Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- Seite 215 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2lb zu nehmen. Hier war für alle Strebsamen Platz, sich Geltung zu verschaffen und ihr Licht leuchten zu lassen. Daher ist auch die Litteratur des Talmuds eine ungewöhnlich fruchtbare. Einer der scharfsinnigsten Talmndisten war der im Anfang unseres Jahrhunderts lebende und lehrende, bereits von mir erwähnte Akiba Eger. An ihm hingen seine Schüler mit der größten Verehrung, und mein Vater insbesondere betrachtete seinen Lehrer als den Inbegriff alles Wissens und Könnens. Seine Werke lagen beständig auf dem Studirtische des gelehrigen Jüngers. Welch reine Freude leuchtete ans seinen Augen, wenn er die Ideen, welche Rabbi Akiba nur in ganz kurzen Sätzen zu skizziren Pflegte, vollständig aufgefaßt zu haben glaubte! Er erklärte oft, daß es keinen größeren Genuß geben könne, als diesen verwickelten Schlußfolgerungen nachzugehen und sie klar entwickeln zu können. Von diesen höheren Regionen, in welchen mein Vater gern verweilte, muß ich zur Erde wieder herabsteigen. Die Familie hatte sich in den letzten zehn Jahren der Ehe ansehnlich vermehrt; drei Söhne und zwei Töchter waren geboren worden und verlangten ernährt und erzogen zu werden. Da trat ari den Talmudgelehrten, dem modernes Wissen bisher ganz fremd geblieben war, der Gedanke heran, die Prüfung als Elemeutarlehrer abzulegen, um durch Privatunterricht sich seinen und der Familie Lebensunterhalt zu erwerben. Heutzutage wäre dieser Schritt leicht; anders aber lagen die Verhältnisse in den dreißiger Jahren. Von den Talmudisten hatten bis dahin nur wenige den Sprung vom talmudischen Wissen zum modernen gewagt. Damals betrachteten die frommen Inden Jeden, welcher sich mit anderen als religiösen Studien beschäftigte, als einen Abtrünnigen; denn es dämmerte in ihnen der Gedanke auf, daß, sobald der moderne Geist die Jünger des Talmuds erfaßt, sie sich bald von den starren Formen des alten Glaubens abwenden würden. Trotzdem sind Männer wie Moses Mendelssohn, Marcus Herz und andere zum Heile der deutsche» Juden vor dem Wagnis; nicht zurückgeschreckt, deutsche Bildung in den jüdischen Gemeinden zu verbreiten. Bald war die Schaar Derjenigen nicht zu zählen, welche einiahen, daß sie als Angehörige des Deutschen Reiches auch ihre Bildung ans den Schätzen deutscher Wissenschaft, deutscher Dichtung holen müßten. Mein Vater war noch zu sehr u;nipounen von den Reizen des alter; Talmudstudiums, als daß er an die Quellen moderner Bildung, die er ohne Lehrer nur mit größter Mühe ausgraben mußte, großen Gefallen fand. Er eignete sich die Kenntnisse, die er für das einmal gesteckte Ziel für nothwendig hielt, in ungewöhnlich kurzer Zeit an; wurde r dabei doch von einem riesenhaften Gedächtniß unterstützt. Er, der die zahlreichen Folianten des Talmuds so genau auswendig wußte, daß er selbst die Seitenzahl jedes Abschnitts anzugeben oermochte, er konnte mit leichter Mühe die elementaren Kenntnisse der deutschen Sprache, Geschichte und Geographie sich zu igen machen. Seine Kenntnisse im Rechnen und Mathematik hatte er aus dem Talmud geschöpft, wie er denn die schwierigsten Rechenaufgaben nicht nach gegebenen Regeln, wndern in seiner originellen Weise schnell und sicher löste. Mein Vater bestand die Prüfung vor einer Negierungsiommission, und es wurde ihm die Erlaubnis; gewährt, als Elementarlehrer Privatunterricht zu ertheilen. Bald fanden Wh denn auch die kleiner; Schüler ein, aber ich kann nicht wgen, daß ihm diese Thätigkcit Freude machte. Dazu war der Gegensatz der hoher; Gedankenwelt, welche ihn umgab, und des elementaren Schulunterrichts doch gar zu empfindlich. Je größer der Umfang seines Wissens wurde, desto geringer wurde die Zahl seiuer Schüler, so daß meine Mutter sich genöthigt sah, ein Pensionat einzurichten, von dessen Ertrag sie sich mit ihren Kindern schlecht und recht durchschlug. Häufig, wein; die Zahl der Pensionäre zusammenschmolz, wurden die Sorgen für die Familie bedrückend; aber das Frohgefühl des Vaters wurde nicht im Mindesten gestört. Auch bei den härtesten Schicksalsschlägen, wie bei dem Verlust seines ältesten Sohnes, den er auch in das Talmudstudium eingeführt hatte, und den er über alles liebte, verließ ihn nicht der starke Glaube, daß Gott alles weise einrichtet, und es trat dabei nicht einmal die Hoffnung auf ein einstiges Wiedersehen besonders sänftigend hervor. Seine Lebensbedürfnisse waren denkbarst geringe; die spartanische Lebensführung war seinen Auffassungen entsprechend. „Wir leben nicht, um zu essen, sondern wir essen, um zu leben," war sein Spruch. Butterbrot», Kartoffeln und eine einfache Mehlsnppe schmeckten ihm vortrefflich und genügte;; seinen; Magen. Er erging sich gern in der freien Natur, ohne jedoch ein feineres Gefühl für Naturstimmung zu haben. Diese Schwärmerei für Natur ist ganz modern und häufig geinacht. Mit seinen Kindern war er selber ein frohes Kind, die Fragen, die ordentlich auf ihn lvshagelten, beantwortete er mit großer Geduld und Klarheit. Er erfreute sich bis in sein hohes Alter der besten Gesundheit; sein Schlaf war stets tief und erquickend. Der frühe Morgen fand ihn schon bei der Arbeit, und was er ansgesonnen, schrieb er sofort nieder. Diese Werke liegen nun, von Niemandem verstanden, vergilbt und nutzlos da. Wie stand nun dieser große Talmudgelehrte zu den Errungenschaften der modernen Wissenschaften? Er erkannte, welch großartige Umwälzungen die Copernikanische Weltanschauung zur Folge haben mußte; er freute sich der großen Erfolge der Chemie und Physik. Er sprach sehr abfällig über einen anderen Talmudisten, der von seinem orthodoxen Standpunkte aus die Copernikanische Lehre als gottlos verwarf. Er meinte, die heilige Schrift spricht für Jedermann und in allgemein verständlicher Sprache.- Wenn es also in der Bibel heißt: die Sonne geht auf oder unter, oder: Gott befahl der Sonne stillzustehen, so ist damit nur ausgedrückt, was für Jeden sinnfällig ist. Ein anderer Schluß ist daraus nicht zu ziehen. Er hatte auch ein gewisses Verständnis; für unsere großen deutschen Dichter und Komponisten, soweit es ihn; bei der geringen Beschäftigung mit denselben möglich war. Aber — und das ist sein besonderer, für ihn charakteristischer Ausspruch: Neben diesen Geistesheroen bestehen auch die großen Gelehrten des Talmuds — Maimonides, Nascht, Rosch, Ran u. A. — in ihrer ganzen Größe, und er war fest davon überzeugt, das; nur die Schwierigkeit, in den Geist des Talmuds einzudringen, die Menschen verhindert, die ganze Größe dieser Männer zu begreifen und anzuerkennen. Als ich ihn; einmal entgegenhielt, das; die ganze Welt die Früchte der Arbeiten der modernen Denker genieße, das; durch sie erst der große Fortschritt der Menschheit angebahnt worden, erklärte er, daß der praktische Nutzen der Geistesarbeit erst in zweiter Reihe stände. Jene Männer des Talmuds hätten ihren Forschungen obgelegen um Gottes Willen, nicht der Menschheit zu Gefallen. Ist dieser Standpunkt nicht auch begreiflich?