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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 stand der heftigsten Angriffe bildet, dachte man, daß die Zeit günstig sei, derselben eine neue Direktion zu geben. Die Gegenliste wies eine gewisse Zahl der Centralkomiteemitglieder auf; aber die meisten sind keine Allianzmitglieder und deshalb nicht wählbar. Unter den übrigen Personen der Gegenliste sind einige ohne ihr Wissen und sogar gegen ihren Willen aufgeführt; mehrere unter ihnen, namentlich Paul Sander, Abgeordneter im ungarischen Parlament, hat beim Centralkomitee gegen den mit seinem Namen getriebenen Mißbrauch protestirt. Diese Gegenliste hatte trotz einer sehr thätigen Propaganda doch nur 255 Stimmen zusammengebracht. Das Centralkomitee besteht sonach heute aus 68 Mitgliedern, von welchen 24 in Paris und 44 außerhalb Paris wohnen. Amerika. v. Cincinnati, im August. Am 31. v. M. verschied in hem Badeorte Berkeley Springs, West Virginia, der bekannte amerikanische Nabbiller und theologische Schriftsteller Dr. Benjamin Szold. Derselbe war 1829 in Ungarn geboren, machte seine Studien 1h?ils auf ungarischen Ieschiboth und theils in Breslau und Berlin. Im Jahre 1859 wurde er als Rabbiner der Oheb Schalom-Gemeinde nach Baltimore berufen und erfreute sich als Mensch wie als Prediger und Gelehrter allgemeiner Achtung. In den sechziger Jahren gab er ein Gebetbuch heraus, das er später in Gemeinschaft mit seinem Freunde Dr. Markus Jastrow in Philadelphia revidirte. Dasselbe fand, obwohl es nach deutschen Begriffen radikal wäre, vielfach in konservativen amerikanischen Gemeinden Eingang. Am hervorragendsten ist sein litterarisches Verdienst durch seinen hebräischen Kommentar zum Buche Hiob. Auch in letzter Zeit beschäftigte er sich vielfach mit bibelexegetischen Studien, und hinterläßt einen reichen literarischen Nachlaß an exegetischen Werken in hebräischer Sprache. Seit etwa zehn Jahren lebte er im Ruhestände, der durch andauernde Kränklichkeit sehr getrübt wurde. Er hinterläßt vier Töchter, von denen die älteste. Fräulein Henriette Szold, in der jüdischen Literatur und im öffentlichen Leben sich einen angesehenen Namen gemacht hat. Sie ist Sekretärin der «servisb?ubIL<:atiou Society und hat für diese Gesellschaft manches aus dem Deutschen und Französischen übersetzt sowie den Index zu Grätz' Geschichte geliefert. Sie hat außerdem an der Organisation des National Couneit ok ^e^visk ^Vomeu, sowie an den amerikanischen Zionistenversammlungen lebhaften Antheil genommen. Die Beerdigung Dr. Szolds fand am 3. August von dem Tempel der Oheb Schalom-Gemeinde in Baltimore statt. Sein Nachfolger, Dr. William Rosenau, hielt die Leichenrede. Das Andenken des trefflichen Mannes wird in Ehren fortleben! Kon Nah und Fern. Zn Justizräthen sind ernannt worden die Rechtsanwälte Eloesser in Friedeberg, Loewy in Zuin, Dr. Aronsohn in Thorn. Heinemann in Magdeburg und Dr. Marburg Ln Altona. — Am 13. d. M. verschied nach längerem Leiden der Kaufmann Abraham Engel in Frau st adt. Derselbe bekleidete 20 Jahre mit regem Interesse das Ehrenamt des Vorstehers des Repräsentanteukollegiums daselbst und erfreute sich in allen Kreisen großer Beliebtheit. — Am 24. d. M. ist hier der Geheime Sanitätsrath Dr. Hermann Schlesinger im 68. Lebensjahre gestorben. — Wie jetzt bekannt wird, hat Ahlwardt in Fried eberg dem Viehhändler W. Bruhn weichen müssen; er beabsichtigt aber in Neust ett in zu kandidireu. — Die Negierung hat den Dr. Phil. Louis N eustadt in Breslau in der Direktion der „Hebräischen Unterrichtsanstalten" (für Hebräisch und Religion) bestätigt und ihm die Konzessionsurkunde zur Leitung beziehungsweise Fortführung der Anstalt behändigt. — JnCarlinske O./S. ist der Oberstabsarzt a. D. Dr. D. Rosenzweig am 9. d. M. gestorben. — Zur Theilnahme an dem Festessen, welches anläßlich der Anwesenheit des Kaisers am 4. September dieses Jahres in den Räumen des Proviuzialmuseums zu Posen stattfindet, wird sich auf besondere Einladung des kaiserlichen Hofmarschallamts zu Berlin der Kaufmann L. B a erwald in Nakel in seiner Eigenschaft als Abgeordneter des Provinziallandtages nach dort begeben. — Die Mittheilung, daß der Lehrer Knntz in Schwerin a. W. aus Gesundheitsrücksichten vom Amte demnächst zurück tritt, beruht nicht auf Wahrheit. — Dr. Israel Fried Länder ist auf Befürwortung des Professor Dr. Nöldeke vom Senat der Universität Straßburg als Privatdozent für orientalische Sprachen zugelassen worden. — Es dürfte für diejenigen Leser, welche Karlsbad aufzusuchen genöthigt sind, erwünscht sein, zu erfahren, daß die Inhaber nachstehender Hotels. Häuser und Cafes in der antisemitischen Bewegung hervorgetreten sind: Hotel Morgenstern. National de Nussie, Residenz-Hotel; die Häuser Grillparzer (Alte Wiese), Römischer Feldherr (Neue Wiese). Oelzweig (Marienbaderstraße), Jtalia, Florenz, Germania (Schloßberg). Stadt Warschau, Insel Malta, Rosenstock (Kaiserstraße), Brandenburger Thor (Kreuzstraße), Preußische Krone. Egeria, Diamant, Englische Krone (Egerstraße) und Schubert (Parkstrabe), die Cafes Sanssouci und der Schweizerhof! — An der Pariser „Leole 6os I>out63 et Okrmssees" (Polytechnikum) hat beim heurigen Schulschluß die erste Dame das Diplom eines Ingenieurs erhalten, und zwar eine russische Jüdin, Fräulein N. O. Kanyewski. Sie ist in Zinkow, Poltawaer Gouvernement, geboren und gegenwärtig 22 Jahre alt; 1897 kam sie nach Paris und hörte an der Sorbonne mathematische Vorlesungen, worauf sie die schwere Anfnahmsprüfung in die Ingenieurschule glänzend bestand. Frl. Kanyewski will sich dem Eisenbahubau zuwenden. — Der Bürgermeister von Jassy, Penescu, hat gegenüber dem Redakteur des rumänischen Blattes „Universale" erklärt, daß in der Hauptstadt der Moldau große Noth herrsche. Am schmerzlichsten würde von der Armuth ein großer Theil der jüdischen Bevölkerung betroffen. Er habe persönlich eine Untersuchung veranstaltet und sich davon überzeugt, daß es jüdische Familien gebe, die mit 30 Centimes täglich leben! Auf die Frage, zu welchem Zwecke er diese Untersuchung veranstaltet habe, antwortete Penescu. daß er den; Könige Bericht erstatten solle, der von ihm allerhand Einzelheiten habe wissen wollen. Der Bürgermeister von Jassy bemerkte ferner, daß nur die fürchterliche wirthschastliche Lage die Auswanderung der Juden veranlaßt habe. Aus Jassy seien 6000 Juden ausgewandert, aber er hoffe, daß sich die materielle Lage der Einwohner von Jassy demnächst bessern werde, da man neue Industrien schaffen wolle. - Der rumänische Schulinspektor Mustazu hat in dem einen Jahre 1901/1902 50 jüdische Schulen aus administrativem Wege geschlossen, weil die Lehrgegenstände „nicht entsprechend dem analytischen Programm" gelehrt werden. Derselbe Inspektor hat bei seinem letzten Besuche der Talmud-Thora von Padul-Jloie'i bei Jassy dieses Institut geschlossen, weil der Unterricht in der hebräischen Sprache nicht entsprechend dem Programm gewesen sei. und die Schüler nicht Handbücher mit hebräisch-rumänischem Texte gehabt hätten. — Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik" meldet, haben sämmtliche Spar¬ und Vorschubvereine im Weichselgebiete mit Zustimmung des Finanzministeriums die Juden 'aus der Verwaltung derselben ausgeschlossen. Zugleich erlaubt die obere Behörde des Gebietes den Juden nicht, einen Spar- und Vorschußverein zu gründen. — Das in Kiew erscheinende Blatt „KiewskojeSlowo " publizirt ein Verzeichniß der Gymnasien und Mittelschulen im Südwestgebiete, welche in diesem Jahre für jüdische Zöglinge völlig gesperrt wurden. Die Gymnasien in Belsk, Suwalki. Lubny, Lublin, Nemirow und Starodub haben die Aufnahme von Juden in diesem Jahre gänzlich eingestellt. Die Gymnasien in Kelzy, Belozerkow und Slatopol haben Heuer die 4., 5. und 6. Klasse für die Juden gesperrt. Das Gymnasium von Elisabethgrad hat alle Gesuche jüdischer Zöglinge einfach zurückgewiesen. — Der Gemeinderath von Balta hat die Judengemeinde der Stadt genöthigt, die beim Gemeindeamte erliegenden speziellen Geldsummen zur Bestreitung der Kosten für die Erhaltung verschiedener spezieller Wohlsahrtseinrichtungen dem Gemeinderathe zur Pflasterung der Straßen auszufolgen. Dieser ungesetzliche Beschluß wurde von der Gouvernementsverwaltung bestätigt. — Dr. Louis Ginzberg wurde zum Talmudlehrer für das Nabbinerseminar in New York gewählt. - In einem Berichte über die eingeborene Bevölkerung von Französisch-S o mal ilan d (Centralostafrika), welchen der französische Kolonialminister jüngst publizirt hat, findet sich folgende Stelle über die Juden : „Die Juden, welche in Djibouti leben, stammen aus Aden und dem Demen. Bis vor kurzem waren sie sehr klein an Zahl und nur Männer; ihre Zahl hat in letzter Zeit zugenommen, und es sind jüdische Frauen dazugekommen, aber ihre Gesammtzahl dürfte nicht größer sein als 50. Sie sind hauptsächlich Juweliere. Goldschmiede und Geldwechsler. Einige treiben einen kleinen Handel nach Abessinien mit einer Art von Baumwollstoffen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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