Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 5 (sequence 19)
- Language
- German
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5 von einem jüdischen Obsthändler mißhandelt worden, da die Frau gekauftes Obst als ungenießbar zurückgewiesen habe. Der Gatte dieser Frau (ein Arbeiter) erregte nun durch sein Jammern und Klagen die Volksmenge derart, daß sofort in der ganzen Stadt eine vollkommene Judenhetze entbrannte. In die Fenster und Thüreu der jüdischen Wohnungen und Läden wurde mit schweren Ziegel- und Pflastersteinen geworfen. Wo sich eine Jude auf der Straße sehen ließ, wurde er sofort mit Messern und Knütteln bearbeitet. Schon seit 11 Uhr Morgens hatten die jüdischen Händler und Kaufleute ihre Läden geschlossen. Die beiden Synagogen sowie die jüdische Schule enthielten binnen kurzem keine ganze Fensterscheibe mehr. Die Polizei konnte nur sehr vereinzelt einschreiten, und schließlich war sie der entfesselten Wuth des Volkes gegenüber machtlos. Als nach mehreren Stunden endlich Militär heranrückte, wurde es ein wenig ruhiger. Am Abend jedoch, als das Arbeitervolk aus den Fabriken heranskam, wurde der Tumult noch viel ärger. Auf dem „Neuen Ringe" versammelten sich über 2000 Menschen, welche den Juden Verderben drohten. Mit Mühe gelang es den Soldaten, das Volk auseinanderzutreiben. Auf dem „Alten Ringe" und in den sich daran schließenden Gassen, welche zum größten Theil von Juden bewohnt sind, schritt das Militär nur zeitweise ein und zog wieder ab, sobald in seiner Gegenwart keine Exzesse vorkamen. So konnten denn die Aufrührer hier ungehindert ihre Wuth an den Juden auslassen. Die Verkaufsläden wurden aufgebrochen, die Maaren auf die Straße geworfen oder fortgeschleppt. Militärische Patrouillen kamen nur vereinzelt an, wurden aber oftmals von der schreienden und mit Steinen werfenden Menge zurückgeschlagen. Mehrmals sah sich das Militär zum Gebrauch der Feuerwaffe genöthigt, wobei fünf Menschen erschossen wurden. Auch unter den Revoltirenden sah man einzelne Büchsen und Karabiner blinken. Um 9 Uhr Abends verbreiteten sich Feuerrufe durch die Stadt. Die Panik war furchtbar. Niemand glaubte sich mehr seines Lebens sicher. Es brannte indessen nur an einer Stelle in der Nähe des „Alten Ringes", und die Feuerwehr brachte den Brand bald zum Löschen. Bis tief in die Nacht hinein tönten Schüsse und wilde Rufe durch die Stadt. Erst als am Freitag Morgen vou allen Richtungen her die telegraphisch herbeigerufenen starken Kosakeuabtheilungen aus Petrikau, Bendzin und Noworadomsk eintrasen, zerstreute sich die Menge. Den ganzen Tag über brachten die Züge noch Militär, da man der Wiederkehr der Vorkommnisse auf jeden Fall Vorbeugen wollte. Am Freitag gewährten die Straßen ein trostloses Bild; Pflastersteine lagen in großen Mellgen umher; vor ihren zertrümmerten Läden saßen die typischen Gestalten der jüdischen Handelsleute, von denen viele ihrer Ersparnisse beraubt waren. Ab und zu sah man einen Gefangenentransport; selbst in den Fabriken wurden Arbeiter verhaftet und zur Kaserne gebracht. Kosakenpatrouillen durchqueren die Straßen, fast sämmtliche Läden der Stadt, soweit sie im Besitz von Juden sind, sind geschlossen. Wie es heißt, wurden von der Polizei zwei Rädelsführer getödtet und zwölf schwer verwundet. Sämmtliche jüdischen Geschäfte, etwa 200, wurden geplündert und zerstört, deren Inhaber mißhandelt, mehrere Häuser wurden in Brand gesteckt, in den beiden Synagogen wurden sämmtliche Fenster zertrümmert. Die Krawalle dauerten von Donnerstag Vormittag bis Freitag früh fünf Uhr, bis Kosaken aus Bendzin eintrafen und die Trupps auseinandertrieben. Ueber 100 Arbeiter und zwei Geistliche wurden verhaftet. Fortwährend finden noch weitere Einsperrungen statt, da man in Erfahrung gebracht hat, daß diese Sache schon lange vorbereitet war und gewisse Leute dahinter stecken sollen. Der oberste Staatsanwalt von Polen sowie der Gouverneur von Petrikau sind zur Leitung der Untersuchung hier eingetroffen. Von anderer Seite wird noch mitgetheilt, daß ein polnischer Rechtsanwalt der Haupturheber der Judenhetze gewesen sei. Daß die Krawalle systematisch und planmäßig vorbereitet waren, zeigte das Verhalten der katholischen Bewohner, in deren Fenstern ein Licht vor einem Madonnenbilde brannte. Die Stimmung ist auch heute noch eine sehr gereizte, und eine Wiederholung der entsetzlichen Krawalle, die theils durch die vielen zur Wallfahrt hier anwesenden Fremden, theils durch die aus einer Fabrik entlassenen Arbeiter herbeigesührt wurden, erscheint leider keineswegs ausgeschlossen. Nsn Nah und Fern. ----- Die Nachricht der „Times" daß der verstorbene Rudolf Virchow jüdischer Abkunft gewesen sei, ist einpure Erfindung. — Am 1. d. M. ist hier Dr. med. Joseph Bergson. ein früherer Dozent unserer Universität, im neunzigsten Lebensjahre gestorben. Er war ein geborener Warschauer. Von ihm rührt die Schrift her „Die Beschneidung vom historischen, kritischen und medizinischen Standpunkte" (Berlin 1844). — In Königs - Wnsterhausen ist am 9. d. M. der Rechtsanwalt und Notar Ludwig Segall nach langen, schweren Leiden gestorben. — In Tilsit ist am 10. d. M. der Kaufmann Marcus Wasbutzki, ein wohlthätiger und all, gemein geachteter Mann, im 64. Lebensjahre gestorben. — Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Posen hat Justizrath Meyer in Ostrowo den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Wegen Herausforderung des Sanitätsraths Dr. Neumann in Glog au zum Zweikampf mit tödtlichen Waffen, bezw. wegen Kartelltragens wurde von der dortigen Strafkammer Graf Pückler-Klein-Tschirne zu zwei Monaten Festung verurtheilt. Der Erste Staatsanwalt Kobligk hatte einen Monat Festung beantragt. — Lehrer W. Heinemann in Schoppin itz O.-S. ist als erster Kantor und Lehrer in Binge n a. Nh. gewählt worden. — In W o ngrow itz ist der Rendant und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde David Foerder Plötzlich gestorben. — In Karlsruhe ist der Generalkonsul Leopold Willst ädter, Mitinhaber des großen Bank- und Emissionshauses Veit L. Homburger, am 4. d. M. infolge eines Schlaganfalles gestorben. Er gehörte zu den hervorragendsten Vertretern der süddeutschen Finanzwelt und hat mit seiuern*SchWäger Fritz Homburger das altrenommirte Bankhaus zu großer Blüthe und fortschreitender Entwickelung gebracht. — In Paris ist am 11. d. M. Professor Dr. Eduard Meyer, der berühmte Augenarzt, ein Liebliugsschüler Graefes, der einzige Deutsche, welcher während der Belagerung in Paris bleibell durfte, im Alter von 66 Jahren verschieden. — Der Bankier Leopold Louis Dreyfus in Paris ist zum französischen Generalkonsul für Rumänien ernannt worden. — Der Staatsrath Camille Lyon in Paris ist zum Präsidenten einer Sektion des Staatsraths ernannt worden; es ist das erste Mal, daß ein Jude ein solches Amt bekleidet. Lyon war srüher Mitglied des israelitischen Konsistoriums für Lyon. —Die jüdischen Studenten in Cambridge haben die dauernde Abhaltung jüdischen Gottesdienstes an der Universität angeregt und durchgeführt. — Der Sultan hat dem italienischen Kriegsminister General O t t o l e n g h i den Großkordon des Osmanjeordens mit Brillanten verliehen. — Mehrere jüdische Blätter meldeten, daß der langjährige Vizepräsident des Triester Stadtrathes, Moses Luzatt o, anläßlich seines Scheidens aus diesem Amte zum Ehrenbürger der Stadt Triest ernannt wurde. Der Triester „Corriere Jsraelitico" berichtet nun, der genannte Herr sei nicht Jude, da er, und zwar der erste in Triest, sich konfessionslos erklärt habe, um die Kultussteuer nicht zahlen zu müssen. — Eine große Feuersbrunst hat in Wla - d islaw, Russisch-Polen, 300 meist schindelgedeckte Gebäude vernichtet, darunter die Schule und Synagoge. 2000 Menschen sind obdachlos. Mehrere Kinder sind verbrannt. — Ein von der Regierung genehmigter Kongreß aller Zionisten in Rußland hat in Minsk stattgefunden. — Dr. Josef Mohilewer, ein Enkel des bekannten Rabbi Samuel Mohilewer, ist zum Rabbiner in Bialystok gewählt worden.— Durch eine Verfügung des russischen Unterrichtsmiuisters Seuger wird die Zahl der Juden, die in diesem Semester an der Universität als Pharmazeuten eingeschrieben werden dürfen, gegen früher erhöht, und' Zwar ist sie für Moskau auf 6 Prozent, für Kasan, Jurjew und Tomsk auf 15 Prozent, für Kiew, Odessa, Warschau und Charkow aus 20 Prozent der Gesammtzahl aller aufzunehmenden Pharmazeuten festgesetzt. — In Wilna soll zum Andenken des Bildhauers Antokolsky eine jüdische Kunst- und Industrieschule errichtet werden. — Die Königin der Niederlande hat dem Rabbinatsprofeffor I. D. Wijnkoop in Amsterdam die Ritterinsignien des Ordens von Oranien und Nassau verliehen. — In Baltimore ist am 26. v. M. Professor Dr. Aaron Friedenwald im Alter von 66 Jahren gestorben. Das Leichenbegängniß gab Zeugniß von der hohen Achtung, die der Verstorbene unter Nichtjuden und Juden genoß. Ganz besonders aber betrauern die Juden diesen Verlust. Friedenwald war 1836 in Baltimore geboren und war an der medizinischen Schule seit 1873 als Lehrer der Augenheilkunde thätig. Den lebhaftesten Antheil nahm er an allen jüdischen Angelegenheiten; er war auch im Vorstand der „Orlkockox rlenisk OongreAstional Union ot America." — Während > der kommenden Saison wird es in Newyork vier jüdische Theater! geben. Eines davon wird erst jetzt neu eröffnet.