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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-28 · Heft 13 (28.3.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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8 lvilligt worden, und wird in diesem Jahre einer unbemittelten Braut eine Beihilfe von 300 Mark gewährt werden. Der Hauptzweck des Hilfsvereins bleibt jedoch nach wie vor „mittellose und in ihren Vermögensverhältnissen zurnckgegangene Glaubensgenossen innerhalb seines Unterstützungsbezirkes wieder erwerbsfähig zn machen lind möglichst zu erhalten." So war es im verflossenen Jahre dein Vorstände vergönnt, acht Personen mit einem Gesammtbetrage vor 4340 Mark unterstützen zn können, wodurch mancher Familienvater wieder in den Stand gesetzt wurde, seinen Erwerb und seine Arbeit sortzuführen, damit er nicht in die traurige Lage versetzt werde, seine Mitmenschen um Almosen bitten zu müssen. In 12 Jahren erhielten .6 Antragsteller zinsfreie Darlehen im Gesammtbetrage von 24379 Mark, das ist durchschnittlich jedem mehr als 430 Mark. Zn den Unterstützten gehören Wittwen und Geschäftsleute, Handwerker und kleine Kaufleute, denen es in der jetzigen Zeit schwer wurde, erwerbsfähig;n bleiben. Die Mitgliederzahl ist leider von 258 ans 251 zurückgegangen. Nach der Aufstellung des Rendanten belaufen sich die 0'innahmen des letzten Verwaltungsjahres auf 5100 Mark, denen als Ausgaben 4550 Mark gegenüberstehen. Das Vereinsvermögen ist auf 17 300 Mark angewachsen, wovon 6400 Mark in Effekten bei einer Bank niedergelegt find. An Rückzahlungen konnten 1878 Mark gebucht werden. Der Vorstand besteht aus den Herren: Lehrer a. D. Jsaac Spier-Bocholt, Vorsitzender; Fabrikant Max Weinholt-Bocholt, Stellvertreter; Fabrikant Abraham Wehl-Bocholt, Rendant; Kaufmann Louis Ostberg-Bocholt, Schriftführer; Kaufmann Hermann Kann- Mülheim (Ruhr), Kaufmann Carl Benjamin-Wesel und Kaufmann Sal. L. Franken-Emmerich, Beisitzer. Oesterreich-Ungarn. Lü Wien, 24. März. Die G emeinderathswa hlen, die in der abgelanfenen Woche stattfanden, haben jenes Resultat ergeben, das bei den skrupellosen Wahlmanövern und beispiellosem Terrorismus der Antisemiten gegenüber der Lauheit der schwächeren Parteien (fortschrittlichen und Sozialdemokraten) zu erwarten war: vollständiges Durchdringen der Christlich-Sozialen! — Daß die Christlich- Sozialen ganz saubere Elemente aufweisen, beweist neuerdings me Gerichtsverhandlung im streng katholischen Salzburg, wo sich der Leiter einer Volksschule unter der schweren Anklage grober sittlicher verbrechen befand, und demgemäß auch zn einer schweren Kerkerhaft umi acht Monaten verurtheilt wurde. — Zn außerordentlichen Professoren sind ernannt worden in der hiesigen medizinischen Fakultät die Privatdozenten Dr. Julius Mannaberg und Dr. Siegmnnd vrend. — Das Auftreten des Innsbrucker Professors Wahrmund rregt allgemeines Aufsehen, aber auch einen Rattenkönig von Mißcrständnissen. So schreibt der Wiener Korrespondent der „Kölnischen dolkszeitung": „Wahrmund galt immer als Antisemit und Anäuger einer politischen Richtung, die zwischen Deutscher Volkspartei -ud christlich-sozial pendelte." Nun will aber das Unglück, daß -uichzeitig das „Wiener Vaterland" von einem „echt jüdischen lusinnen" Wahrmunds spricht; beide entgegengesetzten Charakterisinngen sind in ein und demselben Artikel der „Köln. Volksztg." zu b'n. so daß selbst der gläubigste Katholik in schlimme Verlegenheit -mint, ob er nun Wahrmund für einen Antisemiten oder sür einen udeu halten soll. Thatsächlich ist Wahrmund der Sohn des hiesigen utisemitischen Universitätsprofessors Adolf Wahrmund, der verschiedene B gehässige Schriften gegen Juden und Judenthum geschrieben hat. Nußlaud. V-Kv Warschau, 23. März. Die »euhebräische Litteratur hat neu großen Verlust erlitten: Herr A. S. Friedberg, einer ihrer wlgr-eichsten Förderer, dessen Namen auch weit über die Grenzen uhlands hinaus einen guten Klang hatte, ist am 20. d. M. im Alter n 63 Jahren dem Tode erlegen. Die Nachricht voll dem plötzlichen Neben dieses Mannes hat hier ansrichtige Trauer wachgcrufen, denn Verblichene war nicht blos als Schriftsteller, sondern auch als Mensch, als überzeugungstreuer Jude beliebt und geachtet, und dies suchte sich anr Tage der Beisetzung durch die große Menge voll Leidnagenden, welche seinem Sarge folgte, in hervorragender Weise bemerkbar, 'riedberg hat durch sein Leben, durch unermüdliche Arbeit bewiesen, aß mehr als alle systematische Bildung, mehr als alles schablonenn'aßig ans Schulen erlernte Wissen die selbstlose Liebe zur Bildung und Wissenschaft, verbunden mit einem festen Willen, sich und Ander zn vervollkommnen, den Menschen zum Ziele führt. Nur einige^ Dateil ans dem Leben des Hingeschiedenen wollen wir hier folgen lassen. Er war in Grodno geboren lind früh verwaist. Nachdem er das dreizehnte Lebensjahr erreicht hatte, ging er zu einem Uhrmacherin die Lehre und blieb diesem Handwerk bis ins reifere Alter treu. Doch verweildete er für diesen Beruf nur die Tage; des Nachts oblag er mit unsäglichem Fleiß dem Studium des Talmuds und der hebräischen Sprache, in der er es bald zu großer Fertigkeit brachte Doch bald sah er ein, daß man nicht „zweien Göttern" dienen könne, und so entschloß er sich als 23 jähriger Mann, nachdem er schon verheirathet war, sich ganz der Litteratur zu widmen. Durch einige gelungene Publikationen lenkte er die Aufmerksamkeit des bekannten Hebraisten Abraham Maßen ans sich, der ihn zu weiterem Schaffen alleiferte. Seit damals zählte er zu den beliebtesten hebräischen Schriftstellern, und was er geschaffen, seien es Uebersetzungen oder Originalarbeiten, hat einen bleibenden und künstlerischen Werth. 1889 übertrug ihm die Regierung in Warschau das Amt eines Censors hebräischer Werke. Er gehörte abwechselnd der Redaktion des Hamelitz und der Hazefirah an. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. Im Staatspreise der Schinkelkonkurrenz hat der Negiernngsbausührer Hugo Li pp mann die Medaille im Eisenbahnbau erhalten. — Ihrer Religion nach waren von den im Jahre 1900/01 eingelieferten 5503 Zu ch th a u sgesa n gen eu 3315 oder 60,26 Prozent (im Vorjahre 3193 oder 59,88 Prozent) Evangelische, 2126 oder 38,65 Prozent (im Vorjahre 2074 oder 28,96 Prozent) Katholiken, 60 oder 1,09 Prozent (im Vorjahre 53 oder 1 Prozent) Juden und zwei (Vier- Andersgläubige. — Rektor S. Meseritz feierte am 27. d. M. sein 25 jähriges Jubiläum als wissenschaftlicher Lehrer an der Schule der jüdischen Gemeinde und als Religionslehrer am hiesigen Gymnasium zum Grauen Kloster. Am Köllnischen Gymnasium ist Rektor Meseritz seit zwanzig Jahren Neligionslehrer. — In Ostrowo wurde Oekonomierath Goldstein einstimmig zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. — Der vor der Strafkammer Glog an angesetzte Termin gegen den Grafen Pückl er-Ktein-Tschirne wegen Zerstörung einer Feldbahn ist vertagt worden, da Graf Pückler trotz ordnungsmäßiger Ladung zweimal nicht erschienen war. Der Gerichtshof beschloß, den Grafen Pückler verhaften zu lassen. — Die sächsischen Antisemiten gedenken bei den nächsten Neichstagswahlen die drei Kreise, die jetzt von ihr vertreten werden, nämlich den dritten (Bantzen), achten (Pirna) und zehnten (Meißen) zu behaupten. Außerdem sollen in dem vierten (Dresden), dem sechsten (Dresden-Land), dem zwölften (Leipzig), dem vierzehnten (Borna) und dem einundzwanzigsten Kreise (Annaberg) Kandidaten aufgestellt werden. Für einige andere Kreise steht es noch nicht vollkommen fest, ob man eigene Kandidaturen proklamiren wird. — Am 11. d. M. und den vorhergehenden Tagen fand im israelitischen Seminar zu Kassel die Entlassungsprüfung statt. Sännntliche sieben Abiturienten bestanden die sich von 8'P Uhr morgens bis 8v» Uhr Abends ausdehnende mündliche Prüfung. —Im Herzogthum Meiningen sind schon seit Jahren jüdische Richter und Finanzbeamte augestellt worden, Gymnasiallehrer aber bisher nie, und man glaubte, die Schulbehörde habe ein Bedenken dagegen. Daß dies aber nicht der Fall oder nicht mehr der Fall ist, zeigt jetzt die Anstellung des Philologen Dr. Al o ritz Köhler als Oberlehrer an der Realschule zn Sounebe r g. Köhler war bisher an der Erziehungsanstalt Friedrichsdors bei Frankfurt a.M. beschäftigt,ist abergeborenerMeininger. -- Im Jahre 1895 wurde in London von Oberst Goldsmid eine eine jüdische „Kinderbrigade" gegründet, in welcher die Kinder zu soldatischer Strammheit erzogen und zu tüchtigen Turnern herangebildet werden. Gegenwärtig gehören 4000 Kinder der Brigade an. Die Erhaltung dieser Institution kostet 4000 Pfund jährlich. Jüngst wurde in London ein großer Ball veranstaltet, dessen Nemerträgniß — 3532 Pfund — dieser Institution zngesührt wurde. — Israel Abrahams, bisher ain in London, ist als Nachfolger Dr. Schechters zum Lektor für rabbinische und neuhebräische Litteratur an der Universität Cambridge ernannt worden. — Die jüdischen Einwohner der Universitätsstadt L un d haben eine Petition an den Köitig gerichtet, daß es ihnen gestattet seilt möge, eine Synagogengemeiude zn bilden. — Der russische Unterrichtsminister hat dem

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