Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Wanderer in Basel" 8. 6. 6. nimmt als Hauptsammelpnnkt die Gegenstände an. „Es ist nicht anznnehmell," schreibt man mir aus Basel, „daß die Paßverweigerung der rumänischen Negierung den Durchzug durch Basel beeinflussen wird. Die armen Juden werden eben ohne Paß hierherkommen." Bei der Verlogenheit und Nänkejucht der rumänischen Negierung, und nachdem die amerikanische ihren echausfirten Ton gemildert hat, glaube ich als Kenner amerikanischer Verhältnisse hinzusügen zu dürfen, daß an der bisherigen Sachlage sich nur wertig ändern wird. Betreffs etwaiger Geldspenden bitte ich höflich, Ihren Lesern bekannt geben zu wollen, daß solche zur Verpflegung der Auswanderer sehr erwünscht sind, und nehme ich selbst die kleinsten Beiträge — in Briefmarken — dankend entgegen- Dr. Arthur Kahn. Frankfurt a. M, 15. Oktober. Der Kongreß zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels hat seine Sitzungen beendet. In einer der letzten Versammlungen sprach auch Nabbiner Dr. Horovitz. Er erinnerte an die gesetzlichen Bestimmungen in nordamerikauischen Häfen, wonach mittellose Passagiere gar nicht landen dürfen. Wäre es nicht angängig, überall ähnliche Bestimmungen für allein ankommende Mädchen zu treffen, denen die Landung nur dann gestattet werden soll, wenn sie von gut beleumundeten Personen in Empfang genommen werden? Das würde viel Segen stiften. Denn die Zurückgewiesenen müssen wieder in ihre Heimath befördert werden, und die Schiffsführer sind aus diesem Grunde schon in ihrem eigenen Interesse gezwungen, nach dem Rechten zu sehen. Ferner erwähnte der Redner die Thätigkeit der jüdischen Vereine in der Frage des Mädchenhandels. Die Rabbinerkonferenz hat jüngst in Frankfurt den Beschluß gefaßt, ein „jüdisches Adressenbuch" für Mädchen heranszugeben; das wird die schon erwähnten protestantischen und katholischen Büchlein würdevoll ergänzen. Dr. Horovitz sprach schließlich seine Bewunderung aus über die große Duldsamkeit, die hier während der Berathnngen des Kongresses geherrscht hat. Nur die allgemeine Religion hatte mau vor Augen. Es giebt aber keine Religion, die nicht die Sittlichkeit zum Endziel hat. Dieser Kongreß, das „erwachte Gewissen der Völker", wird ein großes Beispiel geben. Er ist international, interkonfessionell, aber auch intersozial. Möchte es uns doch gelingen, auch die sogenannten niedrigeren Stände für die Sache zu interessiren und zu gewinnen! In den sozial bessergestellten Kreisen tragen die Männer die Hauptschuld, daraus schwöre ich. Alle aber sollen an der Bekämpfung des Nebels betheiligt, keine soziale Schicht soll allsgeschlossen sein, gerade so wie keine nationale, keine konfessionelle! Der Kongreß, an dem auch Herr Gustav Tuch, Hamburg, in hervorragender Weise sich betheiligte, wählte Nabbiner Dr. Werner in den Vorstand des deutsch-nationalen Komitees. Oesterreich - Ungarn. ID Wien, 20. Oktober. Am 15. d. feierte, wie ich Ihnen bereits gemeldet habe, einer unserer besten und vortrefflichsten Männer, Herr Banrath W i l h e l rn S t i a ß n h, seinen sechzigsten Geburtstag. Die allgemeine Theilnahme, die sich an diesem Tage kundgab, war ein rechtes Zengniß für die Beliebtheit und das Ansehen, dessen sich dieser Mann Zn erfreuen hat. Stiaßny ist seit 1868 Architekt; er hat über 180 Paläste, Schulen, Synagogen, Hospitäler, Fabriken und Wohngebäude gebaut. Volle 22 Jahre war er Mitglied des Wiener Gemeinderathes, seit 1879 gehört er dem Vorstand der israelitischen Knltusgemeinde an, und was er hier geleistet, das wird die Geschichte unserer Gemeinde einmal zu verzeichnen haben. Im Jahre 1895 gründete Stiaßny die Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Iudenthums, deren Präsident er noch gegenwärtig ist; seit mehr als 30 Jahren ist er auf humanitärem, politischem, sozialem lind religiösem Gebiete unermüdlich thätig. und unzählig sind die Anstalten, denen er als Vorsteher oder als Mitglied angehört. Auch als Mensch ersreut sich Stiaßny allgemeiner Beliebtheit; seine wahre Frömmigkeit und Herzensgüte, seine umfassende Bildung und große Liebenswürdigkeit machen ihn zu einer der interessantesten und bedeutendsten Erscheinungen unserer Gesellschaft, unserer Gemeinde, ja der ganzen jüdischen Gesammtheit. Möge es ihm noch lange vergönnt sein, in gleichem Sinne wie bisher fördernd und gedeihlich im Interesse des Iudenthums zu wirken! Im November finden die Neuwahlen für den Landtag statt, und die Antisemiten entfalten eine um so regere Agitation in allen Bezirken, als ja ihre Herrschaft bereits im Niedergang ist. — In Agram wurde der christlich-soziale Redakteur und Führer der dortigen Antipartei, Hei nri ch Sirwatka, zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt. — Eine tragikomische Geschichte wird aus Universitätskreisen berichtet: Von der Grazer medizinischen Fakultät war prüno loeo der Dozent der Kinderheilkunde an der Prager Universität Dr. Rob. W. Raudnitz vorgeschlagen worden. Schon vor 12 Jahren ist Rauduitz seeunclo loeo für Graz, und vor wenigen Jahren prüuo loeo für Innsbruck vorgeschlagen worden. Es verlautet, daß seine Ernennung immer an dem Umstande scheiterte, daß Raudnitz konfessionslos ist. Seit dem Fall Franz Brentano und Marth weiß man. daß die päpstliche Nuntiatur in Wien ein Vetorecht bei Professorenernennungen besitzt. Der Austritt aus dem Judenthum hat also dem Manne nichts genützt! Von Nah und Fern. — Der Geheime Sanitätsrath Dr. Croner hat den Kronenorden III. Klasse erhalten. — Der verwittweten Frau Mathilde Stettiner, geb. Schwarzschild, zu Berlin wurde die II. Klasse der 2. Abtheilung des Lnisenordens mit der Jahreszahl 1865 verliehen. — Im Beleidigungsprozeß gegen die Herren Dr. Bötticher und Bruhn in Sachen des Könitz er Mordes haben die von der 2. Strafkammer verurtheilten Angeklagten gegen das Urtheil ihre Vertheidiger von dem Rechtsmittel der Revision Gebrauch machen lassen. Das Reichsgericht wird also die Prozeßverhandlungen und das Urtheil in Bezug auf etwaige prozessuale Verstöße und Nechtsirrthümer einer Nachprüfung zu unterziehen haben. — In Breslau ist am 10. d. M. Herr Wilhelm Kali sch, Prokurist im Bankgeschäft E. Heimann, im 87. Lebensjahre gestorben. Er war der Bruder von David Kalisch und ein Neffe des Breslauer Gemeindesyndikus Dohm, ein Schüler der ehemaligen „Wilhelmsschule". — Zur Erhaltung des jüdischen Friedhofes in Dyhernfurth, der der festen Umwehrung entbehrt, hat sich hier, da die zusammengeschmolzene jüdische Gemeinde dazu außer Stande ist, ein Komitee gebildet. An der Spitze dieses Komitees steht der Bürgermeister Koch. Dies Komitee wendet sich nun an die Glaubensgenossen und erbittet Beiträge an Herrn Bürgermeister Koch. — Der Preisphysikus Sanitätsrath Dr. med. Rothschild in Zoege a. H., Inhaber des „Ritterkreuzes zweiter Klasse des Herzoglichen Ordens Heinrich des Löwen", feierte am 20. d. M. in voller Rüstigkeit mit seiner Gemahlin das seltene Fest der goldenen Hochzeit im Alter von 78 Jahren. — Die jüdische Haushaltungsschule in Frankfurt a. M. ist dieser Tage im früheren Geschäftshaus von M. A. Rothschild Söhne, das ihr von den Erben zunächst auf 10 Jahre kostenlos überlassen ist, neu eröffnet worden. 90 Zöglinge und 20 Pensionärinnen sind bisher ausgenommen. — Bei den Nenovirungsarbeiten am Judenbade in Friedberg wurde in einer Nische die Jahreszahl N6dX vorgefundeu, wodurch die Eutstehungszeit des Bauwerks festgestellt ist. Auch wurden größere hebräische Inschriften auf Quaderwerk vorgefnndeu. oie jetzt erst nach Freilegung des Felsens, auf dem das ganze Baudenkmal errichtet ist, zum Vorschein kamen. — Der Geheime Sanitätsrath Dr. Gutkind, frühere Kreiswundarzt des Kreises Teltow, ist am 11. d. M. in Wiesbaden gestorben. — Am 9. d. M. ist der Rabbiner Snßmann Soser, Verfasser des Jalkuth Elieser und vieler anderer hebräischer Werke, Oberrabbiner zu Paks, im Alter von 74 Jahren plötzlich verschieden. — Dr. H. P. Chaj e s, ein Schüler des Wiener Seminars, wurde zum Dozenten am (^olloKi'o Habdmieo in Florenz gewählt. — Auf dem radikal-sozialistischen Kongreß in Lyon sollte ein Herr M. Moli na wegen Antisemitismus ausgeschlossen werden. Da erhob sich dieser und erklärte unter allgemeiner Heiterkeit: „Mali hat gesagt, daß ich wegen antisemitischer Gesinnungen ausgeschlossen werden soll. Bürger, urtheilt ernsthaft über diese Anklage! Ich bin selbst Jude!" — General Naqnet-Laroqne ist zum Kommandeur der Artillerie des dritten Armeekorps in Versailles ernannt worden. — In Paris ist am 16. d. M. der Juwelier Hadamard, der Schwiegervater von Alfred Dreyfus, plötzlich gestorben. — Das Hetzblatt 1,'^ntsiuit' ^l^orieune, die letzte Gründung von Max. Rogis in Algier, ist eingegaugen. Sie tiausit! — Der russische Finanzminister Witte hat nach einer Rücksprache mit dem russischen Minister des Aeußeren die Einfuhr der Aktien der jüdischen Kolonialbank in Rußland verboten. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.