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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-07 · Heft 45 (7.11.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oesterreich - Ungar». HI Wien, 2. November. Es geht jetzt hier au einzelnen Orten recht stürmisch zu, vor allem im Parlament, und dann in den einzelnen Wählerversammlungen, wo die antisemitischen Helden stets wahre Gräuelszenen aufführen: so fand in Mödling eine derartige Versammlung einen wahrhaft blutigen Ausgang; daß sie sich auf diese Weise ihre Wähler nicht erringen werden, ist zweifellos. — Der großen Defraudation in der Prager St. Wenzelskasse sind rasch mehrere andere gefolgt, die die Antisemiten jedenfalls kleinlaut machen. Aber der Siegesjubel über die 21 Mandate in den österreichischen Landgemeinden übertönt alles andere. — Nicht eines gewissen Humors jedoch entbehrt jener Hilfsarbeiter Franz Kolar in Brünn, der zu einmonatlicher Arreststrafe verurtheilt wurde, weil er in seinem Arbeitsbuche die Neligionseintragung „katholisch" in „mosaisch" veränderte, freilich nur zu dem Zwecke, um von den als mildthätig bekannten Juden reichlich unterstützt zu werden. — Am 29. v. M. wurde hier die zionistische Jahreskonferenz, die alternirend mit dem großen Kongresse jedes zweite Jahr slattzufinden hat, abgehalten. Aus der Eröffnungsrede des Präsidenten Dr. Herzl ist folgender Passus hervorzuheben: „Die zionistische Bewegung hat auch in diesem Jahre eine Stärkung und Verbreitung zu verzeichnen. In zahlreichen Städten, in den entferntesten Punkten, so in Brasilien, Indien und Australien, sind neue Ortsgruppen entstanden. Insofern die Bewegung eine Organisation des zionistischen Judenthums vorstellt, kann nur von großen Fortschritten gesprochen werden. Sie hat in ernsten politischen Kreisen an Ansehen gewonnen, und die Zeit ist vorüber, in welcher man die zionistische Bewegung als einen Zusammenlauf von Schwätzern und Schwärmern ausgefaßt hat. Auf die politische Lage übergehend, meint Dr. Herzl, daß das Aktionskomitee auf dem Wege, den es seit dem ersten Baseler Kongresse gehe, sortfahren müsse. Die Verhandlungen mit der türkischen Regierung sind weitergesührt worden, haben aber noch zu keinem Resultate geführt. Für die nächste Zukunft kann nur ein energisches und zielbewußtes Vorwärtsschreiten, Vermehrung der Geldmittel und Antheilnahme an allen jüdischen Angelegenheiten sein, die die moralische, körperliche und ökonomische Stärkung des Judenthums betreffen. Ans den jetzigen Berathungen wird aber auch die Linie hervorgehen müssen, die wir von nun an einzuschlagen haben. Ich glaube, daß wir auf unserem Wege fortfahren müssen, daß wir allerdings, wenn wir an einem Punkte vor einer Mauer angelaugt zu sein scheinen, nicht entmuthigt sind, sondern daß wir trachten müssen, einen anderen Weg zu finden." Frankreich. jtz- Paris, 29. Oktober. Gaston Pollonais, der klerikalste und nationalistischste Mitarbeiter des „Gaulois" des Herrn Arthur Meyer, der trotz seiner Abstammung von streng religiösen jüdischen Eltern die eingefleischtesten Antisemiten noch zu übertrumpfen suchte und zu übertrumpfen verstand, hat sich endgiltig von dem Glaubensbekenntniß losgesagt, dem sein braver Vater angehörte, der vor vier Wochen als glaubenstreuer Jude gestorben ist. Pollonais, die neueste Errungenschaft der streitbaren Kirche, konnte natürlich nicht in aller Stille die Taufe erhalten, sondern war von den Spitzen der Klerikalen und nationalistischen Kreise umgeben, als er. begleitet von seinem Taufpathen, dem General R^camier und seiner Taufpathin. der Gräfin de Bearn, in der Taufkapelle der Kirche Saint-Thomas d'Aquin erschien. Die bloße Aufzählung der Namen Francois Coppes, Jules Lemaitre, General de Boisdeffre. Ernest Judet (vom „Petit Journal"), Arthur Meyer u. A. genügt, um die Freunde des „Täuflings" zu kennzeichnen, unter denen nur Oberstleutnant du Patty de Clam, Major Esterhazy u. A. m. fehlten. Der Dominikanerpater Domenech vollzog die Ceremouie. Der Täufling, dessen Pathen und die Priester erfaßten gemeinsam eine brennende Kerze und sagten das „(ü-eäo" und das „kater uoster" her, worauf die Taufe vorgenommen wurde: „Gaston Joseph, verleugnest Du Satan?" — „Ich verleugne." — „Verleugnest Du den jüdischen Unglauben und den hebräischen Aberglauben?" — „Ich verleugne." — „Willst Du die Taufe erhalten?" — Ich will es." Der Pastor vollzog hierauf die Taufe und schloß mit den Worten: „Vaäe in paee et Dannaus sit teeum!" Jetzt kam erst die eigentliche Kundgebung: Pater Domenech hielt an seinen neuen Glanbemgenosjen eure Ansprache, in der er gegen die Regierung und die Dreyfusisten die heftigstell Angriffe losließ. Er erinnerte daran, daß bei dem Begräbniß des Vaters von Pollonais „traurige Sektionsworte" gesprochen wurden, und daß der Täufling durch „die Infamien gegen unsere Armee und unser Land bei einem jüngsten Prozesse" empört wurde und sagte: „Sie kennen die geheimen Räderwerke und die Geheimnisse der Räderwerke, Sie haben gesehen, wie Ihr Land schmählich ausgebeutet und dessen Interessen denen einer Kaste und Nasse geopfert wurden." Man hatte irgend welche Zwischenfälle befürchtet oder vielleicht gewünscht, allein dazu kam es nicht: Der klerikale „Gaulois" hat nur um einen getauften Juden mehr, das ist alles. Von Nah und Fern. — Der in den weitesten Kreisen hochgeachtete und beliebte Geheime Sanitätsrath Dr. Boas feierte am 2. d. M. unter lebhafter Theilnahme von Freunden und Verehrern seinen siebzigsten Geburtstag. Möge es dem ausgezeichneten Mann noch lange beschieden sein, so gedeihlich wie bisher zu wirken! — Nach der letzten Volkszählung sind unter 35 Ueberhundertjährigen in Preußen nur zwei Juden in Westpreußen und Rheinland. — In der Strafsache gegen den Grasen Pückler-Kleintschirne und den verantwortlichen Redakteur der „Staatsbürger-Zeitung" ist nunmehr ein neuer Verhandlungstermin vor der 9. Strafkammer des Landgerichts Berlin I auf Sonnabend 22. November d. I. anberaumt worden. Cs handelt sich hierbei um die vom Grafen Pückler am 14. Juli d. I. in Berlin gehaltene und in der „Staatsbürger-Zeitung" veröffentlichte Rede (Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten, Z 130 R.-Str.- G.-B.) sowie um Beleidigung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Neumann in Glogau durch die vom Grafen Pückler gegen diesen in der „Staatsbürger-Zeitung" veröffentlichte Erklärung. In dieser Sache war bekanntlich schon am 7. Oktober dieses Jahres vor derselben Strafkammer Verhandlungstermin angesetzt worden. Dieser Termin mußte jedoch mit Rücksicht auf den vom 30. September bis 11. Oktober währenden Prozeß, der gegen die „Staatsbürger-Zeitung" wegen des Konitzer Mordes geführt wurde, vertagt werden. — Dem Landrabbiner Dr. Gronemann zu Hannover ist nach einer Bekanntmachung des Herrn Regierungspräsidenten die kommissarische Verwaltung des Landrabbinats für den Regierungsbezirk Stade auf weitere drei Jahre — bis zum 1. Januar 1906 — übertragen worden. — Von ruchloser Bubenhand sind in voriger Woche auf dem israelitischen Friedhofe zu Meckenheim vier Grabsteine umgeworfen worden. Die israelitische Gemeinde hatte zur Erlangung der Thäter eine Belohnung ausgesetzt, und sind daraufhin die Thäter ermittelt worden. — Der ehemalige Reichstagsabgeordnete und Alterspräsident Dr. Joseph Lingens, der am 31. v. M. in Aachen im 85. Lebensjahre gestorben ist, war ein warmer und eifriger Vertreter unserer religiösen Interessen im Parlament. Ehre seinem Andenken! — Oberlehrer a. D. Professor Mannheimer in Frankfurt a. M. erhielt den Rothen Adlerorden vierter Klasse. — Als Nachfolger des nach Berlin berufenen Professors Kraus in Graz ist Prof. Minkowski-Kölnprimoloeovorgeschlagen. — Der Oberrabainer von Mailand heißt da Fano, nicht da Farro, wie es in der vorigen Nummer irrthümlich gedruckt wurde. — Kaiser Wilhelm hat Professor Dr. Salomonsen, Direktor des Instituts für medizinische Bakteriologie an der Universität Kopenhagen, den Kronenorden zweiter Klasse verliehen. — Der König von England hat dem Major Mattew Nathan in L o n d o n die Insignien des Kommandeurkreuzes vom Orden St. Michael und St. Georg verliehen. — In London bemerkte man bei dem letzten talmudischen Vortrag des Chiefrabbi am Bußsabbath eine Dame, die eine Gemarah vor sich liegen hatte, mit großer Aufmerksamkeit dem Pilpul folgte und am Schluffe das Talmudexemplar einem indischen Mohrenbedienten übergab. Es war Lady Sassoon. die Frau des indischen Millionärs W. Sassoon (Verwandte des Hauses Rothschild), die den Talmud von Jugend auf studirt hat. — Wir erhalten folgende Depesche aus Jerusalem: „Cholera wüthet in der Umgebung Jerusalems; die Straßen sind gesperrt. Lebensmittelpreise um das Doppelte gestiegen, schwerer Nothstand ist zu befürchten. Erbitten schleunigst telegraphische Hilfe. Oberrabbiner Eljaschar, Galant, Nabbinowitsch, Tumim." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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