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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-01 · Heft 31 (1.8.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 31. Allgemeine Kerlin, 1. August 1902 eitung des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich. k Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, i Post oder direkt von der Expedition in Berlin? unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. ^Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabbiner Dr Ludwig Plhttippson-Vonn Perlags-Crpedition: Gerlin, Jerusaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse.- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I InIfNÜ. Leitartikel: Professvremveisheit. — Die Woche. — Das Recht dcr Nntergehenden. Von Waisenhausdirektor Katz-Nybnik. — Das Wesen d,s Judenthums. Dr. Je.lski-Berlin lila. — Einiges von den römischen /mden. Von Dr. M. Marasse. — Shakespeare in Galizien. Von Oberliiirer Dr. Phit. Aronfteitl. — David Kaufmann und Seligmann Heller. I.'iit ungedruckten Briefen Hellers.) — Feuilleton: Jrrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. VII. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, iluckibor, Halle a. S., Dresden, Bonn, Aschaffenburg, Metz, Weitzenburg, -iockholm, Paris. — Bon Nah und Fern. — MisceUen. Vrosejsorrnweisheit. Berlin, 29. Juli. Theorie macht ungeschickt für die Politik, die Politik verdirbt die Theorie." Ein prächtiger, kerngesunder Grundsatz, dem leider so selten Folge geleistet wird. Wenn das prol'mmin vultzus sich zu einer unbefangenen, von politischen Zuthaten freien Würdigung der Lebenserscheinungen nicht erheben kann, so können wir freilich die Verirrungen bedauern, doch wir verstehen sie. Wenn man aber bei philosophischer Beurtheilung des Wirrwarrs eines „immer lebenden Lebens" vollständige Objektivität als Grundlage der Ausführungen bewahren will, so muß man den Satz von Politischer Unbefangenheit streng befolgen, falls man nicht in das gefährliche Fahrwasser des tendenziösen Parteidogmatismus hingeschleppt werden will. Ja, wenn ein Parteimann von hinein exklusiven Standpunkte aus die Mannigfaltigkeit des Lebens — mehr dem Gefühle als dem Verstände folgend — leurtheilt, sträuben wir uns nicht dagegen. Es kann ja immer das abgedroschene Wort von „tont compi-Lnäre — e'ost tont parckonner" zum Beiwerk der Vertheidigung angezogen werden. Wenn aber ein Gelehrter, der sich der heiligen Objektivität der Wissenschaft auf Tritt und Schritt rühmt, der keine andere Instanz als die Wahrheit kennt, seinen rein sachlichen Ausführungen einen politischen Beigeschmack zugiebt, so muß Lm solches Verfahren entschieden verurtheilt werden. Und dies gilt leider in vollem Umfange für die Thätigkeit, die Herr- Professor Friedrich Paulsenseit längerer Zeit in vollem Umange ausübt. Er ist objektiv, verfährt immer ruhig, spricht zur Sache — das muß zugegeben werden. Doch der Herrlichkeit Lude beginnt dort, wo die Judenfrage auf die Oberfläche kommt. Da vergißt der Professor die Rathschläge, die erden Zunftgenossen in seinem jüngsten Werk über die deutschen Universitäten und das Universitätsstudium (Berlin 1902) giebt, fast völlig. Ja, die Professoren sollen der theoretischen Indifferenz, der tendenzfreien Wissenschaft, die von dem verhaßten Opportunismus nichts weiß, huldigen. . . . Man predigt öffentlich Wasser, doch man will die guten Absichten vergessen, wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet: und die Juden sind leider ein beliebtes Steckenpferd des Herrn Professors geworden. Die schweren Silberbarren der Philosophie werden in Scheidemünze des publizistischen Fanatismus nmgeprägt. Selbstverständlich nur dann, wenn man von Juden spricht. Anderswo ist man ein streng objektiver Gelehrter. Ja — Herr Paulsen ist eine merkwürdige Erscheinung in der modernen Gelehrtenwelt. 81 lieol parva rompoiiero inagmZ — müssen wir, so ungern wir es thun — die antisemitischen Agitatoren mit dem Berliner Ordinarius vergleichen. Sie sind oft gute Leute, brave Staatsbürger — bis zu dem Augenblick, wv die Judenfrage zur Erörterung kvmint. Dann verlieren sie die Fassung, dann beginnt das unzusammenhängende Stammeln des Fanatismus. Wenn wir ein Buch von Professor Paulsen in die Hand nehmen, suchen wir zuerst im Namen- und Sachregister sich vm do „Inden". Und eine reiche Ausbeute ist der Mühe Lohn. Der Judenhaß ist bei dem Herrn Professor aus dem akuten Zustande in den chronischen übergegangen. Die von Paulsen so scharf kritisirte plülosoptna militans wird zu seinem Glaubensbekenntnis;, falls von den Juden die Rede sein soll. In seinem großangelegten Werke über die deutschen Universitäten zittert er vor Angst — kalter Schweiß tropft von edler Stirn: die Juden sind wieder da, sie haben die Universitäten besetzt, überall sind sie eingedrnngen — das Vaterland wird zu Grunde gehen, wenn die Juden nicht herausgesegt sein werden. Die Gefahr im Verzüge! Und das ist der Weisheit letzter Schluß, und das ist die Stellung eines Philosophieprofessors zu den Bekennern einer Religion, die der Welt den Monotheismus bescheert hat! Herr Paulsen stellt fest, daß das jüdische Element im Universitätsstudium überwiegt. Als Ursache wird von ihm bezeichnet, daß die Juden so gut wie ausschließlich eine städtische und über den Durchschnitt wohlhabende Bevölkerung darstellen. Ja, die Juden haben die Frechheit, ihr Streben zur Verbesserung der sozialen Stellung kundzugeben. Was für Andere normal ist, ist für die Juden eine Sünde . . . Echte Negermoral: Wenn du meine Frau stiehlst — ist es nicht gut; wenn ich deine Frau stehle — ist es recht gut . . . Herr Paulsen muß es am besten wissen: er hat doch ein System der Ethik geschrieben! Das „Judenpack" strömt in die Universitäten, da die Laufbahn durch die Armee verschlossen ist, und es wählt die

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