Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Jahren, ohne Unterschied der Konfession, ober mit alleiniger Ausnahme der Judenkinder vertheilt werden sollten". Also bedingungslose Humanität mit Ausnahmen. Frankreich. s. Paris, 11. Dezember. Ein überaus heftiger Wahlkampf wurde am 30. November innerhalb der jüdischen Gemeinde von Paris ausgefochten. Es handelt sich darum, den durch den Tod des seligen Dr. Klein im Pariser Konsistorium vakant gewordenen Platz wieder zu besetzen. Es meldeten sich zu diesen Posten nicht weniger als vier Kandidaten, ein Liberaler und drei Orthodoxe. Von diesen kamen die Orthodoxen Kommandant Bloch und der Vorsitzende des Pariser Talmudvereins Ncrphtali Levh von vornherein nicht ernstlich in Betracht, weshalb sie schließlich zu Gunsten ihres Parteigenossen, des Rechtsanwaltes und Rabbiners Elieser Lambert, auf ihre Kandidatur verzichteten. Letzterem gegenüber stand der Rechtsanwalt Reno Dreysus, ein Mann, der seit 15 Jahren an der Spitze mehrerer jüdischer Vereine und Wohlfahrtsaustalten steht und außerdem ein Neffe Gustav Rothschilds ist. Der Wahlkampf war überaus lebhaft und die Wahlbetheiligung eine für die Pariser Verhältnisse ungemein rege. Von den 4395 Wahlberechtigten nahmen 1669 an der Abstimmung Theil. Gewählt wurde schließlich mit 868 Stimmerl gegen 828, die aus seinen orthodoxen Gegenkandidaten fielen, Mr. Rene Drehsus. Rußland. b.. P. Odessa, 24. November. Die hiesige Gemeinde hat am 5./18. d. M. eines ihrer hervorragendsten Mitglieder. Herrn Salomon Grigorjewitsch Sußmann, verloren. Er galt als hervorragender Kenner der Finanzsragen und genoß eine große Autorität in der Odessaer Handelswelt. Vor Errichtung der Diskontobank in Odessa war der Heimgegangene einer der Begründer und ferner Direktor der damals bestehenden Kommerzbank. S. G. Sußmann starb im 59. Lebensjahre. Der Dahingeschiedene war einer der ältesten Stadtverordneten und nahm regen Antheil an den Angelegenheiten des hiesigen Gemeinderathes. Als Stadtverordneter diente er der Stadt. — Als sehr erfahrener Finanzmann wurde Herr Sußmann von der städtischen Duma in jede Kommission gewählt, in der wichtige Fragen verhandelt wurden, die auf diese oder jene Weise mit den Finanzinteressen der Stadt verbunden waren. 1900 wurde Snßmann als Mitglied der Odessaer Handelskammer gewählt, er war Kurator der Handelsschule, die den Namen des Kaisers Nikolaus I. trägt, Mitglied des Kuratoriums der Odessaer Schule für Handelsschifffahrt und betheiligte sich an verschiedenen Wohlthütigkeitsanstalten. Er war Mitglied verschiedener jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten: in der Gesellschaft „Trud", zur „Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden", in der „Gesellschaft der jüdischen Handlungsgehilfen" und noch in anderen. Bei der Krönung des Kaisers Nikolaus II. wurde Sußmann als einer der Deputaten von der Odessaer Kaufmannschaft gewählt, um Ihren Majestäten die Glückwünsche dieser Körperschaft zu überbringen. Für seine nützliche Thätigkeit wurde er mit verschiedenen Orden ausgezeichnet. Auf Vorstellung des Fiuanzministers erhielt er 1896 den Stanislausorden dritter Klasse und 1897 die Medaille zur Erinnerung der Krönung des Kaisers Nikolaus II. In der städtischen Hypothekenbank bekleidete er den Posten des Vorsitzenden des Aussichtsraths. Schon in den achtziger Jahren wurde Sußmann periodisch als Direktor der Verwaltung gewählt. Aus dem Sarge des Verblichenen wurden Kränze niedergelegt. — Der Heimgegangene vermachte für wohlthätige Zwecke folgende Beträge: der Stadt Odessa für Brennmaterial an Arme 8000 Rubel; den armen Schülern der Handelsschule 5000 Rubel, dem jüdischen Waisenhanse 3000 Rubel, im Ganzen 16 000 Rubel. — Schon seit langer Zeit haben die hiesigen Einwohner nicht eine so großartige Leichenfeier gesehen wie die Bestattung des verewigten Sußmann. Im Hofe seines Hauses und in seiner Wohnung fanden sich die Vertreter vieler hiesiger Anstalten ein. Auch die Wände und die Erhöhungen waren mit denselben bedeckt. Um 2 Uhr Nachmittag erfolgte durch Oberkantor Minkowsky mit verstärkten-. Chorpersonal die Trauerceremonie. Hinter dem Sarge gingen der einzige Bruder des Verewigten, der Direktor der Russischen Bank für den auswärtigen Handel, Herr Michel Sußmann, mit seinen Kindern, Graf Schuwalow, der Bürgermeister Jeleny und sehr viele Damen. Der Leichenkondukt bewegte sich zum neuen jüdischen Friedhose, und dort angelangt, wurde die sterbliche Hülle des Entschlafenen in den Trauersaal gebracht. Trotz der weiten Entfernung voll der Stadt trugen die Schüler der Handelsschule den Sarg bis zum Fried Hofe. Als man den Sarg ins Grab senkte, näherte sich demselben der Vorsitzende des Verwaltungsraths der städtischen Hypothekenbank, Jngenier Schwendner, und mit rührender Stimme hielt er eine kurze, aber ergreifende Grabrede, in der er die Verdienste des Verstorbenen schilderte. Nach beendigter Rede wurde mehr als 50 Kränze auf den frischen Grabhügel des Verblichenen niedergelegt. Friede seiner Asche! Vsn Nah und Fern. Der bekannte Nervenarzt Professor Dr. E. Remak, Privatdozent all der Berliner Universität, ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden. — Von den preußischen Abiturienten des Jahres 1901 haben sich 12 der jüdischen Theologie zugewandt, darunter 1 Realgymllasiast, insgesammt 13,97 Prozent aller Abiturienten. — Die 213 öffentlichen höheren Mädchenschulen in Preußen wurden 1901 von 6489 jüdischen Mädchen besucht. — In der Klage, die gegen den Bürgermeister Deditius in Könitz auf Veranlassung von vier Stadträthen wegen Beleidigung schwebte, ist nunmehr das Verfahren eingestellt worden. — Die Staatsanwaltschaft hat ihr Aus-; schreiben von 20 000 Mark Belohnung aus die Entdeckung des Mörders des Schülers Winter erneuert. — Bei den letzten R epräsentanten- Wahlen in Breslau errang die Liste des Liberalen Wahlvereins der Synagogengemeinde den Sieg. — Wie der Superintendent Lieschke in der Diözesauversammlung der Ephorie Pl a nen mittheilte, hat sich dort das im ganzen Sachsenlande einzig dastehende Ereigniß vollzogen, daß ein Christ zum Judenthum übergetreten ist. Schrecklich! — Der Landtagsabgeordnete Langenbach in Darmstadt ist trotz der Opposition der Antisemiten und der antisemitischen Nationalliberalen mit 25 gegen 22 Stimmen in den Petitionsausschuß gewählt worden. — Der Reserveoberleutnant der Kavallerie a. D. Jakob Kuhn in Mannheim hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — — Der Lehrer a. D. Salomon Hirsch in Rosheim hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Professor L. de Hartogh von der Amsterdamer Universität feierte letzte Woche sein 25 jähriges Jubiläum. — In Paris ist der bekannte RomandiVhter und Theaterkritiker der „Revue Blanche" und des „Echo de Paris", Lucien Mühlselb, im Lebensalter von 32 Jahren gestorben. — Zu früh triumphirt hat die antisemitische „Rowoje Wremja", die zu ihrer „großen Freude" konstatiren konnte, daß die russische Regierung nicht daran denke, den Juden das Recht einzuräumen, in Rußland unter gewissen Kanteten bis zu 30 lm Land anzukaufen; dieser Plan wird vielmehr im Ministerium des Inneren noch jetzt allen Ernstes ventilirt.— Herr I. Charitonow hat der jüdischen Gemeinde in Kertsch (Krimm) 60 000 Rubel zum Bau einer Handwerkerschule hinterlassen. Zu dieser Summe hat die ^6>visb Kolonisation ^ssoeiution einen einmaligen Beitrag voll 15 000 Rubel und eine Jahressubvention von 2000 Rubel unter der Bedingung bewilligt, daß die Stadt den Bauplatz gratis hergiebt und die jüdische Gemeinde ihrerseits die Anstalt mit 500 Rubel jährlich unterstützt. Die Stadtgemeinde hat nun ein 100 Quadratklaster umfassendes Areal zu dem Preis von 21/2 Rubel, d. i. gratis zur Verfügung gestellt. Der Bau wird 50 000 Rubel kosten, so daß die Handwerkerschule inklusive der Zinsen aus dem verbleibenden Kapital von 45 000 Rubel über ein Einkommen von 5000 Rubel jährlich verfügen wird. — Das im Aufträge des Zaren eingesetzte Komitee zur Berathung über die Nothlage der laudwirthschaftlichen Industrie hat in seiner Sitzung vom 6. Dezember den einstimmigen Beschluß gefaßt, den Juden den Ankauf landwirthschastlicher Produkte in den Dörfern Bessarabiens und den Verkauf von Wein auf dem flachen Lande bedingungslos zu untersagen. — In Sofia hat sich der diplomatische Vertreter Italiens, Signor G. Polacco, in einem Anfall von Schwermuth das Leben genommen. — Mayer Guggenheim hat seiner Schenkung von 60000 Dollar für das jüdische Hospital in Logan, einer Vorstadl von Philadelphia, weitere 20000 Dollar hinzugefügt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.