Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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gute Resultate mit Einführung von Hausindustrie für die dortigen Hilden in den verschiedensten Fabrikationszweigen zu verzeichnen, in Rumänien wird die Hilfsaktion gemeinsam mit der ^Ilianoe isra^- Iit6 universelle betrieben. Das gute Verhälniß zu dieser, sowie zu den Bne-Brith Logen und den anderen großen Organisationen, welche sich der nothleidenden Inden im Osten annehmen, betonte der Redner stark. Dem Vortrage folgte eine angeregte Diskussion, in der sich alle Redner für die Unterstützung des Hilfsvereins anssprachen, und in demselben Sinne beschloß auch die Versammlung, indem sie sofort ein Landeskomitee für Bayern aus circa 40 der angesehensten jüdischen Persönlichkeiten und ein Komitee für München aus 15 Herren bildete, beide mir dem Recht der Kooptation. Damit hat der Hilssverein der deutschen Juden auch in Bayern Fuß gefaßt und wird dort sicher bald zahlreiche Mitglieder zählen. Oesterreich- Ungar». lH Wien, 8. Dezember. Das erbauliche Schauspiel der Probepredig 1 enin den Bethäusern der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wird also doch am 12. d. M. beginnen. Hierbei wurde normirt, daß jeder vom Vorstand berufene Kandidat, und zwar in der Regel in alphabetischer Reihenfolge, je an einem Freitag Abend eine Probepredigt und an dem darauffolgenden Samstag Nachmittag eine Exhorte für die Schüler der Mittelschulen abzuhalten habe. — Die Nachricht von dem Tode des Dichters Hieronymus Horm (Dr. Heinrich Landesmann), der am 3. d. M. in Brünn gestorben ist, haben Sie schon empfangen/ Einsam, wie er lebte, wurde Hieronymus Lorm auch zu Grabe geleitet. Nur ein kleines Häuflein von Verehrern seiner Muse gab ihm das Geleit zur letzten Ruhestätte am 5. d. M. Als geradezu beschämend muß es bezeichnet werden, daß von offiziellen Persönlichkeiten, die ansonsten den Zeitungsberichten über öffentliche Veranstaltungen und insbesondere auch über Leichenbegängnisse gern den Glanz ihres Namens leihen, Niemand Zeit fand, dem Mann, der zu den hervorragendsten Zierden Oesterreichs zählte, die gewiß wohlverdiente Ehre zu erweisen. Die schlichte Trauerseier fand in der Leichenhalle des israelitischen Friedhofes statt. Nach Beendigung der rituellen Ceremonien widmete Landesrabbiner Dr. Placzek dem Dichter einen warmen und tiefempfundenen Nachruf. Am Grabe selbst hielt der Literaturhistoriker Professor Emil Soff6, als Präsident des Deutschen Journalisten- und Schriftstellervereins, dem dahingegangenen Ehrenmitglieds in warmen Worten die Abschiedsrede, in der er die Bedeutung des Verewigten für Deutsch- Oesterreich sowie für die deutsche Literatur überhaupt würdigte. - - Der israelitische Tempel in Eisenstadt (Ungarn) wurde Nachts von Einbrechern ausgeraubt. Außer den Opferstöcken wurde auch das vorhandene Silber gestohlen. Kon Nah und Fern. Zum ehrenden Andenken an seine am 5. Mai 1902 beim großen Eisenbahnunglück von Zschortau ums Leben gekommene Gemahlin Frau Natalie Hirsch, geb. Wolfs, hat der königliche Handelsminister Robert Hirsch zu Berlin bei der Akademie der Künste eine Stiftung von 10000 Mark errichtet, die den Zweck verfolgt, im Sinne der Verstorbenen, die seit Jahrzehnten vornehmlich IMusikstudirende unterstützte, durch Gewährung eines Stipendiums aus den Zinsen dieses Kapitals in gleicher Art dauernd weiter zu wirken. Das Stipendium ist einer armen jüdischen, talentvollen, fleißigen und strebsayzen Schülerin zu gewähren, dis sich aus der Hochschule für Musik deL Gesangskunst widmet. — Gegen das Urtheil im Ptozeß Pückler, betreffend die Rede vom 6. Juni, welche Aufreizung z'n.Gewaltthätigkeiten und Beleidigungen gegen die Inden in Gls)gM enthielt, in welchem Prozeß bekanntlich auf die Freisprechung dss Grasen Pückler erkannt wurde, ist durch Rechtsanwalt Friedmann in Glogan im Aufträge der Nebenkläger Revision eingelegt worden. — Dr. Friedrich Lange, der Herausgeber der „Deutschen Zeitung", wurde am 8. d. M. wegen eines antisemitischen Artikels gegen den Schriftsteller Dr.John Lehmann zu 50 Mark Geldstrafe, eventuell zehn Tagen Gefängniß verurtheilt. — In der Strafsache gegen den Graferl Pückler wegen Beleidigung der Richter erkannte der Gerichtshof am 4. d. M. auf die höchste zulässige Geldstrafe — 600 Mark — oder für je 15 Mark ein Tag Gefängniß. Der Staatsanwalt hatte zwei Monate Gefängniß beantragt. — Der frühere dentschfreistnnige Reichs-- tagsabgeordnete Louis Jordan ist am 6. d. M. am Lungenschlag im Alter von 65 Jahren gestorben. Derselbe war seit Jahren Schatzmeister des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Ehre seinem Andenken! — „Die jüdische Gemeinde Sonnenburg, welche schon seit vielen Jahren nur durch einige Mitglieder vertreten war und aus diesem Grunde das Synagogengebäude an den Kaufmann Paul Grasnick verkauft hatte, ist nun laut Verfügung des Regierungspräsidenten endgiltig aufgelöst. Die jüdischen Einwohner sind der Synagogengemeinde in Küstrin überwiesen worden. — In Weener (Ostfriesland) wurde der bekannte plattdeutsche Dichter Louis Israels mit großer Majorität zum Bürgervorsteher wiedergewählt Die Antisemiten hatten gegen die Wiederwahl Israels, der seine Verehrung für den Fürsten Bismarck in zahlreichen plattdeutschen Gedichten zum Ausdruck gebracht hat, eine heftige Agitation entfaltet, sind aber von der überwiegenden Mehrheit der Bürgerschaft abgewiesen worden. — Bei den Münchener Gemeinderathswahlen haben die Antisemiten eine schmähliche Niederlage erlitten. Es sind von ca. 20850 abgegebenen Stimmen ca. 900 aus die antisemitischen Kandidaten entfallen. — Aus Mergentheim wird im Gegensätze zu der Korrespondenz aus Trier in voriger Nummer gemeldet. Laß der dortige Verein „Israelitische Bezirks sriedhosverwaltung Mergentheim" (Friedhof zu Unterbalbach) ohne Anstand vom hiesigen Amtsgericht ins Vereinsregister eingetragen worden ist, obgleich dieser Verein sicher eine religiöse Tendenz hat. — Der Schriftsteller Sieg mund Singer in Budapest hat den Rothen Adlerorden III. Klasse erhalten. — Der Stadtrath Vvn Paris hat in seiner letzten Sitzung das Legat der Frau Baronin Hirsch im Betrage von 500000 Francs zum Besten der dortigen Wohlthätigkeitsinstitute angenommen. — Professor Gollancz in London ist zum Sekretär der neuen Britischen Akademie ernannt worden. — Durch ein Jrade des Sultans hat das von der Alliance vor fünf Jahren in K o n stan t in opel begründete Rabbiuerseminar nunmehr Oeffentlichkeitsrechte erhalten. — Wie in den Motiven zu dem soeben publizirten Gesetzentwurf über die Anwaltsgehilfen (Referendare) mitgetheilt wird, befanden sich zu Beginn dieses Jahres unter den 299 Anwaltsgehilfen in Petersburg nicht weniger als 97 Juden, von denen 56 seit über fünf, 20 sogar weit über 20 Jahre in dieser Eigenschaft thätig sind. Nichtjuden rücken bereits nach fünf Jahren zur Rechtsanwaltschaft aus, während die Juden einer speziellen Ernennung durch den Justizminister bedürfen, welche aber nur in seltenen Fällen erfolgt. Geschäftliche Notizen. — Bei der Deutschen Militärdienst- und Lebens- Vers icherungs-Anstalt auf Gegenseitigkeit in Hannover waren im Monat November 1902 in den beiden von der Anstalt betriebenen Geschäftszweigen, der Militärdienst- Versicherung und Lebensversicherung (auch Töchterversorgung), zu erledigen: 709 Anträge über Mark 1424440 Versicherungs-Kapital. Voll Errichtung der Anstalt (1878) bis Ende November 1902 gingen ein 367378 Anträge über Mark 494697 010 Versicherungs-Kapital. Die Auszahlungen an Versicherungssumme, Prämienrückgewähr u. s. w. im Laufe des Jahres 1901 betrugen Mark 6 478 000, die Gesammtauszahlungen seit Bestehen der Anstalt Mark 34371000. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Ver, , Lebensversicherungs-Gesellschaft zu Leipzig auf Gegenseitigkei errichtet 1830 (alte Leipziger). In den ersten vrei.! Vierteljahren des Jahres 1902 sind 5047 Anträge über M. 33 810150 Versicherungssumme eingegangen und 4435 Versicherungen über M. 33 482 900 abgeschlossen worden. Es hat sich damit der Versicherungsbestand auf 642 Millionen Mark gehoben, während das Vermögen auf 222 Millionen Mark angewachseu ist. Bei der alten Leipziger Gesellschaft, die eine reine Gegenseitigkeitsanstalt ist, fließen alle Ueberschüsse in Gestalt von Dividenden den Versicherten wieder zu. die auf diese Weise bis jetzt 78 Millionen Mark erhalten haben. Im laufenden Jahre beträgt die Dividende für die j länger als fünf Jahre bestehenden Versicherungell beim Dividenplan lvie seit nunmehr 15 Jahren, 42"/» der ordentlichen Jahresbeiträge,! bei abgekürzten Versicherungen außerdem noch 1.5o/o der Summe der gezahlten Zusatzprämien; beim Dividendenplan 6 gelten steigende, nach der Dauer der Versicherung abgestufte Dividendensätze, die die Leipziger- Gesellschaft in der von Anfang an in Aussicht gestellten Höhe fortgewährt, während viele andere Gesellschaften sich gezwungen gesehen haben, ihre steigende Dividende herabzusetzen. ntwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.