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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 erklärten jedoch, lein einziger Monn dürfe verhaftet werden. Der Vorfall hat in der Nachbargenleinde unter der jüdischen Bevölkerung eine Panik hervorgerufen, da weitere Ausschreitungen der Gebirgsbewohner befürchtet werden. Großbritannien. London, 23. Mai. Die jüdische Frauenkon serenz. welche im Herbst vorigen Jahres von eitler Allzahl vornehmer jüdischer Damen in London geplant war, hat wirklich stattgefunden und volle zwei Tage gedauert. Der Gedanke, alle in der jüdischen Wohlthätigkeit thätigen Frauen Englands zu einer Konferenz einznberufen. ging von Frau Lawrence Simmons ans Manchester aus, der auch die Ehre gebührt, mit einem bei einer Frau überaus seltenen Organisationstalent die ganze Konferenz so organisirt zu haben, daß alles programmmäßig abgelaufen und kein einziger störender Zwischenfall eingetreten ist. Die Konferenz, all der zahlreiche Frauen aus allen Theilen Englands theitgenommen haben, fand am Dienstag und Mittwoch dem 13. und 14. Mai in Portman Rooms bei Anwesenheit von 700 Theilnehmerinnen und Güsten statt und bestand aus einerlangen Serie von Vorträgen über alle Zweige jüdischer Wohlthätigkeit, in denen die jüdische Frau irgend eine nennenswerthe Rolle zu spielen berufen ist. Nach einer Eröffnungsrede Mrs. Nathaniel L. Cohen, welche all Stelle der am Erscheinen verhinderten Lady Rothschild den Vorsitz führte, folgten acht Vorträge auf dem Gebiete der jüdischen Wohlthätigkeit. Nach jedem Vortrage fand eine lebhafte Diskussion statt, welche von drei bestellten Nednerinnen eingeleitet wurde. Die eingeladenen Nednerinnen durften 10. die übrigen Tyeilnehmer an der Diskussion nur fünf Minuten lang sprechen. Ein in der letzten Minute gegebenes Glockenzeichen ermahnte die Rednerin jedesmal, daß ihre Redezeit sich ihrem Ende zuneigt. Nach Schluß einer jeden Sitzung wurden die Anwesenden zu einem kleinen Imbiß im Nebenraume eingeladen. Es hatte Anfangs den Anschein, als wenn das ganze Arrangement in ein „Klatschen und Kaffeetrinkeu" auslaufen werde. Die Vorsitzende Frau Cohen verkündete in der Schlußrede am Mittwoch Nachmittag, daß die mit so großem Aufwand von organisatorischem Talent und Energie zustande gebrachte Konferenz doch einige Früchte tragen werde; sie schlug die Schaffung einer „Vereinigung der jüdischen Frauen und Mädchen von ganz England" mit einem Centralkomitee in London und lokalen Organisationen resp. Lokalkomitees in allen von Juden bewohnten Städten Englands vor. Zweck der Vereinigung soll in erster Linie sein, dem armen arbeitssuchenden jüdischen Mädchen die Wege voll der Schule bis zu einer menschenwürdigen Existenz zu ebnen, den hilfsbedürftigen jüdischen Frauen materiell und moralisch beizustehen und ihnen Arbeit oder eine Stellung nachzuweisen. Nebst dem Arbeitsnachweis und der Fortbildung für jüdische Mädchen und Frauen soll sich die Vereinigung für alle jüdische Angelegenheiten interessiren und namentlich sich der Pflege und der Fürsorge für Kranke, Schwache und Hilflose widmeil. Sollte der Plan auch nur zum Theil gelingen, so wird das englische Judenthum einen uuab sehbaren Gewinn davoll haben. Durch das selbständige aktive Eintreten der jüdischen Frau in das Wesen der jüdischen Wohlthätigkeit dürste die Zahl der für spezielle jüdische Zwecke wirkenden Personen eine wesentliche Steigerung erfahren, was bei der zur Zeit im Judenthum herrschenden „Leutenoth" voll kaum zu überschätzender Tragweite werden könnte. Non Nah und Fern. — Dr. Adolf Weiß mann, der mehrere Jahre Erzieher im Auerbach'schen Waisenhause war, ist vom 1. Juli d. I. ab zum Oberlehrer an der 12. Realschule ernannt worden. Der wissenschaftliche Hilfslehrer Marcus Rosen thal ist als Oberlehrer an der ersten Realschule angestellt worden. — Die Sanitätsräthe Dr. Moritz Krön er. Dr. Wolf Hamburger, Dr. Albert Cohn und Dr. Alexander Schlesinger sind zu Geheimen Sanitätsräthen und die praktischen Aerzte Dr. Jakob Eger, Dr. Hugo Schlesinger, Dr. H u g o L o e w e n t h a l, Dr. Wolf Lewin, Dr. Georg Jakob Landsberg. Dr. Hermann Krön und Dr. Israel Cohn zu Sanitätsräthen ernannt worden. — Dem Fräulein Paula Mendelssohn in Ehdtkuhnen, welche bei dem Brande in Kibarth am 23. März d. I. mit eigener Lebensgefahr zwei Kinder des dortigen jüdischen Kaufmanns G. gerettet hat. ist vom Gouverneur aus Suwalki für diese edle That ein russisches Belobigungsschreiben zugegangen. -- In Tauroggen ist der allgemein bekannte und gelehrte Rabbiner Mendel Siew am 13. d.M. im Alter von97Jahren gestorben. — Mit Genehmigung des Kaisers übersandte der Kultusminister dein Senior der westpreußischen Lehrerschaft, Lehrer a.D. Simon Braunstein zu Gollub, anläßlich seines92. Geburtstages ein Ehrengeschenk von 200 Mk. — Dem Arzt Dr. Davidsohn inSchneidemühr ist der Charakter als Sanitätsrath verliehen worden. — Der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie Albert Ballin zu Hamburg hat den Rothen Adlerorden zweiter Klasse mit der königlichen Krone erhalten. — In Heidelberg ist am 13. d. M. der Konsul Köster, der Führer der dortigen Antisemiten, im 55. Lebensjahre gestorben. — .Eine Abordnung des Delegirtentages deutscher Zionisten in Mannheim wurde von dem Großherzog von Baden empfangen. Auf die Ansprache des Präsidenten, welcher dem Grobherzog den Dank der Zionisten für sein der Bewegung und ihren Führern bewiesenes Wohlwollen aussprach, erwiderte — nach zionistischen Berichten — der Großherzog „in überaus gnädiger Weise, daß er sich freue zu bemerken. wie die früher vorhandenen Mißverständnisse zu schwinden begännen. Er halte es für seine werthe Pflicht, die Bewegung zu unterstützen." Auf das Huldigungstelegramm an den Deutschen Kaiser ist folgende Antwort eingetroffen: „Delegirtentagder Deutschen Zionisten Mannheim, Urville Schloß. Seine Majestät der Kaiser und König lassen für den Huldigungsgruß danken. Auf Allerhöchsten Befehl: Der geheime Kabinetsrath von Lucanus." — Graf Pückler- Klein-Tschirne. welcher sich bekanntlich in der Schweiz aufhält und von hier aus steckbrieflich verfolgt wird, sollte von der Schweiz ausgeliefert werden. Jetzt sind in Glogau Meldungen eingetroffen, nach denen die Schweiz die Auslieferung abgelehnt habe. Gleichzeitig wird mitgetheilt. daß der Graf fortan seinen dauernden Wohnsitz im Auslände nehmen wird. Wenn sich das bewahrheitet, so würde die Behauptung einiger Antisemitenblätter, der Graf denke nicht an Flucht und halte sich nur aus „Gesundheitsrücksichteil" in der Schweiz auf. sich als Flunkerei Herausstellen. — In Gibraltar und Umgegend wohnen 9400 Juden, davon 7000 Spaniolen und 2400 europäische. In der Stadt Gibraltar selbst wohnen 3000 Juden. Die Juden sind vollständig gleichberechtigt, da Gibraltar eine englische Besitzung ist.— Das Budget der Shnagogenverwaltung der jüdischen Gemeinde von Paris weist eine Einnahme von 266 500 Francs und eine Ausgabe von 205 500 Francs für Shnagogenzwecke und 60 000 Francs für eine 3prozentige Verzinsung der Konsistorialanleihe auf. Der Verkauf der Syuagogenplätze brachte 119 000, und die Gebühren für im Laufe des Jahres geschlossene 315 Ehen 94000 Francs. Unter den Ausgaben figuriren 138 000 Francs für Unterhaltung der Rabbiner, Chöre und Shuagogenbeamten in den drei offiziellen Synagogen, 22 500 Francs betrugen die Kosten des Sekretariats und 15 000 Francs wurden für Beheizung rc. ausgegeben. Für das Jahr 1903 wurden die Einnahmen mit 253 770 Francs und die Ausgaben mit 252 959 eingestellt. — In Jerusalem verschied dieser Tage der Rabbiner der dortigen vereinigten Chaffidimgemeinden, Rabbi Schneor Salomon aus Liadia, gewesener Rabbiner in Lublin, im Alter von 72 Jahren. Der Verblichene galt als eine der bedeutendsten Koryphäen der Gegenwart auf seinem Gebiete. — Vielfache von einflußreichen Juden an die amerikanische Negierung gerichtete Gesuche, sie möge gegen die behauptete Judenverfolgung in Rumänien protestiren, wurden von dem Staatsdepartement dahin beantwortet, daß die Regierung n ich t einschreiten kann, da die betreffenden Personen nicht amerikanische Bürger seien. — Die Erben des kürzlich verstorbenen Herrn Leonard Lewis ou in New-Nork haben einen Fonds von 900000 Dollars gestiftet, dessen Zinsen zu allgemeinen wohlthätigen Zwecken verwendet werden sollen. — Am 5. d. M. hat in New-Orleans die diesjährigen Nabbitterkonferenz in Amerika begonnen und fünf Tage in Anspruch genommen. Aus der Tagesordnung standen Referate über verschiedene jüdische Wohlfahrtseinrichtungen. Den größten Theil der Zeit nahm der Vortrag und die Diskussion über „die Sabbathfrage" in Anspruch. Dell Vortrag hielt Nev. Voorsanger. Es wurde eine Kommission eingesetzt, die 1903 Bericht erstatten soll. Von Interesse ist es, daß gerade jetzt eine Reformgemeinde in Chicago nach 20 Jahren den Sonntagsgottesdienst wieder abgeschafft hat! Nev. I. Sale sprach über „die Bibel und das moderne Denken" und Rev. L. M. Franklin über „Gemeindethätigkeit außerhalb der Kanzel und Schule". Druck und Verlag voll Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBanchwitz in Berlin.

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