Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-04-10 · Heft 43 (10.4.1838) · p. Seite 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 43 (10.4.1838)
Date
1838-04-10
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3224856-3224900--00944-3295355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

172 ewigen Grundlagen der Religion von dem Volk als übereinstimmend erkannt wird, erkenne ich als öffentliche Meinung. Wenn aber augenblicklich Pöbelleidenschaften laut werden, wenn ein Hepp- Hepp- Rufen gegen die Jude» entbrennt, so sage ich nicht, dieses sei öffentliche Meinung, sondern vielmehr eine Verirrung derselben. Lasse man die Presse frei, lasse man die edelsten Interessen sich geltend machen, so wird sich bald in unserm Baden, das aller Cultur zugänglich ist, die wahre öffentliche Meinung bilden, und fehlt noch etwas, so sage ich Denjenigen, die sich auf die öffentliche Meinung berufen: ihr Chorführer der öffentlichen Meinung, sprechet zuerst das Recht aus, und man wird euch folgen. Die wahre öffentliche Meinung würde sagen: wie, ein Mendelsohn sollte nicht Staatsbürger unter den Christen sein können? Dieser Mendelsohn wird von allen Juden ohne Ausnahme als durchaus orthodox anerkannt. Mendelsohn, der Mann der reinsten Menschenliebe, der Mann der gemeinnützigsten Bestrebungen, Mendelsohn, der Busenfreund Lessings und Lavaters, sollte nicht die Fähigkeit haben, jetzt christlicher Staatsbürger zu sein, hier in der Kammer zu sitzen und an den bürgerlichen Rechten Theil zu nehmen?! Ich würde erröthen, dieses auszusprechcn. Ich glaube, daß wenn man die Reste der jüdischen Nationalität als Hinderniß darstellen, wenn man auf ein uniformes Habit im Staat so großes Gewicht legen will, wenn man darauf besteht, daß der jüdische Rock Wegfälle, so wähle man ein anderes Mittel. Ich kann nichts Anderes thun, als Sie mit einem edlen Mann an die Fabel von der Sonne und dem Sturmwind erinnern. Beide stritten in Gegenwart eines Wanderers darüber, wer von ihnen Beiden in Beziehung über denselben die stärkste Gewalt habe, die Sonne oder der Sturmwind. Letzterer brauste fürchterlich und suchte dem Wanderer den Mantel abzureißen, der ihn aber nur um so fester hielt. Da kam die Sonne mit ihre» Strahlen, und willig ließ der Mann seinen Mantel fallen. Laffrn Sie , meine Herren, nicht den Sturm der Leidenschaft, des alten Judenhasses, der luftigen Sophismen, wehen, lassen Sie vielmehr die Sonne der Wahrheit und der Liebe scheinen, und der alte Rock wird von selbst fallen. (Vielseitiges Bravo.)" — (Schluß folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (AuS der Allg. Zeit. 24. März.) Höhenmeffungen Schuberts in Palästina. ES fehlte bisher an bestimmten Höhenangaben für Palästina; eine einzige findet man in des Marschall Marmont Reiscbeschreibung. Wir wissen nicht, daß von Rußegger, außer seinen Höhenangabcn dcS Libanon, Messungen publicirt worden wären. Die ungefähren Schätzungen der jBerghvhen Palästinas widersprechen einander aufs stärkste. Wenn Volney z. B. den Tabor für 3000 Fuß hoch hielt, so hatte dieser Berg nach einer andern Schätzung kaum ühcr 1000 Fuß Hohe. Rur durch 'eine sehr genaue Kritik ließ es sich öfter auSmitteln, ob ein und dieselben Gegenden Palastina'S himmelboheS Alpenland feien oder niedriges Bcrgland, so sehr wichen die Beschreibungen, welche verschiedene Reisende von diesen Gegenden ^aben, von einander ab. Bei dieser Verwirrung bedurfte eS eines nüchternen, von seiner Phantasie unbestochnen Reisenden und Zeugen, den wir an Schuberts Barometer gefunden. Von der großenjAnzahl Schubertscher Baromctermeffungen einige wichtigere herauszüheben, so ist nach denselben der Tabor1747 paris. Fuß, Hebron 2804, Betlehem 2409, Berg Zion 2381,,das Kidronthal 2139, der Oelberg 2555, Nazaret 820, Sir chem 1751, Samaria 928 paris. Fuß hoch. ES würde unbescheiden sein, wollten wir daS ganze Vcrzeichniß der Messungen mittheilcn, doch können wir es uns nicht versagen, hier das wichtigste Resultat derselben zu berichten. Man weiß, welch' Aufsehen eS machte, als Engelhard und Parrvt durch ein barometrisches Nivellement fanden, daß der Spiegel des kaspifchen Meeres um 300 Fuß niedriger sei, als der Spiegel des schwarzen MeereS. Parror selbst stellte dies später in Zweifel; neue Messungen bestätigten jedoch jene tiefere Lage deS kaspifchen Meerspiegels. Nun erhalten wir durch Schubert unerwartet analoge Fälle. Nach seinen Messungen liegt nemlich der Spiegel des See Genezaret 535 Fuß, der Spiegel des tobten MeereS 598 Fuß unter dem Spiegel des mittelländischen MeereS. Das tobte Meer, welches so vieler Eigenschaften wegen einzig unter den Gewässern der Erde steht, wäre hiernach auch hinsichtlich der tiefen Lage seines Spiegels einzig. Mehre frühere Beobachtungen sprechen sehr für die Richtigkeit dieser Messungen. (Aus dem Landscape Annual for 1838.) Die Juden und Jüdinnen in Tanger. Ich begleitete meinen Freund nach dem Hause eines Juden, wo er die Tochter im Brautstaat abzeichnen wollte. Diese Leute entfalten im Innern ihrer Wohnungen einen bedeutenden Luxus. Ein bemerkenöwerther Zug an ihren Häusern ist die Reinlichkeit; stets sind die Wände von außen weiß abgetüncht, und blenden beim Sonnenschein die Augen; gewöhnlich sind die Fußböden mit bunten Fliesen auSgelegt, welches die Zimmer kühl, und zugleich sauber erhält. Die Häuser sind, hier, so wie im ganzen Osten, um einen kleinen Hof gebaut, nach welchem alle Fenster hinaus gehen. Selten haben sie mehr als Ein Stockwerk, aber die Zimmer sind geräumig, und in ihren Möbeln und Decorationen dem Klima äußerst entsprechend. Die Dame, welche wir jetzt besuchten, lebte auf eine Weise, die man dort für glänzend halt. Die Matten von buntem Stroh aus den Fußböden waren von besonderer Feinheit, auf dieser lagen in der Mitte Teppiche mit den lebhaftesten Farben; die Betten befanden sich an dem einen Ende des Zimmerö auf niedrigen Gestellen von.Holz, — es waren ganz und gar die Divans des fernen Osten; die Damen faßen mit gekreuzten Beinen auf Polstern, und waren -geschmückt wie die Königinnen. Diese Jüdinnen fanden wir gegen unsre Erwartung lebhaft und wohl unterrichtet. Sie verstanden, wie die meisten ihrer Landsmänninnen, das Spanische vollkommen, und konnten sich über eben so viele Gegenstände unterhalten, wie Europäerinnen ihres Standes. , Obgleich die Braut für eine große Schönheit galt, so hatte sie doch etwas zu viel emdonpoint; im Orient wird dies äußerst reizend gefunden. Alle Frauen waren sehr reich gekleidet, doch wurden sie hierin von der Braut sämmtlich übertroffen; sie strahlte von Glanz. Ihr Anzug bestand aus dem reichsten Goldbarret mit einem breiten Gürtel, ein Geflecht von Perlen und Edelsteinen umfing ihre Stirn,, und vom Kopf fiel ein seidnes Tuch in reichen Falten auf die Schultern. Große Ohrringe von Gold mit vielen Diamanten schmückten das Ohrläppchen, welches wahrscheinlich durch das Gewicht derselben bedeutend gelitten'haben würde, wenn sie nicht zum Theil von dem Perlengeflecht mitgetragen worden wären. Ihre feingeformten Hand- und Fußknöchel prangten mit schweren silbernen Spangen, und ihr Busen, der so sehr entblößt war, wie der der Europäerinnen in dem Geseüschaftöanzuge, schien von einem breiten, mit Juwelen besetztenBande über dem Gürtel zusammengehalten zu werden. Ein weiter weißer Schleier war nach Art der Genueserinnen nachlässig über den Kopf geworfen. Redacteur: Dr. L. Philipps»«. - Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von Z. B. Hirfchfeld.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.