Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 geringen Preisen überlassen. Der jährliche Mitgliedsbeitrag ist auf drei Mark festgesetzt. ^Anmeldungen nimmt der Kasfirer, Herr W. Keller (Hamburg. Brandstwiete 21). entgegen. 0. Schwarzau, nn November. Das entsetzliche Märchen vorn „Ni tual mord" Hot vor Wocheinigeu en die sonst so friedliche Bevölkerung des Ortes Schwarzem am Steinselde in große Aufregung versetzt. Zur Abhaltung des Versöhnungsfestes kamen, wie es aus dem Lande üblich ist. mehrere Juden aus den benachbarten Ortschaften im'Hause'des^Schwarzauer Kaufmannes Elbert zusammen. Während die Leute ihre Abendandacht verrichteten, entfernte sich die Verkäuferin Elberts aus dessen Hause, um wie allabendlich zu ihren im Orte wohnenden Eltern schlafen zu gehen. Da aber das Mädchen trotz vorgerückter Stunde zu Hanse nicht eintraf, machte sich ihre Mutter auf die Suche nach dem Mädchen. Dieses war aber nicht zu finden. Sofort verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorfe das Gerücht, „das Mädchen sei von den fremden Juden geschlachtet und auf einem Wagen fortgesührt worden". Man requirirte den Gendarmerieposten von Pitteu, während die aufgeregte Menge von Dorfbewohnern vor dem Hause Elberts erschien und dort eine drohende Haltung gegen die sich nicht auf die Straße getrauenden Juden eiunahm. Die Situation für letztere wurde immer gefährlicher. Endlich kam das Mädchen zum Vorschein; sie weilte nämlich bei ihrem Gellebten. Erleichtert athmeten die im Hause Elberts belagerten Juden auf. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 10. November. Dem langgehegten Wunsche der zahlreichen jüdischenPatientenim AlLgemeinenKrankenhause Nechnungtragend, wurde daselbst der Bau eines kleinen Bethauses in Angriff genommen. Der Bau selbst, dessen Kosten von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde bestritten wurden, ist bereits fertiggestellt, und wird nur mehr an der inneren Ausgestaltung gearbeitet. Der im Kapellenstil aufgeführte Tempel befindet sich im sechsten Hofe des Allgemeinen Krankenhauses, ist außen und innen Prunklos, aber würdig. Die feierliche Einweihung findet demnächst statt. — Am 13. d. M. ist hier Siegmnnd Ritter v. Bauer im 60. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Vizepräsident des Wiener Giro- und Kassenvereins, Kurator der Baron Hirsch.-Stistung, Vorstandsmitglied der „Israelitischen Allianz" u. a. m. Wegen seiner Verdienste um die ungarischen Finanzen erhielt er vor^ einigen Jahren den Adel. Ehre seinem Andenken! — Der bekannte hiesige Augenarzt Dr. S. Klein, wurde zum außerordenlichen Prostssor ernannt. — Am 30. v. M. starb hier der Direktor der österreichischen Eisenbahn-Verkehrsanstalt. kaiserl. Nath Robert Eisner im Alter von 45 Jahren.— Auf Anregung des Rabbiner- Dr. Finx hat der Vorstand der Gemeinde Dobrisch in Böhmen den Beschluß gefaßt, einen neuen Tempel im Kostenanfwande von 70000 Kr. erbauen zu lassen. —Diekleinejüdische Gemeinde zuKojet ein in Mähren.die Heimath David Kaufmanns und Nehemias Brülls, hat am 9. d. M. ihre neue Fciedhosshalle eingewecht und damit eine Ehrung ihres'großen Sohnes verbunden. Da ihre Mittel beschränkt sind, wandte sie sich an den für alles Gute begeisterten Baurath Wilhelm Stiaßny hier mit der Allfrage, ob er geneigt wäre, einen Plan im Nahnun der höchst bescheidenen Mittel der Gemeinde für diesen Bau zu liefern. Kaum hatte er von diesem Wunsche Kenutniß sowie von dem Vorhaben, damit ein Denkmal der Erinnerung an seinen unvergeßlichen Freund Kaufmann zu verbinden, als er dereitwillrgst auf diesen Wunsch einglng, und nicht blos nach mannigfachen Berathuugeu und Aeuderuugen den Plan zur Umfriediguugsmauer und einer kleinen, aber äußerst stil- und forrngerechteu Halle ohne Anspruch auf irgend ein Entgelt entwarf, sondern auch die mit nicht unbedeutenden Kosten verbundene Leitung und Beaufsichtigung des einige Monate in Anspruch nehmenden Baues übernahm. Derselbe steht nun vollendet da und gereicht der Gemeinde zur Zierde, dem hochherzigen Erbauer zur Ehre. Die Stirnfront der Halle enthält, in belgischem schwarzen Mamor gemeißelt, die Gedenktafel mit der Aufschrift, es sei diese Halle im Jahre 5662 (1902) aus Mitteln der Chewra-Kadischa und edler Wohlthäter erbaut worden nach dem Plärre des Baurathes Stiaßny, den er, um das Andenken seines verewigten Freundes David Kaufmann, des großen Sohnes der Gemeinde Kojetein, zu ehren, dieser gewidmet habe. Darauf folgen die hebräischen Worte Daniel 12, 8: „Die Weisen aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die. welche die Menge auf die rechten Wege wiesen, wie die Sterne für immerdar" nebst der hebräischen Jahreszahl. Non Nah und Fern. « Dem Bankier A do l f M os er ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden. — Der Handelsrichter Hermann Jacob y wurde von der Berliner Stadtverordnetenversammlung mit 92 von 95 abgegebenen Stimmen zum unbesoldeten Stadtrath gewählt. — Mit dem Beginne des nächsten Januar werden die Ausgrabungen in Abusir aufs neue ausgenommen werden, nachdem sie am 13. März d. I. eingestellt worden sind. Wiederum wird Dr. Ludwig Borchardt das große Unternehmen der Deutschen Orientgesellschcrft leiten. — Am 9. d. M. ist der Gymnasialoberlehrer Heinrich Wolfgang Strohmann, am 12. d. M. der Apotheker Dr. Moritz Lehmann im 70.Lebensjahre gestorben. — Gegen den Grafen Pückl er-Klein-Tichirne ist wieder in einer neuen Sache, und zwar wegen der Hetzrede, die er am26.v.M. in Klein-Tschirne gehalten hat, ein Ermittelungsverfahreu wegen Vergehens gegen Z 130 (Aufreizung zu Gewaltthätigketen) eingeleitet worden. — In der Vertrauensmäunerkonferenz des Bundes der Landwirthe in Stargard konstatirte nach der „Stargarder Zeitung" Herr v. Wedel-Kannenberg gegenüber der gegentheiligen Behauptung des Pfarrers Krösell, daß seine Vorgesetzte Behörde g''geu seine Kandidatur nichts einzuwenden habe, daß er im Besitze eines Schreibens des Konsistorialpräsidenten Dr. Richter in Stettill sei, in welchem dieser mittheilt, daß an eine Genehmigung zur Annahme einer Wahl nicht zu denken sei. — In Rogasen wurde Dr. Bamberger- Schildberg zum Rabbiner gewählt. — In Sagan wurde der Kaufmann Jonas mit großer Majorität iu das Magistratskottegium gewählt. — In Trier wurde eine neue Loge des Bne-Berith-Ordeus eingeweiht. Sie führt den Namen Moselloge. — Der Oberpräsident Nasse hatte in seiner Eigenschaft als landesherrlicher Kommissarius für die Wahl eines Erzbischofs von Köln zu dem am Donnerstag, den 6. d. M. im Hotel Disch anläßlich der Wahl stattg fundenen Festmahl den Rabbiner Dr. Frank eiugeladen. — Anläßlich der Düsseldorfer Kunstausstellung verlieh Kaiser Wilhelm dem jüdischen Maler Philipp Läszlö aus Budapest die kleine goldene Medaille für Kunst' und Wissenschaft. — Der Laudgerichtssekrelär Kauzleirath Löwenthal in Magdeburg erhielt anläßlich seines goldenen Dienstjubiläums den Rothen Adlerorden 4. Klasse. — Eine in Lippe-Detmold einzig dastehende Thatsache ereignete sich in dem kleinen Städtchen Barntrup. Dort wurde ein Glaubensgenosse, Herr Gustav Maybaum, zum ersten Stadtrath gewählt. Bislang glaubte man in Lippe nicht, daß ein Jude Nachtwächter werden könnte! — Wie aus Bukarest gemeldet wird, hat das rumänische Amtsblatt „Mouitural Okficial" in seiner Nummer 154 unter Gegenzeichnung des Tribunals Ti'govest die Statuten eines lokalen Spar- und Kreditvereins, wie sie seit einigen Jahreu ganz Rumänien überschwemmen, bestätigt, welche im Artikel 12 folgende wörtlich übersetzte Disposition enthalten: „Mitglied der Spargenossenschaft „Speranta" kann jedes mellschliche Wesen werden, mit Ausnahme von Juden und Ungarn." Und diese Statuten werden vom zuständigen Gerichte bestätigt! — Der Rath der Präfektur der Gironde. M. Frank, ist zum Unterpräfekten von M o ntm oril l o n ernannt worden. — Die Jury, die alle fünf Jahre in Brüssel einen Preis für soziale Wissenschaften vergiebt, hat diesmal den Preis dem dortigen Uuiversttätsprosessor Dr. Adolf Prins zuerkannl. — Im Alter von 70 Jahren starb der Rabbiner S. Blumstein in Nischn i-N ow g orod, nachdem er sein Amt 34 Jahre daselbst bekleidet hat. — Rev. Josef M. Ascher, früher in Manchester, ist zum Dozenten der Homiletik am jüdischtheologischen Seminar in Newyork gewählt worden. — Bekanntlich hat die türkische Regierung in üblicher Toleranz die Verfügung getroffen, daß das in der Judenstadt von Jerusalem eingerichtete türkische Postamt an den Sabbathen und jüdischen Feiertagen geschlossen bleibt. Einer der „Welt" zugekommenen Meldung zufolge trägt der von diesem Postamte gebrauchte Stempel außer der türkischen Inschrift noch das Wort „Jerusalem" iu hebräischen Lettern. — Englische Blätter brachten vorige Woche den Brief emes amerikanischen Missionärs aus Marokko, in welchem dieser ausführt, daß der Gouverneur von Mequinez den Befehl ertheilt habe, daß von nun an kein Jude mit Schuhen an den Füßen die Stadt betreten dürfe. Der Missionär führte weiter ans, daß der wachsende Uebermuth gegen die Juden Jedermann ersichtlich sei. Druck und Verlag von Rudolf Mosss in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion r Max Bauchwitz in Berlin.