Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 13. Allgemeine Berlin, 28. Mär? 1903. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.S M. Nedaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Dr Lu-Mg Phttippson-Konn. Verlags-Expedition: Lerlm, Jerusalemerstr. 48/49.! Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin l 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Jüdische Universitäts-Professoren. — Die Woche. - Aus der Berliner Gemeinde. — Soll dem Rabbiner eilt maßgebender Einluß in Kultusangelegenheiten znstehen? Von Dr. H. Vögelst ein in Stettin. - Die jüngsten Urtheile über das Judenthum. Von Dr. L. Lucas. — Feuilletonr Mordche Wasserträger. Von Albert Katz. - Litterarische Mittheilnrrgen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, >lus der Provinz Posen, Strehlen, Chemnitz, Hannover, Hamburg, Arankmrt a. M., Bocholt, Wien, Warschau. — Bon Nah und Fern. — Geschäft iche Notizen. Jüdische Universitäts-Professoren. Berlin, 25. März. er Fall des Professors Tr. Hermann Oppenheim, der sein Amt als Privatdozent an der Berliner Universität aufgegeben hat, weil er, obwohl ihn die Fakultät einstimmig für einen Lehrauftrag als außerordentlichen Professor vorgeschlagen hat, mehrfach zurückgesetzt worden ist, erregte dieser Tage großes Aufsehen. Es ist Thatsache — und deshalb gehört der Fall an diese Stelle — daß man gerade jüdische Gelehrte gernlmit Titularprofessuren abfindet. Professor Oppenheim hat aber mit seinem Schritt, der eine alte Wunde, die Stellung der jüdischen Universitätslehrer, bloßlegt, vollkommen Recht gethan. Ebenso charaktervoll hat vor ihm in den achtziger Jahren Professor Weigert in Leipzig gesandelt. Weigert, der noch heute als einer der ersten Pathoogen Deutschlands am Senckenbergschen Institut in Franknrt am Main wirkt, gab lieber seine Universitätsstellung ganz ins, ehe er, um einen Lehrauftrag zu erhalten, sich taufen ließ, oie sein Lehrer Cohnheim, als dessen Assistent er in Leipzig eine hervorragenden wissenschaftlichen Entdeckungen auf dem >ebiete der Bazillenkultur gemacht hat. Wie furchtbar muß erade solche Männer, die an der Spitze unserer Kultur stehen, ie durch ihr Wirken unendlichen Segen für die gesaminte Menschheit stiften, die Thatsache berühren, daß sie als Juden on den ihnen gebührenden wissenschaftlichen Stellungen auschlossen sind! Wie sehr sind aber auch von uns gerade diese Nänner zu achten, die unserm Bekenntniß und dem Glauben ihrer Väter solche Opfer bringen! Leipzig, das sich für eine der ersten Metropolen deutscher Intelligenz hält, hat keinen einzigen ordentlichen jüdischen Professor; es kostet dieser Hochburg der evangelischen Rechtgläubigst wohl schon Ueberwindung genug, daß an der Universität cinige wenige Titularprofessoren als Privatdozenten wirken, ks ist aber ferner auch bei uns in Preußen schon lange kein Keheimniß mehr, daß seit Jahren hier zu Lande kein Jude mehr ordentlicher Professor geworden ist. Man lasse sich nicht durch Namen täuschen, so sind sowohl der Jurist Friedberg in Leipzig wie der Nationalökonom Professor Robert Friedeberg in Halle, der bekannte Abgeordnete, dessen jüdische Verwandten in Berlin leben, getauft. Mit „Hört, hört!" wurde kürzlich im Reichstag die Mittheilung des Staatssekretärs von Kälter ausgenommen, daß die Universität Straßburg bei 1078 Studenten unter 72 Professoren sechs Israeliten zählt. Es ist bei dieser Gelegenheit im Reichstag von gegnerischer Seite wieder die Frage berührt worden, warum ein Jude in Straßburg Geschichte lehrt. Gemeint ist der früher in Berlin als Erzieher am Auerbach'schen Waisenhanse wirkende Professor H. Breßlau, dem seine wissenschaftliche Laufbahn wahrlich nicht leicht geworden ist. Ein jüdischer Geschichtsprofessor, — das ist ein alter Schmerz der christlichen Orthodoxie, der zu einem geschichtlichen Rückblick veranlaßt, welcher vielleicht für das ganze Martyrium heutiger jüdischer Universitätsprofessoren doch etwas Tröstliches hat. Hat doch noch der preußische Knltusiiiinister von Bethmann- Hollweg 1862 im Abgeordnetenhaus feierlich die Erklärnng abgegeben, es sei aus Rücksicht auf die Gefühle der Bevölkerung ganz unmöglich, an irgend einer preußischen Universität — außer vielleicht an den „paritätischen" Universitäten Bonn und Breslau — überhaupt jüdische Professoren anzustellen. Für das Fach Geschichte könne aber selbst an diesen „paritätischen" Universitäten nimmermehr ein Jude als Lehrer berufen werden, geschweige denn an den anderen Universitäten protestantischer Stiftung. Unter Hinweis auf diesen Stiftnngscharakter wurde noch vor vierzig Jahren jüdischen Gelehrten selbst die Erlaubniß zur Habilitation als Privatdozent untersagt. Jahrel angmußte z.B. der als langjähriger erster Vorsteher der Königsberger jüdischen Gemeinde im Vorjahre verstorbene Professor Samuel auf seine Zulassung als Privatdozent in der medizinischen Fakultät warten. Er schrieb damals seine Kampsschrist: „lieber den angeblich protestantischen Charakter der Albertina." Dabei betonte der Kultusminister der neueil Aera, v. Bethmann-Hollweg, im preußischen Landtage die hohe Achtung, die er vor einem jüdischen Philologen ivie Jakob Bernays, der sich 1848 während des freien Lustzuges in Bonn habilitirt hatte, ebenso wie vor einem Geschichtsforscher wie Philipp Jasso habe. Das Schicksal dieses Gelehrten ist ganz besonders lehrreich; Jafsö mußte, da er als Jude 1850 keine Aussichten auf die akademische Laufbahn hatte, seine Mitarbeit an den ..Nonumentn CerwÄnine llistorics" aufgegeben - und wurde nothgedrungen Mediziner, bis er 1862 in der neuen Aera doch