.- „nationale" Partei brachte es auf 606 Stimmen (Im vorigen Jahre! 709), die „Freie wissenschaftliche Vereinigung" auf! 281 (im vorigen! Jahre 100), der Verein jüdischer Studenten ans 201 (im vorigen Jahre' 177) und die katholischen Korporationen auf 213 (im vorigen Jahre! 231). Auf je 100 Stimmen entfällt ein Vertreter im Vorstand. — Zur» l jüngsten Urtheil der Berliner Strafkammer gegen den Gvafeü Pückler bemerkt die antisemitische „Neue bayerische Landeszeitung-7 des Herrn Memminger: „Die Folge dieses Urtheils wird sein, daß: Graf Pückler seine „urwüchsigen" Reden gegen die Juden fortsetzt, was der antisemitischen Bewegung sicher nicht zum Nutzen gereichen wird." Sicher nicht! — Ein Kölner Blatt feiert Professor Dr. F. Ascherson, ein Hamburger Blatt den sozialdemokratischen Ab geordneten Dr. Heine als Juden. Der erstere ist seit vierzig Jahren getauft, der andere war nie Jude, ist der Sohn des Direktors der Brandenburgischen Ritterakademie und stammt aus uralter protestantischer Familie. — Sanitätsrath Dr. Reich in Breslau hat den Rothen Adlerorden III. Klasse erhalten. — Auf Grund Ministerialerlasses ist nach einer Verfügung der königlichen Negierung zu Düsseldorf, der Hauptlehrer Graf in Essen durch den Herrn Oberbürgermeister zum Schulvorstandsmitglied der israelitischen Gemeindeschnle berufen worden. —Bei einem Einbruch in die Synagoge zu Ujvidek (Komitat Bücz) sind Werthgegenstände im Betrage von 80 000 Kronen geraubt worden. Von den Dieben fehlt jede Spur. — Nach einer Meldung aus Sofia hätte eine große Anzahl Juden aus Rumänien der bulgarischen Regierung eine Petition unterbreitet, worin die Erlaubniß um Niederlassung irr diesem Lande nachgesucht wurde. Das Gesuch wurde jedoch nach vorangegangener Prüfung abgewiesen. — Die von der rumänischen Kammer eingesetzte Kommission zur Prüfung der Frage der Naturalisation von Ausländern ist durchweg aus bekannten Antisemiten gebildet, woraus sich deutlich die Tendenz der zu erwartenden Entscheidungen ergiebt. — Die Handelskammer zuBuka re st hat die Ausfolgung der für den Handwerksbetrieb erforderlichen Meisterdiplome und Arbeitsbücher an die im Lande lebenden fremden Handwerker dagegen ohne vorhergehende Erbringung des im Gewerbegesetz vorgesehenen Reprozitätsbeweises genehmigt.—Dem Professor Dr. Adolf Szili, Oberarzt am jüdischen Hospital in Budapest ist der erbliche ungarische Adel verliehen worden. — „(/orriere Israelitieo" erzählt von einem Grafen Grofoli in Rom, dem Sohne eines getauften Juden, der ein Führer der klerikalen judenfeindlichen Partei geworden ist. — In Turin ist am 30. v. M, der bekannte Publizist Siegln und Engländer im 67.Lebensjahre gestorben. Derselbe war ein Freund Hebbels und Hernes. In London, wo er seit 1850 lebte, war er Leiter einer Abtheilung des Neuterschen Telegraphenbüreaus. — Der Maler Josef Israels ist an Stelle M. Antokolskis zum Mitglied der Akademie der Künste in Paris ernannt worden. — In Paris ist Emile Ul mann, einer der bekanntesten französischen Architekten im 58. Lebensjahre gestorben.— Dr. M.Tschlenow, der bekannte Zionistenführer, wurde von der medizinischen Fakultät der Moskauer Universität zum Privatdozenten für Hautkrankheiten ernannt, eine Auszeichnung, welche die Moskauer Universität einem Juden sehr selten zu Theil werden läßt. — Nach der Bekanntmachung des statistischen Amtes der Stadt Warschau, sind dort gegenwärtig 254 712 Juden. — Die „Kiewskaja Gazeta" meldet: „Vor einigen Tagen ist in der Stadt Arsamas des Gouvernement Nischni-Nowgorod der neunzehnjährige Bürger Swerdlow, mosaischer Konfession, zur russischen Kirche übergetreten. Als Taufvater war Maxim Gorki vertreten, der auch einwilligte, daß sein Taufkind und literarischer Verehrer künftighin den Namen tragen soll: Zinowi Aleksejewitsch Peschkow." Also daher rührt die so auffallend gerühmte Judenfreundlichkeit des berühmten Schriftstellers! Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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