Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Stadt bekannten Familie, frei aller täglichen Sorgen, ausgestattet mit reicher Bildung des Geistes und des Herzens, empfänglich für das Schöne und Gute dieser Welt, konnte er sich den idealen Gütern, dem Edlen und Schönen hillgeben. Trost für die Leidtragenden und Gebet schloß die ergreifende Rede. Hierauf trat erster Bürgermeister Kutzer an die Bahre und legte im Namen des Magistrats einen großen Lorbeerkranz mit seidenen Schleifen in den Farben der Stadt Fürth auf den Sarg nieder. Er widmete dem Verblichenen ungefähr folgenden Nachruf: Wir haben einen seltenen Mann verloren, eine Zierde der. Bürgerschaft, einen treuen Berather. Wie ihm alles Kleine und Kleinliche fremd war, so wirkte er, stets frohen und freudigen Herzens, großes für die Stadt. Er liebte seine Stadt; ihr Wohl und Wehe war ihm das seine. Sein umfassendes Wissen, seinen scharfen Verstand, seine reiche Erfahrung hat er stets ohne Nebenabsichten in den Dienst der Oeffentlichkeit gestellt, zum Wohle der Allgemeinheit. Neben anderen Ehrenstetten, irr die ihn das Vertrauen der Bürgerschaft setzte, war er als Magistratsrath Mitglied des Magistrats und der Schulkommission. Fast neun Jahre hindurch war er ersprießlich und segensreich in dieser Stellung thätig. So schlaf denn wohl, du edler Mann, du hochsinniger Berather, du lieber Kollege! Wir werden dich nie vergessen l — Namens der Beamten des königlichen Landgerichts, des Handelsrichterkollegiums und der Staatsanwaltschaft widmete unter ehrenden Worten der Anerkennung Landgerichtsdirektor Sölch dem Entschlafenen als Handelsrichter einen prächtigen Lorbeerkranz mit Schleifen. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 2. Juni. Welch komische Auswüchse die Blut- Phantasie antisemitischer Angeber noch zeitigen wird, bleibt dahingestellt: urkomisch jedoch ist die neueste Entdeckung: Ein Dienstmädchen verläßt insgeheim ihren Posten, sie ist unauffindbar — also sie ist einem Ritualmord sicherlich zum Opfer gefallen; kasch findet sich ein gefälliger Anzeiger, der der Polizei Mittheilung vom Verbrechen erstattet — die Polizei ladet den Dienstgeber vor — alles ist bereits in schönstem Gange — da stellt sich leider der traurige Umstand dar, daß der Dienstgeber der verschwundenen Magd kein Jude — nein, sogar eifriger Antisemit selber ist, und bereits seinen Verwandten, einem christlich-sozialen Advokaten beauftragt hat, gegen den allzu eifrigen Angeber gerichtlich vorzugeheu. Und der hatte es doch so gut gemeint! Aehnlich erging es dem „Deutschen Volksblatt", das aus dem Defraudanten Goldsteiner einen Inden machte, trotzdem derselbe ein strammer Parteigänger der Christlich-Sozialen war. Sie sollten ihre Leute doch besser kennen! — Vor dem Schwurgericht in König grätz wird jetzt über den Mädcheumord in der sogenannten „Hölle" verhandelt, den gewissenlose Hetzer seiner Zeit gar zu gern zu einem Ritualmord-Rummel aufgebauscht hätten; zum Glück aber wurde der Mörder, ein gänzlich verkommener Mensch, bald entdeckt. — In der Wüste Arabiens haben zwei österreichische Forscher unter mannigfachen Gefahren ein Kalisenschloß „Kasseir Amra" entdeckt, und damit der Wissenschaft einen erheblichen Dienst geleistet; in der feierlichen Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, welcher als Kurator Erzherzog Rainer anwohnte, hob der Direktor der Hofbibliothek. Hofrath Karabacek in seinem Vortrage den Umstand hervor, daß diese so wichtige Entdeckung hauptsächlich durch die Munifizenz des Herrn Salo Kohn ermöglicht wurde, der die Ausrüstung der Expedition, die im letzten Augenblick zu scheitern drohte, durch reichliche Mittel unterstützte. Bei dieser Gelegenheit wurde auch Folgendes mitgetheilt: Im Jahre 1898 wurde in der alten Moabiterstadt Diban die sogenannte Mesainschrift gefunden, und eine Abschrift gelangte nach Paris. Es ist dies eines der wichtigsten Dokumente, wenn nicht das wichtigste Denkmal zur Geschichte Alt-Israels. Um jeden Preis wollte man sich damals in den Besitz der Originalstele setzen. Aber die fremdenhassenden Beduinen zerbrachen das Denkmal, und es war und blieb verschwunden. Nun hat Mielich die Cisterne entdeckt, in der die Trümmer der Stele liegen. Er macht sich erbötig, eine Kommission hinzusühren, die mühelos diesen kostbaren Schatz heben wird. Hoffentlich fehlen auch hier nicht die jüdischen Mäcene! — Der Ministerpräsident hat den Revidenten Jakob Donath in Troppau zum Rechnungsrathe im Departement der Landesregierung in Troppau ernannt. — Der Kaiser hat dem volkswirthschaftlichen Schriftsteller Alfred Ostersetzer das Ritterkreuz des Franz Josesordens verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Dtosse in Berlin. Kon Nah und Fern. Dr. med. Robert K nt ner, der Generalsekretär des Centralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen, hat den Prosessortitel erhalten. — Die Hilfslehrer Dr. Schätzer und Dr. Sachs sind ni Oberlehrern an der 4. und 13. Realschule ernannt worden. — Das 50jührige Jubiläum bei der Firma N. Israel feierte am 1. d. M.Hen Max Lichten stein. 1852 trat derselbe als Lehrling in das für die damaligen Berliner Verhältnisse schon bedeutende Jsraelsche Geschäft ein und hat sich später durch Fleiß und Tüchtigkeit eine angesehene Stellung errungen. Die Inhaber der Firma und deren Angestellte, sowie die Gönner des Jubilars haben den Tag würdig gefeiert. Der Kaiser hat dem Jubilar den Krouenorden IV. Klasse verliehen. — Der Justizrath Dr. Theodor Heymann, Rechtsanwalt am Landgericht I und Notar, ist nach längerem Leiden am 29. v. M. hier gestorben. — Nach langen Leiden ist hier der Porträtmaler Benno Hirschseldt am 28. v. M. hier im 50. Lebensjahre gestorben. — Neuerdings ist auch Seitens der städtischen Behörden in Bütow in Pommern das Schächten verboten worden. Es kann Wohl keinem Zweifel unterliegen, daß auch in diesem Falle die Verordnung angefochten werden wird. — Die Aerzte Dr. Freund in Stettin. Dr. Petzser in Königsberg N.-M., Dr. Breslauer in Bromberg, Dr. Ko rach in P o sen sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — Als antisemitische Bade-, Kur- und Erholungsortesind bisher bekannt geworden: Borkum, Juist, Amrum, Zinnowitz, Heiligen Hafen, Sellin. Lakolk auf Röm, Craal bei Ribnitz, Bansin, Britters Strandhotel in Swinemünde, Besitzer Wilhelm Gergs und Peter Roth- Hafen bei Swinemünde, Insel Wilna bei Rügen, Augustusbad bei Radeberg, Müritz, Gehlberger Mühle (bei Oberhof in Thüringen). Großtabarz in Thüringen, Kurhaus Oberweiler im Schwarzwald, Hoshaus in Schliersee, Ruhpoldig in Oberbayern, Fürstenblick bei Trömbach (Thüringen). Richters Pension in Pyrmont. Ferienheim Mühlenthal bei Wernigerode. Braunlage (Braunschweig), Logirhaus Renner in Kissiugen, Liga« bei Dresden, Grendelbruch im Unterelsaß, das Pensionat am Frauenkloster am Ottilienberg. Lust- und Wasjerkurort Einöd bei Friesach in Obersteiermark, Ettlingerweiler und Bruchhausen (Badischer Schwarzwald), St. Johann bei Heiden in Appenzell, Gaisenstein, Inner Bartholoniä und Bandaus in Montavon (Vorarlberg), Oberaudorf und Kiefersfelden a. Inn, Gasthof zur Gräfin von Kufstein, Hinterriß (Bayern). Forsthaus, Walchsee. Langhampfen. Oberbozen, Mezzolombardo(Rest. Gröbner), Rensch b. Bozen, Cafe Schgraffec in Bozen, Kitzbühel m Tirol, Volderbad bei Hall (Tirol), Metlisalp (Berner Oberland), Hotel promassi sposi in Sermione a. Gardasee. — Unter den französischen Antisemiten tobt der Kampf unablässig fort. Nach den Enthüllungen über die „Kulissen des Fort Chabrol", in denen die „Libre Parole" ihren einstigen Busenfreund Jules Guerin als einen Lockspitzel der Polizei darstellte, wobei sie sich sonderbarerweise der Anklageschrift des Komplottprozesses bedient, die sie früher als ein Lügengewebe bezeichnet hatte, veröffentlicht das Blatt Drumonts jetzt einen „neuen Verrath" gegen seinen Meister. — Baron Alph onse Rothschilds 50jähriges Jubiläum als Präsident des Central-Konsistoriums der Juden Frankreichs wurde am 26. v. M. in würdiger Weise gefeiert. Au der Seite des 6rund radbin de Trance Zadoc Kahn, erschienen sämmtliche Mitglieder des Central-Konsistoriums, des Pariser Konsistoriums, sowie Delegirte der übrigen Konsistorien. Nach einer längeren Ansprache überreichte Mr. Masse dem Jubilar im Namen des Konsistoriums eine Erinnerungsmedaille. Zadoc Kahn beglückwünschte den Jubilar im Namen des französischen Rabbinats und hob den glühenden Eifer hervor, mit dem derselbe für die Interessen des Judenthums eiutritt, gleichviel wo und von wem sie verletzt werden. Am selben Tage wurde auch das 50jährige Jubiläum des großen Rothfchildschen Krankenhauses gefeiert. —Durch die Ernennung des Kriegsministers General Ottolenghi zum Senator ist die Zahl der jüdischen Senatoren in Italien aus 6 gestiegen. Diese sind außer dem Genannten Professor Ascoli, Ulderico Levi, G. Malvan o, der Direktor im Ministerium des Auswärtigen, Tu llo Mass erani, der Vizepräsident des Senats, und Ugo Pisa. — Die Mittheilungdaß der letzte Finanzminister Wollemberg getauft und Luigi Luzzattiin jungen Jahren aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten sei, entspricht, nach unseren Informationen, nicht den Thatsacheu. — In Alexandrien (Aegypten) ist der Baron Manasse im Alter von 63 Jahren gestorben; er war österreichischer Baron und türkischer Be Y- Verantwortlich für die Redaktion: Max BauchWitz in Berlin.