Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- Seite 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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422 aus naheliegenden Gründen nicht befassen. Aber man muß sagen, daß seine Argumente schlagende sind. Er geht mit der protestantischen Orthodoxie und ihrem Wunderbegriff scharf ins Gericht und viele von den Einwänden, die er gegen Luthardts „Wesen des Christenthums" erhebt, treffen auch wie Keulenschläge das gleichnamige Werk Haruacks. Am besten und am schärfsten ist er aber da, wo er von der „Liebe" und dem künstlich konstruirten Gegensatz, dem „Gesetz", spricht. Und er hat ein Recht, scharf oder bitter zu sein, denn er spricht ja zu seinen eigenen christlichen Glaubensgenossen, denen er die Gefahren des Fanatismus in begeisterten Worten auseinandersetzt. Die Juden hielten fest am Gesetz, und wir können es uns verbitten, wenn fast alle christlichen Theologen von unserem Fanatismus sprechen und schon den kleinen Kindern in der Schule vor den Juden als Urheber des Bösen in der Welt und Heilands-Kreuzigeru graulich machen wie vor dem schwarzen Mann. Damit aber in den Kreisen unserer Jugend der oft im Namen des freien Denkens heute lockend gepredigte Abfall nicht Platz greife, wollen wir, ebenso wie man uns Juden in den Schriften über das „Wesen des Christenthums" nicht vergißt, uns auch mit dem Wesen des Christenthums weiter beschäftigen. Für heute nur noch ein Wort über die Stellen, wo stets der wirkliche Fanatismus steckte. Ein kürzlich verstorbener jüdischer Künstler, Antokolsky, hat ja in einem hinterlassenen Meisterwerk, in einer Plastischen Gruppe, die Gräuel der Inquisition geschildert, und das Elend der Scheingetauften, das auch unserer Zeit nicht fremd ist. Es sei daher gestattet, hier auch Schillers Worte über diese Prächtigste Schöpfung des Geistes der Liebe zu citiren: „Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde; ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glauben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am Heiligsten achtet." Der Orthodoxie jeder Kirche ist ja der Fanatismus nicht fremd. So schreibt Luther in einem Brief: „Wäre ich Herr im Reiche, so bände ich den Papst und die Kardinäle in einen Busch zusammen, um sie mit einander ins Meer zu werfen. Dieses Bad würde sie gesund machen, ich gebe mein Wort darauf, ich gebe den Herrn I ... zum Bürge." Es ist mit ein Verdienst des Judenthums und der Juden, die an der Verbreitung der Aufklärung weiter arbeiten, daß wir heute weder zu fürchten haben, daß der Papst mit den Kardinälen ins Meer geworfen, noch daß Protestanten und Juden einträchtiglich auf den Scheiterhaufen zur „größeren Ehre" des christlichen Gottes lebendig gebraten werden könnten. Gott bessere es weiter! Me Wsche. Berlin, 3. September. am 26. v. M. in Bremen verstorbene Otto Gildemeister, früherer erster Bürgermeister von Bremen, war ein wackerer Kämpfer gegen den Antisemitismus wie gegen jedes Unrecht. Unter dem Pseudonym Giotto hat er 1891 (in diesem Jahre legte er sein Mandat als Vertreter Bremens im Bundesrath nieder) einen Aufsatz „Praktisches Christentum" geschrieben, der sich scharf gegen die Art richtete, wie man damals mit diesem Schlagwort operirte. Es heißt in dem heute noch sehr beherzigenswerthen Essay: „Mit den Worten Christenthum und christlich ist von jeher ebenso viel Unfug getrieben worden wie heutzutage mit den Morten national und patriotisch. . . Praktisch und Christenthum sind eigentlich zwei Begriffe, die einander ausschließen, dann wenigstens, wenn man praktisch das nennt, was auf Erden fördert und nützt, und wenn man von Christenthum in seinem eigentlichen ursprünglichen Sinne, dessen Inhalt ganz unirdisch, ganz weltseindlich ist, redet." Gildemeister spricht dann von den neueren Versuchen, Humanität und Christenthum zu identifiziren und fährt fort: „Mit dieser Interpretation kann man so ziemlich allen Einrichtungen und Bestrebungen, die ein humanes Interesse vertreten, die christliche Weihe ertheilen. Wenn ein Tedeum gesungen wird, so giebt es immer Leute, nämlich die Besiegten, die es lästerlich finden, irdische Triumphe mit Gottes Sache zu identifiziren." Den Protestanten ist die Bibel maßgebend, und da fragt Gildemeister, wie steht die Bibel zu dem Versuch mit dem „Praktischen Christenthum", Forderungen der modernen Sozialpolitik zu beseitigen. „Was sagt über den streitigen Punkt das Neue Testament? Im Allgemeinen behandelt es Armuth und Leiden als Dinge, die man gelassen ertragen, sogar als Vorzüge preisen und um deren Abwendung man sich nicht viel Sorge machen soll. Irdische Güter werden als verächtlich bezeichnet; der arme Mann ist als solcher der Seligkeit näher als der Reiche. Nicht einmal Wohnung und Schlafstätte wird zu dem Nothwendigen gerechnet: „Sorget nicht sür den anderen Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen." „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast" u. s. w. Es steht geschrieben, daß der Jüngling, dem dieses Wort gesagt wurde, betrübt davonging, weil er viele Güter hatte. Der orthodoxen protestantischen Richtung, welche das Schlagwort „Praktisches Christenthum" auf ihre Fahne schrieb, gehören Leute an, die auch große Glücksgüter haben, Generale, Superintendenten, Feudalherren u. s. w. Gildemeister meint, er wisse nicht, wie Diese über das Gebot Matthäi 19, 21 bezüglich der irdischen Güter denken. „So viel ich sehe, rechnen die meisten von ihnen die Befolgung dieses, doch sehreinfachen und nicht mißzuverstehenden Gebots nicht zum praktischen Christenthum." Und doch erklären diese Orthodoxen immer, „was geschrieben ist. das ist geschrieben". Wenn sie erst anfangen, an den klaren Moralvorschriften mit Anpassungen an das praktische Bedürfniß zu rütteln, wie »vollen sie dann Anderen verbieten, dieselbe Methode auf die weit dunkleren Dogmen, Mysterien und Wunder der Religion anzuwenden? Sie müssen den Inhalt der heiligen Urkunden en kloe annehmen. Man wird auch zugeben müssen, daß unsere Sozialpolitik nicht unter den Begriff der Barmherzigkeit fällt. „Sie mag politisch klug, eine Wohlthat für Viele sein, — aber sie ist und bleibt Zwang. Der Gesetzgeber nöthigt andere Menschen, die vielleicht nicht die mindeste Neigung dazu haben, Steuerzahler, Arbeiter und Brodherren, ein vorgeschriebenes Opfer zu bringen, oder er nimmt es ihnen mit Gewalt und belegt sie mit Strafe. . . Bekanntlich hat schon die erste Christengemeinde die Erfahrung gemacht, daß ihr praktisches Christenthum für diese Welt nicht zweckmäßig sei. Alle die hier von Giotto entwickelten Gründe hat Gildemeister in einem mit seinem Namen gezeichneten Essay „Christliches und Unchristliches" dann weiter ausgeführt: „Nicht nur das Ansehen des stolzesten Herrschers würde erbleichen, sondern er selbst und sein Volk würden aus den Reihen der Lebendigen verschwinden, wenn seine Unterthanen sich mit der nothdürftigsten Kleidung und Nahrung des heutigen Tages begnügten, nicht dem „Uebel" widerstrebten, Unrecht und Beleidigung ruhig über sich ergehen ließen." „Die Leute haben sich gesagt, daß, wenn man sich genau nach den Vorschriften des Evangeliums richten wollte, die Welt keine 24 Stunden Zusammenhalten würde. Oder sie haben es auch wohl nur instinktmäßig gefühlt, und in dem Gefühl fünf gerade sein lassen. Bei aller Gläubigkeit ist die Menschheit fortgefahren, Geld zu erwerben, das irdische Leben zu genießen, den Kampf ums Dasein zn kämpfen, Krieg zu führen, zu prozesstren, zu ouelliren, zu disputiren und zu exkommuniziren." Wo steckt also da das praktische Christenthum?