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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 506 (sequence 4)
Language
German
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506 diese ja aus der Erkenntniß der Sachlage sich von selbst ergiebt. Leopold Zunz, der unsterbliche Begründer der Wissenschaft des Judenthums, hat als sein Erstlingswerk vor nun mehr als 84 Jahren eine kleine Schrift „Etwas über die rabbinische Litteratur" erscheinen lassen, in der er schon auf den ersten Blättern auf diese Frage eine Antwort giebt, wie sie auch heute, fast nach einem Jahrhundert, Niemand besser geben könnte. Er sagt dort: „Jetzt .... wo größere Kultur eine lichtvollere Behandlung erwarten läßt und die hebräischen Bücher noch nicht so schwer zu haben sind, als sie es vielleicht rmuo 1919 sein werden, jetzt, glauben wir, wird die Bearbeitung unserer Wissenschaft im großen Stil eine Pflicht, und eine um so gewichtvollere, da die komplizirte Frage über das Schicksal der Juden in einigen Paragraphen daraus beantwortet werden zu können scheint. Denn es sind staatsrechtliche und religiöse Einwirkungen von außen hier allein unzureichend, einen befriedigenden Einklang hervorzubringen, wenn nicht auch die Natur des Instruments gekannt und die Art es zu behandeln erlernt ist. Die heutigen Juden theoretisch oder auch juristischtheologisch kennen, heißt sie einseitig kennen; in den Geist können nur gegebene Ideen einführen und die Kenntniß der Sitten und des Willens." Man muß den wahrhaft providentiellen Geist bewundern, aus dein jene Worte hervorgegangen. Und was der Jüngling damals ausgesprochen, das hat der Mann ein Vierteljahrhundert später in seinem grundlegenden Werke: „Zur Geschichte und Litteratur" noch einmal in glänzender und auch heute noch vollinhaltlich geltender Weise ausgeführt. Es sind geradezu prophetische Worte, die er da ansgesprochen: „So räume man denn dem Geiste sein Recht ein; der Anerkennung des Geistes wird die der Person folgen. Man erkenne und ehre in der jüdischen Litteratur eine organische Geistesthätiakeit, die, den Weltrichtungen folgend, auch den Gesammtinteressen dient, die vorzugsweise sittlich und ernst auch durch ihr Ringen Theilnahme einflößt. Dieses stets unbefchützte Schriftthuin, nie bezahlt, oft verfolgt, dessen Inhaber nie zu den Mächtigen der Erde gehörten, hat seine Geschichte, eine Philosophie, eine Poesie, die es anderen Literaturen ebenbürtig machen. Werden, dies zugegeben, nicht die jüdischen Autoren und die Juden überhaupt alsdann das Bürgerrecht des Geistes erringen müssen? Muß dann nicht aus dem Born der Wissenschaft Humanität sich unter das Volk ergießen, Verständigung und Eintracht bereitend? Die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums hervorgehen." Und nuir sage Jemand noch, daß die Beschäftigung mit der Wissenschaft des Judenthums, daß die Förderung dieser Wissenschaft, daß die Verbreitung der Kenntniß unserer Geschichte in weiten Kreisen keinen praktischen Nutzen haben! Wer nach den Erfahrungen der letzten fünfundzwanzig Jahre, nachdem wir gesehen und gehört haben, wie das Judenthum, seine Religion, seine Geschichte, seine Ethik mit Schmutz beworfen wurden, wie selbst in gebildeten, ja in gelehrten Kreisen die ärgsten Vorurtheile darüber noch immer herrschten und herrschen, wer die Prozesse von Xanten, Tisza-Eszlar und Kouitz schaudernd miterlebt hat und dann noch fragt, welchen Werth die Beschäftigung mit der Wissenschaft des Judenthums habe, der begehrt eigentlich gar keine Antwort auf seine Frage! „Lasset uns jubeln und frohlocken am Festtag der Thora, denn sie giebt uns Licht und Macht!" So sangen unsere Alten an diesem Tage. Möchte das junge Geschlecht von den Alten die Achtung vor der Wissenschaft lernen, die Licht und Macht, die Kraft und Sieg gewährt, die allein in» Stande ist, uns die soziale Achtung zu verschaffen, nach der wir uns sehnen und die uns gebührt; möchte die Erkenntniß der geschichtlich bezeugten Wahrheit, daß Wissen Macht ist, in immer weitere Kreise dringen; möchte die Kenntniß unserer Geschichte, die vordem Abfall schützt, die die Gleichgiltigkeit überwindet und den gerechten Stolz auf eine große Vergangenheit erweckt, wiederum ein Erbtheil der Gemeinde Jakobs werden, wie sie es in alten Tagen zum Heile Israels gewesen ist! Me Woche. Berlin, 21. Oktober. ie Parteien sangen an, ihre Vorbereitungen für die nächsten Reichstags Wahlen zu treffeil, um nicht durch unvorhergesehene Ereignisse überrascht zu werden. Da können natürlich die Antisemiten auch nicht Zurückbleiben. Wenn man Herrn Ahlwardt jetzt wieder als den getreuen Interpreten der Parteianschauungen betrachten darf, so wird die antisemitische Wahlparole diesmal lauten: Kampf gegen die jüdischen Richter! Man muß gestehen, diese Wahlparole ist von einer gewissen Schlauheit diktirt worden. Nicht etwa, als ob wir glaubten, daß sie im Volke irgendwelchen Anklang finden und der Partei auch nur einen einzigen neue» Wahlkreis erobern würde, wohl aber, weil diese Wahlparole sich auf die Ueberzeugnng stützt, daß einzelne Justizminister deutscher Bundesstaaten dem Drängen der Antisemiten nicht gerade heftigen Widerstand entgegensetzen würden. Die Vorgänge in Preußen, Hessen nnd Bayern sollen eben für die Wahlen nutzbar gemacht werden — das ist alles. Denn auch nur irgend etwas Nachtheiliges gegen die jüdischen Richter in Deutschland vorzubringen, wird selbst den Antisemiten, denen das ein willkommener Bissen wäre, absolut unm vglich sein. Und gerade darum dürften sie mit dieser Wahlparole nicht einmal bei ihren Anhängern, geschweige denn im Volke selbst irgendwelche Gegenliebe finden. 4- Wer die drei Burengenerale in Berlin, flankirt von Herrn Stöcker auf der einen und von Herrn Liebermann von Sonnenberg auf der anderen Seite, überall auftreten sah, der mußte wohl glauben, sie seien stramme Antisemiten. Indessen scheint dies doch nicht durchweg der Fall zu sein, wie das interessante Interview beweist, welches der „Jewish Chronicle" in seiner letzten Nummer mittheilt. Einer der bekanntesten Burenführer, der General Ben Viljoen, bestätigt dort frühere Berichte über die beträchtliche Anzahl von Inden, welche in den Reihen der Buren mitkämpften. „Natürlich," fuhr er fort, „verringerte sich ihre Zahl während des Krieges. Einige wurden getödtet oder verwundet. Andere wurden krank. Aber drei oder vier blieben unter meinem Kommando bis zu Ende des Krieges. Der Eine von ihnen war ein Russe Namens Kaplan. Die Namen der Anderen sind niir aus dem Gedächtniß; aber Einen von ihnen, erinnere ich mich, pflegten wir kurz Jakob zu rufen." „Welchem Berufe gehörten die dort mitkämpfenden Juden an?" fragte ich. „Oh! Ich vermuthe, es waren Geschäftsleute. „Wie denken Sie eigentlich über die Transvaaljuden?"

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