Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Berlin. 30. Mai 1902 66. Jahrgang. Nr. 22. Allgemeine eitung öes Dudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis. Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redaeteurr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Lorm. Verlags-Crpedit'ion: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition find an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I InIsltÜ. Leitartikel: Französische Zustände. — Die Woche. — Eine öffentliche Irrenanstalt für Juden. Von Dr. Jeremias, Nervenarzt in Poseu. — Brief aus Italien. — Eine Schrift über das Wesen des Iudentliums. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick, Berlin. — Feuilleton: Familie Moser. Bon B. Leise r - Köln. — Der Salon 1902. 1. — Sprechfaul. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten. Berlin, Neubrandenburg, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Wreschen, Myslowitz, Ansbach, Bonn, Wien, London. — Bon Nah und Fern. — Miscette»,. - Geschäftliche Notizen. Französische Zustande. Berlin. 26. Mai. ie letzten Wochen haben — es steht dies heute unzweifelhaft fest — dem französischen Antisemitismus eine empfindliche Niederlage bereitet. Nach den großen Anstrengungen, die derselbe gemacht hat, nach seinen einflußreichen Verbindungen mit den Klerikalen und Nationalisten mußte inan befürchten, daß diese Bewegung eine wesentliche Verstärkung erfahren werde. Das ist nicht geschehen, im Gegentheil! Die eifrigsten Parteigänger des Antisemitismus sind auf der Strecke geblieben, und von dem neuen Nachschub weiß man noch nicht, ob derselbe sich bewähren wird. Dagegen sind nicht nur viele warme -Anhänger der liberalen »Ideen, sondern auch die entschiedensten Vorkämpfer der Dreyfussache mit großer Majorität in die neue Kammer gewählt worden. Das ist ein Erfolg, den Niemand vorher zu hoffen wagte. Wenn man bedenkt, in welcher Lage das Land vor etwa drei Jahren war, so kann man diesen Erfolg erst recht abichätzen. Als der gegenioärtige Ministerpräsident Waldeck- Nonsseau sein Amt übernahm, flutheten über ganz Frankreich die Wogen leidenschaftlichster Erregung. Das Land war bis m den tiefsten Grund aufgewühlt; der Haß gegen die Juden wurde auf den Straßen gepredigt; kein Mensch Hütte damals wrausgesagt, daß das neue Ministerium sich drei Jahre halten würde. Wenn es ihm dennoch gelungen ist, so lag das an dem Ernst, mit dem Waldeck-Roussean seine Aufgabe erfaßte und an seiner jeden falschen Schein meidenden bürgerlichen Tüchtigkeit. Wider alles Erwarten reichte dies aus, um den leichtmüthigen Franzosen klar zu machen, wie sehr sie gegen sich selbst gewüthet hatten, als sie abenteuernd den verführerischen Liedern der Landsknechte der Reaktion gefolgt waren. Mit Erstaunen nahm man immer mehr wahr, welche Erfolge die "(egiernng in der allmäligen Beruhigung des Landes nach dem schweren Ungewitter des Dreyfushandels errungen. Mit Spannung verfolgte man die nachdrückliche Agitation gegen! die klerikal-antisemitischen Machinationen. Die Lage ist nun! eine solche, daß. obwohl das Ministerium Waldeck-Ronsseau abtritt, die Maschinerie, die es in den Stand gesetzt hat, ihm noch weiter gehorchen und, so weit Menschen urtheilen können, ohne sonderliche Störung laufen wird. Die Politik des Fortschritts und der religiösen Toleranz ruht menschlicher Voraussicht nach zunächst für die kommende Wahlperiode auf festen Grundlagen. Der Verlauf der Wahlagitation war aber das glänzendste Abgangszeugniß für das gegenwärtige Ministerium, und vor allem für dessen Leiter; selbst in Wahlkreisen, die vollständig gesichert schienen, wurden die Führer der Nationalisten und Antisemiten geschlagen. Die Berechnungen, welche deutsche Blätter in dieser Beziehung gemacht haben, bedürfen einer genauen Korrektur. Ein angesehenes Blatt hat sich sogar aus Paris melden lassen, daß die antisemitische Gruppe circa 30 Abgeordnete zählte. Das ist ein großer Jrrthum. Von den Abgeordneten die sich offen als Antisemiten bekennen, sind nur die folgenden wiedergewühlt worden: Denis, Gervaize, der bekannte Lasies, Ferrette, General Jacguey, Daube, Finnin Faure und Congy. Das ist alles. Nicht wiedergewühlt wurden aber die wüthendsten Champions des Straßen-Antisemitismus in Frankreich, vor allem sämmtliche Redakteure der „Libre Parole". Außer dem Führer, auf den wir noch zu sprechen kommen, die Herren Monnivt, Papilland, Boisandre, der berüchtigte Protestantenfeind Georges Thieband, der famose Dclahaye, der den Skandal gegen Faure inaugurirte, Paul de Cassagnac, Renault, der Verfasser des Buches „Ueber die protestantische Gefahr", Girard, einer der Helden des Fort Chabrvl, Davot, Caldine, Chichs, Pascal, Gay, Delpech-Cantaloup, Graf d'Aulan, Livnne, der bekannte Gehilfe von Max Rsgis, de Magalon, Baffier, Msnard, der Advokat der „Libre Parole" und die als Führer berüchtigten Paulin Msry und Charles Bernard. Man sieht, daß die Verlustliste der Antisemiten keine unbedeutende ist. Dazu kommen natürlich noch die geschlagenen Nationalisten, die nur Gelegeilheitsantisemiten sind. Der charakteristische Vertreter dieser Gelegenheitsantisemiten in der neuen Kammer wird Herr Savarh de Beauregard sein, verschon einmal in der vorletzten Wahlperiode in der Kammer einen Antrag eingebracht hat, den französischen Juden ihre bürgerlichen Rechte zu entziehen, der 1898 nicht wiedergewühlt wurde, dafür aber die neue Kammer durch seine Anivesenheit erfreuen wird. Dieser famose Herr Beauregard hat auf eine diesbezügliche Anfrage in einer Wählerversammlung pathetisch ausgerufen: „sss ns ssi-ais jainrns ruitisennts!" In seinem Wahlaufruf heißt es aber, man müsse gegen die Freimaurer und Juden