Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
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18S manchen Staaten der Jetztzeit mit Bezug auf Juden und Judenthum in der Politik ägyptische Züge zu Tage treten. Womit leiteten die Machthaber und Staatsmänner Aegyptens ihre engherzige, rückschrittliche Politik gegen Israel ein? „Wohlarr, nur wollen es überlisten, daß es sich nicht vermehre." Wer denkt dabei nicht an das heutige Rumänien, das seinen armen Inden das Leben so einengt und einschnürt, daß sie sich gezwungen sehen, zum Wanderstab, zum Bettelstab zu greifen, oder an Rußland, das die Juden den schmählichsten, lieblosesten Gesetzen unterwirft, um sie durch Auswanderung zu mindern. Aber auch in Staaten mit einer Vvllkultur huldigt uian nicht selten mit Bezug auf Juden und Judenthllm diesem Grundsatz, um durch allerlei Winkelzüge selbst die Besten und Befähigtesten von jeder höhern öffentlichen Karriere auszuschließen. Berühmt war ja im Alterthum die ägyptische Kultur, noch heute staunt der Beschauer die Reste der Riesenbauten, die Spuren der Kunst und des Gewerbefleißes all, die von der einstigen Pracht und Herrlichkeit, voll der hohen Civilisation, der Wucht und Macht dieses alten Volkes Zeugniß ablegen. Aber diese Kultur schlug in der Religion, in der Sittlichkeit, in dem moralischen und sozialen Leben in Barbarei und Verrohung um. Der wüsteste Aberglaube und die tiefste Sitteuverderbtheit gingen mit einander Hand in Hand. Die Kultur war nur eine äußerliche, die mit dem göttlichen Kern der Moral in keiner Berührung stand. Sie zeugt wohl von wunderbarer Krast, voll der höchsten Anspannung der Muskeln und des Geistes, aber das tief empfindende warme Herz mit dem zartfühlenden Gewissen, wie es in der echten, edlen Humanität pulsirt lllld sich in Werken und Einrichtungen der Menschenllebe, der brüderlichen Gleichheit lllld Gerechtigkeit zeigt, sucht man ill dieser Kultur vergebens. Darum liegt sie schon Jahrtausende lang unter ihren Trümmern zerschlagen und in ihren Grabkammern als Mumie eingesargt. Eine Kultur, die nicht im Boden der lautersten Moral wurzelt, gleicht jener Gestalt im Traume Nebukadnezars mit goldenem Haupte und thönernen Füßen. Bei jedem Anstoß stürzt sie in sich zusammen. Wir lernen daraus, wie wenig ein Staat gewinnt mit der größtmöglichen Entfaltung einer äußeren Kultur, wie sie sogar gefährlich werden kann für Recht, Sitte und Moral, da sie oft zu Hochmuth verleitet, zu Eitelkeit und Selbstüberhebung, und dann nicht selten in Barbarei sich verkehrt, zur Selbstverherrlichung und Naturanbetung umschlägt. Mit jedem jungen Jahre, wenn unter den goldenen, milden Frühlingsstrahlen die Eisberge schmelzen und Flüsse und Bäche fröhlich ihrer Haft enteilen, bringt das Pessachfest uns die Kunde von der einstigen Größe Aegyptens und seinen tiefen Sturz, von der Befreiung Israels aus der eisigen Umklammerung der ägyptischen Zwingherrschaft. Unter seinem warmen Hauche sprießt die erstarrte Hoffnung in unserm Herzen zu neuer Blüthe auf. Die Besserung kann nicht ausbleiben, da das Böse in der Welt, in welcher Form und Stärke es auch auftritt, den nagenden Wurm der Vernichtung in sich trägt und sich selbst zerstört. Und die Hoffnung kann nicht täuschen, so wenig als das immer sich wiederholende Naturgesetz täuscht, nach welchem alles, was hohl und eutgeistigt ist, zur Erde sinken und sich auflöseu muß, um als ein Besseres und Vollkommeneres zu erstehen. Wenn von irgend welchen Blättern aus der Geschichte Israels, so gilt von denen, die die grausame Behandlung! Israels in Aegypten, das Strafgericht, das über dieses ge-! kommen, und die Befreiung der Unterdrückten melden, der von dem deutschen Dichterfürsten in tiefer Erfassung der Völker i geschichte gethane Ausspruch, nach welchem die Bibel di? Schicksale Israels zum Symbol aller übrigen Völker aufstelb. und daß sie darum, je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, zur Erziehung des Menschengeschlechts wird genützt werden. In Würdigung dieses tiefsinnigen Ausspruches kann sich wohl kaum Jemand gegen di? Erkenntniß verschließen, daß gerade aus dem in der Leidensschule Aegyptens erfahrenen Läuterungsprozeß der Geist Israel? in seinem Gesetz jene hohe, edle und uneingeschränkte Humanität athmet, jenes eifrige Streben nach Gerechtigkeit, Tugend nn>' Brüderlichkeit ausnahmslos allen Menschen gegenüber bekundet das die Bewunderung aller Geschlechter der Erde erregt Mächtige Völker und Staaten sind aus der Leidensschule dev Zeiten und ihrer Wirren hervorgegangen, materiell festgefügt geistig gereist, zum Theil auch zielbewußt in der Verwirklichung der Kulturaufgaben. Haften ihnen auch noch manche Schlacken an, so sind sie doch noch nicht auf dem Höhepunkte ihre Entwickelung angelangt. Viele sind aber hinter den Forderungen und berechtigten Erwartungen der modernen Zeit theils in geringerer, theils in erschreckend weiter Distanz zurück geblieben. Wir stehen am Morgen einer neuen Zeit. Alledrängt zur Klarheit und zur Reife in den Lebensanschauungen und sie stecken noch immer, die einen mehr, die andern weniger im wüsten Aberglauben, in finsteren, lächerlichen Vorurtheilen sind noch zu sehr befangen in geistigen Jrrthümern, in de Verstocktheit der Selbstsucht, die blind macht gegen dasjenige was die wahre Ehre und das ersprießliche Gedeihen der Völke ausmacht: die Schirmung des Rechts und die Förderung des Wohles aller Bürger ohne Unterschied der Raffen uu des Glaubens. Da tritt der Pessach tröstend und aufklärenall uns heran; er spricht von Strafgericht und Läuterung, wi vergleichen das Jetzt mit dem Einst, ziehen dabei unduldsame grausame Staaten in Betracht und fassen uns in Geduld, bi daß jenes unausweichliche Grundgesetz der Weltgeschichte ini seiner alles bessernden, veredelnden Kraft in Wirksamkeit tritt Are Woche. Berlin, 15. April. ie Unterrichtskommission des Abgeordneten Hause berieth am 11 d. M. die Petition von 115 Lehrern cn öffentlichen jüdischen Volksschulen, die der Verband de jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche im vorigen Jahr angeregt hatte. Durch Erlaß des Ministers der geistlichen rc Angelegenheiten vom 16. September 1896 ist bekanntlich der staatlichen Lehrerseminarien das Recht verliehen worden, gil tige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für der einjährig-freiwilligen Dienst ausstellen zu dürfen. Die jüdischer Seminare haben das Recht nicht erhalten. Da die jüdischer Seminaristen ein staatliches Seminar nicht besuchen können so fühlten sich die jüdischen Lehrer hinter ihre christlichen Kollegen umsomehr zurückgesetzt, als sie genau dieselbe wissenschaftliche Ausbildung erhalten haben und ihre Prüfung vor einer könig lichen Prüfungskommission ablegen müssen. Sie baten daher das Abgeordnetenhaus, dafür eintreten zu wollen, daß dir