Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
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MisrrUen. — Als Ludwig van Beethoven i. I. 1792 zeitweilig in Men lebte, machte er durch Zufall die Bekanntschaft der siebzehnjährigen Rahel Löwenstein, die mit wunderbarer Schönheit und culßerordentlicher Geistes- und Herzensbildung ausgestattet war. Er f -ßte eine ernste und tiefe Zuneigung zu diesem seltenen Mädchen .md wollte sie auch, wie aus Nachfolgendem hervorgeht, heirathen. wenn sie sich taufen ließe. Aber das Liebeswerben Beethovens i heiterte an der überzeugten Glaubenstreue Rahels. Am 8. Mai 1792 schrieb Beethoven an Rahel Löwenstein: „Wie lange sucht vergebens Dich doch mein düsterer Blick? Die Sonne meines Lebens Kehrt erst mit Dir zurück. Auf allen meinen Pfaden Erlischt des Tages Schein. Ich bin mit Schmerz beladen Verlassen und allein." Am 11. Mai 1792 anwortete Rahel „O eitler Wahn! Schon schwindet Das holde Traumgesicht; Mein Auge sucht und findet. Mein Arm erreicht Dich nicht. Uns trennen hohe Hügel Ewig fern bleibt uns Glück. Gieb Deiner Liebe Zügel Und trage Dein Geschick." Bei einer Zusammenkunft der beiden Liebenden am 19. Mai 1792 gab sich Rahel als Jüdin zu erkennen. Dies hielt aber den in Liebe ntbrannten Meister nicht ab, ihr am 26. Mai zu schreiben: „Ich renne Dich Du. Du verzeihst eS mir gewiß! Ich kann Dich nicht lassen, wenngleich Du eine Jüdin bist! Die heilige Schrift kennt die Namen der Männer Deines Volkes, sie erzählt, was sie einst für glänzende Thaten gethan. Aber ich wandte den Blick und sah in der Tiefe meines Herzens meines Tempels Heiligthum: den Heiland! O. warum stehen nicht alle Menschen einig um das Feld des Erlösers? Welche Verwüstung ist hier auf Erden — und welch' ein neidisches Schicksal hat in Trümmer und Nacht uns Menschen gestürzt. Rahel, geliebtes Wesen, um meiner zärtlichen Sorge Willen, erkenne des Erlösers Herrlichkeit an. denn von Geschlecht zu Geschlecht wird glänzender sein Namen auf Erden! Für Dein Volk hat man keine Gnade; Deines Volkes Glück ist Leiden! Werde mein, lerne kennen Freuden, christliche Freuden!" Rahel Löwenstein antwortete am 28. Mai 1792 auf diesen Bekehrungsbrief: „Heute und nie mehr schreibe ich. Ihr tadelt mein Volk, Ihr lobt wen — Segen und reichen Gewinn haben die Leiden unserer Väter kommenden Enkeln gebracht. Kein Volk steht so fest wie Israel. Eures Volkes Herz, voll arger Entwürfe, hat die Besten meines Volkes dem Verderben geweiht. Ihr habt mit heiligem Munde Sprüche gelehrt. Kläglich sind sie gefallen, verfolgt von Quälern und Mördern! Einst, nach langentschwundener Zeit, werden Eure Enkeh das Unrecht erkennen und Israels verstümmeltes Leben frei lassen! Eure Priester sogar, die Geweihten des Herrn, haben ihr Saitenspiel durch Lügen entehrt. Nicht der Würdigen in Israel achteten sie, nicht die Besseren vermochten sie zu ehren. Geifernd erhoben sie im Namen des Himmels ein Gezeter — und wollten unser Volk belehren und bekehren? Wohl buhlten Viele vom Hause Israels um der Gewaltigen Gunst. Daher find sie für Israel verloren und von Israel verachtet. Verlaßt mich, lieber Fremdling, verlaßt mich! Darum bitte ich Euch. Verfolgt mich mit Euerer Liebe nicht mehr! Ist^s Vorgefühl von Schwachheit und Angst, was mich so verwandelt. Euch zu bitten, fern zu bleiben? Mächte des Himmels! Mein Vater sollte wissen, was ich gethan! Erbarmet Euch mein — und macht nicht sorgenvoller mein banges Leben." Am 3. Juni 1792 schrieb Beethoven an Rahel Löwenstein: „Rahel. Du Holde, ich und Du — wir Kinder! Q, lebe wohl, lebe wohl! Wir können uns nicht besitzen! Nimm Dir mein letztes Berschen zu Herzen! „Geh mit Deinem kranken Herzen, Komm und blute Deine Schmerzen Muthig aus Dir selbst heraus, Am Altar des Herren aus." Merkwürdigerweise ist in keiner Biographie Beethovens dieser Episode, welche Oberkantor Singer-Troppau nach handschriftlichen Aufzeichnungen in der Wiener „Wahrheit" mittheilt, Erwähnung gethan. Hur4Lptz.monstIivIi - kostet b. all. Postanstalt, u. Landbriestrüg. d. 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