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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 482 (sequence 4)
Language
German
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482 merkt sie so leicht?" An dem erhabensten Feste, das für ihn anbricht, suhlte der Jude es seinem großen Dichter nach, und im Bewußtsein dessen, daß „Wahrheit das Siegel des Göttlichen ist", sprach er jenes Gebet, welches ihm die beruhigende Gewähr bot, daß er auch ohne Wissen und Willen der Wahrheit nicht wird untreu werden müssen. . . Mit diesen beiden hier besprochenen Bräuchen ist wohl das Wesen des Versöhnungstages nicht erschöpft, sie zeigen uns aber den Weg, auf dem uns seine herrliche Frucht der Versöhnung erblüht. Wir sollen von wahrer Liebe gegen die Menschen erfüllt sein und uns echter Wahrheit befleißigen, dazu will uns unser Fest anspornen. Darum sollen wir auf der einen Seite aus eigenem Antrieb alle' Scheidewände niederreißen, welche wir in kleinlicher Weise zwischen uns und den Genossen aufgerichtet haben, und auf der anderen Seite zur Wahrhaftigkeit auch in den kleinsten Dingen gemahnt werden ... Ist nicht das Ziel der Edeldenkenden unter allen Völkern, das sie erstreben und ersehnen, daß jene beiden edelsten Blüthen des Menschenherzens, Liebe und Wahrhaftigkeit, überallhin ihren wohlthnenden Duft verbreiten? Unser Jomhakippurim fordert uns auf, für dieses Ziel miteinzutreten. Liebe und Wahrhaftigkeit sind die Stützen des Gottesthrons auf Erden. Wer diesen besestigt wissen will, sorge dafür, daß seine beiden Säulen nirgends fehlen. Am Versöhnungstage ist der Wunsch aller unserer Wünsche und unser innigstes' Gebet, daß endlich schwinden möge aller Frevel und sich alle Menschen im Liebesbunde einen, um Gott mit aufrichtigem, wahrem Herzen anzubeten. O möchte diese Zeit endlich nahen und anbrechen der große Tag der Versöhnung und Verbrüderung der gesummten Menschheit. Liebe und Wahrheit allein führen zu diesem Ziele! Berlin, 8. Oktober. (AA^er Konitzer Prozeß wird seit einigen Tagen im Moabiter Justizpalast noch einmal in voller Ausführlichkeit aufgerollt. Leider ist es uns nicht möglich, die Prozeßverhandlungen selbst zu bringen. Aber die Leser kennen sie ja zur Genüge ans den Tagesblättern, und wir dürfen nns an dieser Stelle auf einige sachliche Bemerkungen beschränken. Die Erwartung, daß in dem jetzigen Beleidigungsprozeß wider die Antisemitenhäuptlinge ein Berliner Gericht, fern vom Thatort, den die Leidenschaften durchwühlt haben, viel kühler und temperamentloser, als es bei den Konitzer Geschworenen der Fall war, der Affäre gegenübersteht, hat sich erfüllt. Daß das Drama, in dem Lug und Trug und Hintertreppengeklatsch eine jo große Rolle spielten, vor uns noch einmal in seiner ganzen Breite aufgerollt wird, kann Allen nur Recht sein, denen es um die Erforschung der Wahrheit zu thun ist. Es ist nur so noch die einzige Möglichkeit geblieben, die verschlungenen Fäden vielleicht zu entwirren und in Verhältnisse hineinzuleuchten, die bisher noch der Schatten des Geheimnisses umgeben hat. Schon der bisherige Gang der Verhandlungen hat manche werthvolle Aufklärung gebracht. Wir haben gehört, wie die Hetze gegen die Juden planmäßig vorbereitet und durchgeführt wurde. Alle Zeugen: Staatsanwälte, Aerzte, Polizeibeamte haben übereinstimmend bekundet, daß alle Verdachtsmomente — auch die gegen Juden — mit dem größten Eifer aufgegriffen und erforscht wurden, daß aber keines von diesen auch nur den geringsten Anhalt zu weiterer Verfolgung geboten hatte. Ja, ein Zeuge, der Oberstaatsanwalt Wulff, hat sogar ausdrücklich erklärt, daß die Ermittelungen gegen die Juden in Könitz nach seiner Ansicht etwas zu weit gegangen seien. Die Aussage des ersten Staatsanwalts Settegast ist in dieser Beziehung sehr werthvoll. Sie lautet nach den Zeitungsberichten: „Der Oberstaatsanwalt Wulff fand, als er zum ersten Male am 23. März nach Könitz kam, daß ich etwas zu viel gegen die Inden gethan hätte, es seien zu viel jüdische Schlächter vernommen worden, die am Mordtage in Könitz anwesend gewesen sein wolle». Der Oberstaatsanwalt hielt diese Ermittelungen gegen die Inden deshalb für zu weitgehend, weil sie seiner Ansicht nach doch zwecklos seien und nur böses Blut machten. Der Oberstaatsanwalt hielt mich antisemitischer Gesinnung verdächtig und meinte, ich sei doch allzu weit gegen die Juden vorgegangen." Und der Oberstaatsanwalt Wulff erklärte außerdem: „Ich habe darauf aufmersam gemacht, welche Aufregung es verursachen würde, wenn der Verdacht gegen die Juden durch Maßnahme» der Behörde» neue Nahrung erhalte. Ich habe an der Untersuchung nur auszusetzen gehabt, daß die Sektion nicht sofort erfolgt war, daß der Kreisphysikus aus der Synagoge ein Fläschchen Hühnerblut entnommen habe, was zu einer Hetze gegen die Juden Veranlassung gab." Die Aussagen dieser wie der anderen Zeugen sind um so werthvoller für uns, als sie meist wahrlich nicht gerade von einer besonderen Vorliebe für Juden und Judenthum erfüllt sind. Sogar das Vorurtheil von dem „Blutaberglauben östlicher Juden" trat hier und da auf, ein Vorurtheil, für das auch nicht die geringste Spur irgend einer Berechtigung jemals hat nachgewieseu werden können, und das doch selbst gelehrte Männer nachzusprechen sich noch immer nicht scheuen. Man kann es Herrn Sanitätsrath Dr. Reumann nicht genug danken, daß er s. Z. in der Generalversammlung des Abwehrverein so mannhaft gegen dieses häßliche Vorurtheil aufgetreten ist. Diese Rede war eine That, wie wir uns auch aus der Lektüre der Moabiter Gerichtsverhandlungen überzeugt haben, über deren Verlauf und Ausgang wir wohl in der nächsten Nummer werden berichten können. 4 Die Volkszählung von 1890 und ihre Lehren bilden jetzt auch in den Tagesblättern ein ständiges Thema. Das Statistische Amt veröffentlicht nämlich in dem soeben erschienenen Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs weitere Ergebnisse dieser Zählung. Sie betreffen Alter, Familienstand, Religion und Muttersprache der Bevölkerung. Dem Religionsbekenntniß nach wurden 1900 gezählt 35 Millionen (62 Prozent) Evangelische, 20 Millionen (36 Prozent) Katholische, 204 000 andere Christen, 586 948 (1 Prozent) Israeliten, 995 Bekenner sonstiger nicht-christlicher Religionerl, 10 000 Personen anderen Bekenntnisses und 6000 Personen ohne Angabe des Religionsbekenntnisses. Gegenüber 1890 haben sich die Evangelischen um 4,2 Millionen oder 13,6 Prozent, die Katholiken um 2,7 Millionen oder 15 Prozent, die Juden um 19 000 oder 3,4 Prozent vermehrt. Denen, die unaufhörlich von dem Anwachsen der jüdischen Bevölkerng reden, mag sicher die That» sache recht unbequem sein, daß einer Vermehrung der Evangelischen um mehr als 13V? Prozent, der Katholischen um 15 Prozent eine Vermehrung der Juden um noch nicht 3V- Prozent gegenübersteht. Wie steht es also um die vielbejammerte Verjudung Deutschlands? Aber es ist Tausend

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