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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-04 · Heft 14 (4.4.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 4. April 1902. 66. Jahrgang. Nr. 14. Allgemeine eitung öes Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet Nabbiner Dr. Ludwig Verlags-Crpedition: Lerlin, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacterrr: Gustav Karpeles. von Phttippson-Lorm. Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Utopia. — Die Woche. — Brief ans Köln. — Brief aus Oesterreich. — Briefe aus Rußland. Von Leon A. Trachtenberg. — Der große Prozeß. (Eine Voranzeige.) — Feuilleton: Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. — Was ist Sein Name? Von Gustav Sleinert. - Litterarische Mittheil,ti,gen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Leipzig. Hamburg, Hannover, Essen, Aus dem Elsaß. — Don Nah und Fern. Utopia. Berlin, 2. April jüdischen Blättern ist wieder viel die Rede von einem Weltkongreß. Wir haben schon vor zwei Jahren unsere Ansicht darüber ausgesprochen. Der Plan har ja für den ersten Augenblick ohne Zweifel etwas Bestechendes; er besteht darin, daß ein Kongreß von Rabbinern und hervorragenden Männern der Judenschaft aus allen Theilen der Welt abgehalten werden soll, der über die großen Zeitfragen, die das Judenthum der Gegenwart bewegen und erfüllen, berathen würde. Die Vorschläge, die nach dieser Richtung gemacht worden sind, gehen fast alle von der gleichen Prämisse aus : die Zustände haben sich derart gestaltet, daß es ohne eine gründliche Reorganisation oder Reform nicht mehr weitergeht. Es muß etwas geschehen, um das Judenthum wieder in die rechte Bahn zu bringen. Merkwürdig ist dabei, daß diese Klagen und Wünsche nicht etwa aus einem Lager, sondern gleichzeitig aus den Kreisen der beiden großen Parteien kommen, die man als die maßgebenden in der modernen Judenheit ansehen kann: sowohl die Reform wie die Orthodoxie wünscht den Kongreß. Nun haben wir es bereits damals ausgesprochen, daß die Idee eines solchen Kongresses, der sich nur mit der sozialen Lage der Judenheit zu befassen hätte, eine gewisse Berechtigung hat, vielleicht sogar auch Aussicht auf Erfolg. Die Furcht Vörden Antisemiten, die mit dem Schlagwort der Jnternationalität so gern um sich werfen, während sie selbst im schlimmsten Sinne international sind, ist nur noch ein blasser Schemen, mit dem man höchstens kleine oder sehr alberne große Kinder schrecken kann. Wir können einfach wiederholen, was wir damals gesagt haben, als das Projekt auftauchte: So gut wie die internationale katholische Propaganda, so gut wie die protestantischen Hilfsvereine für alle Länder, so gut kann auch das Judenthum seine Gesammtinteressen in allen Ländern gemeinsam berathen und betreiben. Das Bedürfniß nach internationaler Vereinigung hat sich sogar im Bund der Landwirthe geltend gemacht; in antisemitischen Kreisen ist wiederholt und sehr eindringlich die Bildung einer allgemeinen antisemitischen Vereinigung gefordert worden, die übrigens ohne festes Band in der Praris längst besteht. An gemeinsamen Interessen kann es auch uns nicht fehlen, und wir haben gar keinen Grund, diese nicht vor voller Oeffentlichkeit auf einem Weltkongreß zu berathen. Eine solche überaus wichtige Angelegenheit ist z. B. die der Lage der Juden in den osteuropäischen Ländern, namentlich in Rußland und Rumänien, und die große Frage der Emigration dieser Unglücklichen. Außer diesen giebt es noch verschiedene andere gemeinsame Fragen, die auf einem großen Kongresse besprochen und erledigt werden könnten. Anders liegt die Sache allerdings, wenn man auf einem solchen Weltkongreß innere religiöse Fragen besprechen wollte. Hier liegt die wahre Utopia, denn wir können es kaum begreifen, wie lnan heute eine solche Forderung ernsthaft aufstellen kann, um so weniger, als diese Forderung gerade von konservativer Seite kommt, in einer Schrift: „Die Erweckung des religiösen Gefühls im eigenen Lager" voll einem Anonymus, der sich Amitai nennt. Dieser Mann, dessen Schilderung der gegenwärtigen Lage von einem tiefen religiösen Gefühl und von genauer Kenntniß der Verhältnisse zeugt, macht nun folgenden seltsamen Vorschlag: Eine allgemein bekannte nnd mit ausreichender Autorität ausgerüstete Persönlichkeit nimmt die Angelegenheit in die Hand und wählt sich nach eigener Einsicht noch einige Mitarbeiter. Diese Männer treten zu einem Komitee zusammen als einleitender lind vorbereitender Geschästsansschuß. Es wendet sich in direkter Weise an ihm wohlbekannte. in Wissenschaft und Erfahrung, aber besonders in echter Religiosität ausgezeichnete Männer mit dem Ansuchen, Projekte zur Weckung und Neubelebung des religiösen Gefühls unter den Glaubensgenossen ausznarbeiten und einznreichen. Diese Männer sollen den verschiedenen Ländern Westeuropas angehören; denn wenn auch das Nebel allgemein verbreitet ist. so sind dessen Symptome und Charaktere »licht ill allen Ländern identisch. Das vorbereitende Komitee prüft und sichtet die eingegangenen Projekte, und sobald die Auslese beendet ist, so beruft es einen allgemeinen Kongreß der westeuropäischen Judenschaft. Die Delegirten dieses Kongresses werden in den verschiedenen Ländern je nach dem Wahlmodns eines jeden Landes gewählt. Dieselben treten zusammen, berathen sich, besprechen eingehend die verschiedenen Projekte, wählen die bewährtesten, soweit sie ausführbar sind und empfehlen sie der Allgemeinheit znr Anssührung an. Sie berathschlagen ferner über die Mittel und Wege, wie die Ausführung zu bewerkstelligen sei. Der Kongreß solle sich in dem enggeschlossenen Rahmen seiner Aufgabe halten und nicht in andere Gebiete übertreten. Seine begrenzte Aufgabe ist: das Ausfuchen der Mittel und Wege, die am besten geeignet scheinen, das Erwecken und das Neubeleben des religiösen Gefühls unter den Glaubensgenossen herbeizuführen und zu fördern.

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