Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 518 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228518--59164-3295665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
518 seit einem Jahrhundert ist kein Verbrechen unter ihnen vorgekommen. Die Gesetze der Reinheit beobachten sie in einer Art, daß sie schon deshalb ihres Lebens nicht froh werden können. Wie sie erfinderisch sind in der Kunst sich selbst zu quälen, um den Untergang Jerusalems immer und ewig zu betrauern, und die gesetzlichen Obliegenheiten mit peinlicher Genauigkeit zu erfüllen, so sind sie nicht minder streng in der Uebung der sittlichen Pflichten. Den rabbinischen Juden brachten und bringen sie aber noch immer eine gewisse Feindschaft entgegen; in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schien es, als ob eine gewisse Annäherung sich anbahnen würde; seither aber ist es auch davon still geworden, und es herrschen absolut keine Beziehungen, geschweige denn Verbindungen zwischen den Juden und den Karäern. Also diese jüdische Sekte ist von dem Verdacht irgend eines Blutaberglaubens absolut frei. Es leben aber noch versprengte Reste der ältesten jüdischen Sekte, nämlich die Samaritaner. Sie sind ein abgestorbener Zweig des Judenthums, der schon im Alterthum abbrach. Es existiren im Ganzen nur noch 130 Samaritaner auf der Welt. Sie leben in Nablos und halten streng an ihrem Glauben fest. Diese Sekte hat sich im fünften vorchristlichen Jahrhundert gebildet; der Pentateuch ist ihnen das einzige heilige Buch und Mos« der einzig wahre Prophet. Von der späteren rabbinischen Tradition haben sie natürlich keine Ahnung. Ihre Sittenlehre ist also ausschließlich die der heiligen Schrift, und ein Blutaberglauben konnte umsoweniger unter ihnen sich ansbreiten, als sie gerade mit besonderer Strenge die Vorschriften und Verbote festhalten, die die Bibel in Bezug auf den Blutgenuß gegeben hat. Alle Reisenden, die mit dem versprengten Rest dieser alten Sekte jemals in Berührung gekommen sind, sowie alle gelehrten Kenner ihres Schriftthums werden selbstverständlich jeden Verdacht, der nach dieser Richtung etwa auf sie geworfen würde, mit berechtigter Entrüstung zurückweisen. Das sind also die jüdischen Sekten; mehr giebt es nicht. Wo steckt nun der Blutaberglanbe unter den Inden? Man wird uns vielleicht von gegnerischer Seite einwenden, daß unter den Juden des Ostens eine gewisse Richtung Anhänger gefunden hat, die man mit dem Namen Chassidim belegt hat. Diese bilden aber keine Sekte; sie sind niemals aus dem Judenthum ausgetreten. Ihre Bibel ist die unsrige, ihre Sittenlehre ist die unsrige und sic halten mit ebensolcher Strenge an dieser fest wie die gebildetsten europäischen Juden. Mit derselben Andacht, ja vielleicht noch mit heißerer Inbrunst als diese, beten sie am Nenjahrstage, daß die Furcht Gottes über alle Geschöpfe dieser Erde kommen möge, daß alle Menschen einen Bund bilden mögen, um den Willen Gottes ans ganzem Herzen zu erfüllen. Mit derselben Inbrunst hoffen sie am Versöhnungstage auf jene Zeit, wo der Glanz der Gvttesherrlichkeit die ganze Welt erfüllen und alle eitlen Wahngebilde zerstören werde, ivo alle Menschen den Namen Gottes anbeteu, wo vor ihm sich jedes Knie beugt, und zu ihm jede Zunge schwören wird. Von ganzem Herzen sehnen sie die Zeit herbei, „wo man nichts Eitles schaut in Jakob und nichts Thörichtes in Israel." Und ihr tägliches Gebet schließt genau, wie das unsrige, also mit der Verkündigung: „Und der Ewige wird zum König werden über die ganze Erde. Am selben Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig!" Es wäre geradezu ein Verbrechen, den armen und unterdrückten Inden des Ostens irgend welche Spur eines solch uichtswürdigen Blutaberglanbens imputiren zn wollen, mögen sie nun Chassidim oder wie immer heißen. Es mag Manchem traurig erscheinen, und es ist wahrhaftig keine leichte Aufgabe, derartige Dinge, die allgemein bekannt sein sollten und in jüdischen Kreisen auch bekannt sind, immer und immer wiederholen zu müssen; aber es erscheint uns dies angesichts der letzten Vorgänge, angesichts der betrübenden Wahrnehmung, daß nicht nur unsere Gegner immer noch von jüdischen Geheimverbindungen, von jüdischen Sekten, von jüdischem Blutaberglauben zu sprechen den traurigen Muth haben, sondern daß selbst sogenannte objektive oder gar wohlwollende Benrtheiler diese Fabel nachsprechen, als eine unerläßliche Pflicht, auch das tausendmal Gesagte noch einmal zu wiederholen, um wenigstens für die, welche der Belehrung zugänglich sind, den ganzen Wust von Fabeln, Legenden und Mythen gründlich zu zerstören. Me Woche. Berlin, 28. Oktober. Zwei Seiten ist in dieser Woche der Appell an die Humanität und Nächstenliebe ergangen, und zwar an die studirende Jugend und an die Lehrer. Professor Gierke hat bei Uebernahme des Rektorats der Berliner Universität die Studenten in warmherziger Weise ermahnt, des Gebots der Nächstenliebe, das die Grundlage aller menschlichen Verbände sei, vor allem Andereil stets eingedenk zu bleiben. Und Geheimrath Jäger, der bekannte Historiker, hat auf der Generalversammlung des deutschen Gymnasiallehrervercins in Bonn eine ähnliche Mahnung an die Jugendbildner gerichtet. Er sagte u. a., der Gymnasiallehrer habe die Mission, in das Parteileben Mäßigung und Momente der Verständigung zu tragen, insbesondere auch beim Streit der Konfessioneil. Die Mahnung war nur zu nothwendig, wenn man sich daran erinnert, wie manche Gymnasiallehrer in der antisemitischeil Bewegung eine sührende Nolle gespielt habeil und zum Theil noch spielen. Mit Recht bemerkt ein politisches Blatt zu dieser Rede Jägers: „Es dürfte noch in aller Gedächtniß sein, daß die Gebrüder Förster, beide Gymnasiallehrer, und der Gymnasiallehrer Henrici die Arrangeure der großen politischen Skandale in Berlin waren, die sich nicht nur in Bierlokalen, sondern auch auf offener Straße zur Nachtzeit abgespielt haben. Herr Dr. Henrici war es. der jene bekannte Rede hielt, in welcher er als das Ziel des germanischen Strebend die Aufknüpfung der Juden an die Laternenpfähle bezeichnete. Auch heute noch findet man in den Nadauversammlungen der Antisemiten Gymnasiallehrer in nicht geringer Zahl. Durch die Provinz Brandenburg kreisen augenblicklich zwei antisemitische Wanderredner, die freilich keine hohen politischen Ziele, sondern nur die Werbung von Abonnenten für ein kleines Antisemitenblatt im Auge haben. Wie wir durch sichere Gewährsmänner wissen, haben in den verschiedenen Provinzialstädten als einzige Akademiker Gymnasiallehrer an diesen Versammlungen theilgenommen und ihre Sympathien mit den Ausführungen der Redner zum Ausdruck gebracht, wiewohl diese Ausführungen intellektuell und moralisch auf der untersten Stufe dessen standen, was im öffentlichen Leben vorkommt und wiewohl die „Dämonen die Verhetzung" in diesen Versammlungen förmliche Orgien feierten. Es ist überdies allgemein bekannt, daß die Gymnasiallehrer zu jener Bewegung, an deren Spitze die Herren Ahlwardt, Graf Pückler. Pickenbach. Nuppel, Hammerstein u. A. standen oder noch stehen, das größte Kontingent aus allen studirten Ständen liefern." Wenn wir auch den Schlußsatz dieser Auslassungen für übertrieben halten, so erscheinen uns die Mahnungen solcher