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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-26 · Heft 39 (26.9.1902) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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458 Nicht weniger groß ist der Kreis der Aufgaben, die unseren Glaubensgenossen in Oesterreich harren. Der allgemeine österreichisch-israelitische Bund, der eigentlich bis jetzt nur auf dem Papier existirt, soll zu einer lebenskräftigen Institution sich entwickeln, die österreichisch-israelitische Allianz zur Erfüllung ihrer Aufgaben gekräftigt werden. Eine besondere Sorge müssen die österreichischen Juden aber der Entwickelung des geistigen Lebens zuwenden, daß vor allem im Stande ist, die Vorurtheile und Allgriffe zu entkräften, die von vielen Seiten gegen unsere Religion gerichtet werden. Es sind in Oesterreich kaum die Keime einer Bewegung ausgestreut, die in unseren deutschen Litteraturvereinen schon so schöne Früchte getragen hat. Und doch ist der Boden dort ein überaus günstiger. Es fehlt nur an der Initiative; aber wir sind überzeugt, wenn einige thatkräftige Männer die Sache in die Hand nehmen, dann werden in Oesterreich und in Ungarn die Litteraturvereine rasch eniporblühen und eine Wirkung ausüben, von der man sich dort bis jetzt, wie es scheint, noch keine rechte Vorstellung gemacht hat. Wie man sieht, ist der Kreis der Aufgaben, die unserer in diesem Jahre harren, ein großer und weiter. Die Hauptsache ist, daß immer mehr Männer und Frauen herallgezogen werden, die sich diesen Aufgaben mit Eifer und Treue widme». Hundert, die wollen, sind stärker als Tausend, die können, und alles, was im Interesse der vorher geschilderten und anderer nicht erwähnter Institutionen, die im Interesse des Judenthums stehen, geschieht, ist eine That, die Früchte trägt. Denn „Thaten sind Saaten." Rüsten wir uns, um den großen Aufgaben, die auf uns warten, in vollem Umfange gerecht zu werden, und bemühen wir uns, die Mahnung des Propheten zu beherzigen: „Lernet Gutes thun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten!" Laßt uns nicht säumen und rasten, möge ein Jeder von uns, der eine Kraft in sich fühlt, diese entwickeln, zürn Heile der Eesammtheit, damit uns das große Werk gelinge, die Grundsteine für eine gedeihliche Zukunft des Judenthums in die Herzen unserer Jugend zu legen. Aie Woche. Berlin, 24. September. (^^?wei Parteitage haben in dieser Woche stattgefunden:? der der Deutschsozialen Reformpartei in Eisenach und der der Sozialdemokraten in München. Welche Bedeutung man dem antisemitischen Parteitag beilegte, ist schon daraus ersichtlich, daß fast nirgends von demselben die Rede war. Für uns ist nur von Interesse, daß Direktor Zimmermann, der Leiter der Versammlung, die für uns sehr angenehme lind erfreuliche Mittheilung machte, das Judenthum habe noch nie so viel Macht besessen als gerade jetzt! Dann wurde für die bevorstehenden Reichstagswahlen die Kampfparole ausgegeben, namentlich für den Osten. Hierauf kritisirte man den Rechenschaftsbericht der Reichstagsfraktion, die die Judenfrage, namentlich den Antrag auf Verbot der Einwanderung ausländischer Juden, viel zu selten aufs Tapet bringe. Hierauf wurde die Nothlage des Kaufmannsstandes und die dringende Nothwendigkeit der Zurückdrängung des jüdischen Elements beweglich geschildert. Und endlich beklagte Herr Ottomar Beta noch in einem Epilog die Gemeinschädlichkeit des Judenthums, das sich nun auch der Bodenreformbewegung bemächtigt habe, um die Entschuldung des ländlichen und städtischen Grundbesitzes zu Hintertreiben. Nach der festen Versicherung antisemitischer Blätter wird dieser Parteitag „einen Markstein in der Entwickelungsgeschichte der Partei" bilden. Der sozialdemokratische Parteitag an sich würde uns nicht interessiren, wenn nicht auch hier wieder ein charakteristisches Moment mehr als früher hervorgetreten wäre, das wohl erwähnt zu werden verdient. Schon in der ersten Sitzung machte Ledebvur Witze über die Juden und ihre Synagogen, wo Männer und.Frauen getrennt sitzen; in der zweiten Sitzung sprach Ulrich-Darmstadt von „talmudischer Silbenstecherei", und Ignatz Auer, der Leiter der Versammlung, entschuldigte den starkangegriffenen Redakteur der „Sozialistischen Monatshefte", Bloch, mit den Worten: „Vielleicht liegt das an seinen Stammeseigenschaften", denen der stenographische Bericht „große Heiterkeit" hinzusügt. Am folgenden Tage meinte derselbe Auer in einer Polemik gegen eine „Genossin", Rosa Luxemberg, wieder sehr witzig: „Sollte doch auch einmal die Genossin Luxemburg aus einer Organisation ausgeschlossen werden; deshalb wird es doch Niemand einfallen zu sagen: „Unsere Rosa ist nicht ganz koscher!" (Stürmische, nicht endenwollende Heiterkeit.) Dazu der Bericht: Frau Luxemburg bemerkte Persönlich: „Da ich die Stadt Rawitsch vertrete, so werde ich beantragen, daß Genosse Auer mit Rücksicht auf die liebenswürdigen Aeußerungen über mich zum Ehrenbürger von Rawitsch ernannt wird." Warum wir dies alles hier erwähnen? Um die Wahrhaftigkeit der Antisemiten, die anläßlich dieses Parteitages wieder von dem Zusammenhang des Judenthums mit den Sozialdemokraten gefaselt haben, an einigen drastischen Beispielen zu illustriren. 4. Die wichtigste Nachricht dieser Woche kommt aus Amerika. Es ist der Protest der amerikanischen Regierung gegen die Behandlung der Juden in Rumänien. Es ist wohl das erste Mal, daß die Diplomatie der Vereinigten Staaten Vorgänge in einem europäischen Gemeinwesen in den Bereich ihrer Thätigkeit zieht. Die Vereinigten Staaten wurden zu ihrem Schritt mehr durch Erwägungen der Menschlichkeit als der Diplomatie veranlaßt. Es bleibt abzuwarten, welchen Erfolg Amerika mit seiner Note erzielen wird. Unter allen Umständen hat es die Sympathien der gesitteten Welt auf seiner Seite, und es wäre für die Völker auf dieser Seite des Ozeans sehr beschämend, wenn erst durch das Eingreifen der Amerikaner endlich ein Zustand beseitigt würde, der im offenkundigen Widerspruch zum Inhalt eines Vertrages steht, der unter derFührung des Fürsten Bismarck von den europäischen Großmächten abgeschlossen wurde, und der Gesittung Europas nicht gerade zur Ehre gereicht. Die Note des Staatssekretärs Hay lautet nach einer vom 17. d.M. datirten Washingtoner Meldung der „Asioc. Pr." wie folgt: Staatssekretär Hay richtete eine gleichlautende Note an die diplomatischen Vertreter Amerikas bei allen denjenigen Mächten, die den Berliner Vertrag vom Jahre 1878 unterzeichnet haben, durch den di^ unabhängigen Balkanstaatcn geschaffen wurden, und nach dem keineUnterscheidnng bei den Bewohnern Rumäniens hinsichtlich ihres Religionsbekenntnisses zu machen ist. Die Note der Vereinigten Staaten sagt, Amerika habe den Vertrag nicht mit unterschrieben, sehe sich aber gezwungen, die Mächte zu bitten, auf eine Beachtung der in den Artikeln des

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