Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 24. Allgemeine Berlin, 13. Juni 19V2. eitung öes Zu-enchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. § Diese Zeitung erscheint wöchentlich, j Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, z Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 Mj Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Dr LuLrvig Philippson-Sonn Verlags-Expedition: Berlin, Zlerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. I InssNtt. Leitartikel: Orthodoxe Wissenschaft. — Die Woche. — Brief uns Oesterreich. — Zur Versöhnung. Von Eugen Kornfeld, Baumeister. - Neue belletristische Litteratur. — Feuilleton: Humor der Gasse. Von i arolaBuchhei m. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin,?lrrs Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Inowrazlaw, Dresden, Aus dem Hürstenthurn Birkeufeld, Kaiserslautern, Mülhausen, Karlsruhe, Wien. — Von Rah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Orthodoxe Wissenschaft. Berlin, 10. Juni. eit längerer Zeit wird von der Orthodoxie in Deutschland ein jüngst erschienenes Geschichtswerk, das unter dem Titel „Doroth Harischonim" die Geschichte der jüdischen Litteratur behandelt, als ein Meisterwerk gepriesen, mit dem eine neue Aera in der jüdischen Geschichtsschreibung begonnen, in der die bislang arg entstellten Quellen erst zu ihrem Rechte und zu ihrer Geltung gekommen wären. Die moderne jüdische Geschichtsforschung und deren Begründer und Vertreter werden mit Hohn und Schimpf behandelt und, ohne zu prüfen, Halevy als der hervorragendste jüdische Gelehrte gepriesen, zu dem man mit Ehrfurcht und Bewunderung anfzublicken hat. Ja. man begegnet in der orthodoxen Journalistik in letzter Zeit einem herausfordernden Tone gegen die anerkannt verdientesten Männer auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung, der, abgesehen davon, daß er unbescheiden und anmaßend klingt, noch umsomehr zu verurtheilen ist, weil er sich zumeist gegen Männer richtet, die längst dahingegangen oder wegen ihres hohen Greisenalters den Kampf zu führen außer Stande sind. Und hier ist es wiederum ganz besonders Zacharias Frankel, in dessen Persönlichkeit man eine ganze Richtung treffen will, über dessen wissenschaftliche Bedeutung der Stab gebrochen wird. Auch ihm (Frankel) fehlten die beiden Haupterfordernisse, ein unbeschränktes, das ganze Gebiet beherrschende Wissen und eine alles durchdringende Forscherkraft, hüßt es in einem solchen Artikel. Es ist darum ein großes Verdienst, das sich Herr Dr. I. Elbogen erworben, indem er die von der Orthodoxie über Gebühr auf Kosten anderer Forscher hervorgehobenen Leistungen des Herrn Jsaac Halevy in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Januar- Februar 1902) einer Kritik unterzieht, wodurch zu Tage tritt, was allerdings in objektiven Gelehrtenkreisen feststand, daß Halevys Art oder besser Unart, in der seine Untersuchungen gehalten sind, durch Grobheit und gehässige Ausfälle gegen die Leistungen Anderer sich hervorthut, und daß er die nach seiner Meinung falschen Resultate Anderer durch geistlose Grobheit niederschreit, weil er durch klare Beweise nicht widerlegen kann.r) Halevy hat keine Spur davon, daß es auch eine Würde in der Wissenschaft giebt. Und es ist das umsomehr zu bedauern, als Halevys Maßlosigkeit, die in der jüdischen Litteratur nicht ihres Gleichen findet, nicht aus wissenschaftlicher Ueberlegenheit stammt und so recht zeigt, daß in unserer Zeit einseitige talmudische Bildung zur entscheidenden Lösung historischer Fragen nicht berechtigt, und daß die Zeiten vorüber find, in denen die Belesenheit im Talmud gleichbedeutend war mit der Kenutniß sämmtlicher Wissenschaften. Ein moderner jüdischer Geschichtsschreiber muß heutzutage Philologische Schulung und kritischen Takt in der Benutzung der oft schon wegen ihrer Vielsprachigkeit schwer zugänglichen Quellen haben. Von allen diesen Eigenschaften ist bei Herrn Halevy aber keine Spur anzutreffe», und es ist geradezu ein Hohn zu nennen, wenn er, bei dem die Citate, wie nachgewiesen wird, bis auf verschwindende Ausnahmen, mit den Originalqnellen nicht übereinstimmen, und die bei ihm oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, es sich herausnimmt, schon in der Einleitung zu verkünden, daß der Verfasser nicht wie andere Forscher die Quellen nach seinem Wunsche entstellt habe, und sich erkühnt, seinen Vorgängern vorzuwerfen, sie hätten die Quellen verdreht und gefälscht. Mau vermißt in dem Werke Halevys die nöthige Achtung vor der Geistesarbeit unserer modernen Gelehrten, und werden —man sollte es nicht für möglich halten — Rappaport und Frankel in rücksichtsloser Weise angegriffen, und Graetz und der im hohen Greisenalter stehende I. H. Weiß wie Schulbuben abgekanzelt. Halevy ist ist die pilpulistische Methode noch nicht losgeworden. Daß Halevy durch den ihm anhaftenden Dogmatismus in Bezug auf den Begriff der mündlichen Lehre, der aber auch oft durchlöchert und nicht waschecht ist, zu ungeheuerlichen Anschauungen verleitet wird, die vor dem Forum der Wissenschaft nie Geltung erlangen, ist seine Sache, aber daß er in fortwährender Polemik gegen Alte und Moderne ausfällig wird, ohne daß er nach seinen Leistungen hierzu berechtigt wäre, ist ein Beweis, daß Zanksucht dieses Buch geboren und blinder Haß gegen alles Moderne im Judeuthum es großgezogen y Der Essay ist auch soeben als Broschüre unter dem Titel: „Die neueste Konstruktion der jüdischen Geschichte" im Verlage von Wilhelni Köbner (Barasch L Riesenfeld) in Breslau erschienen. Ebenso ist die Arbeit von A. Epstein, in der die Hypothesen Halevy's mit gewohnter Gründlichkeit sä sbsuräum geführt werden: „I,o rstonr äs ksb sn ksbylonis" als Separatabdruck bei A. Dnrlacher in Paris erschienen.