Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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seit einer langen Reihe von Jahren dvmizilirt und praktizirt, traf der Korporations- und Stadtverordnetenvorsteher L. Baerwald in Kosten ein und überreichte dem in seinem Heimathsorte allbeliebten und hochverehrten Sanitätsrath im Namen der Wohlthätigkeitsvereine Bikkur Cholim, Bne Brith und des Frauenvereins eine kostbare Statuette aus Bronce, einen Adoranten von Michel Angela. Sodann überreichte Herr Dr. med. Hoppe eine kostbare, vom Kreisphystkus in Wirsitz und von den Aerzten in Nakel und Mrotschen in herzlichen Worten abgesagte Adresse. Tief gerührt dankte der Jubilar für die ihm gewidmete Aufmerksamkeit. Der Stadtrath und die Stadtverordneten Nakels sandten dem Jnbilar ein Glückwunschschreiben. Zahlreiche Telegramme, Briefe, Adressen, Geschenke gaben von der großen Beliebtheit und hohen Verehrung Kunde, deren sich der Jubilar in allen Bevölkernngsschichten seines Heimathsortes erfreut. Möge dem hochverehrten Manne ein freudenreiches Greisenalter beschieden sein! m. Hamburg, 10. März. Der in London verstorbene Leonard Lewison, dessen Hinscheiden bereits gemeldet wurde, war ein geborener Hamburger, der in jüngeren Jahren als Vertreter der hiesigen Firma S. Lewisohn jr. nach Newhork ging und dort in: Verein mit seinem Bruder die Firma Lewison Brothers gründete, welche namentlich im letzten Jahrzehnt durch ihre umfangreichen Unternehmungen einen Weltruf gewann. Nicht nur durch seine Handelsbeziehungen stand der Verstorbene mit seiner Vaterstadt noch in engster Beziehung, sonder:: auch durch Unterstützung vieler Wohlthätigkeitsiustitntionen bezeugte er sein warmes Interesse für unsere Stadt. So wandte er in: letzten Jahre der Talmud-Thora-Nealschule, dem Unterstützungs- Verein für Obdachlose namhafte Summen zu, auch zeichnete er für >en Bau der neuen Gemeindesynagoge vor dem Dammthor einen erheblichen Beitrag. In Gemeinschaft mit seinen Brüdern, den Herren Julius und Adolph Lewison, stiftete er den bedeutenden Fonds für den Bau und die innere Einrichtung der jetzt in: Bau befindlichen zwei Pavillons, welche der so uothwendigen Vergrößerung des israelitischen Krankenhauses dienen sollen. Ebenso verdankt Hamburg der Munifizenz des Verstorbenen die Errichtung des Lewisonstiftes für Freiwohnungen, das er in Gemeinschaft mit seinen Brüdern zum Andenken au seine Eltern erbauen ließ. Das Andenken des Meu Wohlthäters wird in unserer Gemeinde stets ein reich gesegnetes sein. Marburg, 14. März. Einem Anträge der hiesigen Synagogeugemeiude Folge gebend, hat die Stadtvertretung beschlossen, die öffentliche jüdische Volksschule, welche bisher Societätsschule war, auf den Kommuualetat zu übernehmen. In früheren Jahren ist der gleiche Antrag verschiedentlich abgelehnt worden. Durch diese Ueberaahme erspart die jüdische Gemeinde jährlich einige Hundert Mark, ch aber zun: Nutzen der jüdischen Schule, dürste sehr fraglich ercheinen. Oesterreich - Nngn rn Wie«, 17. März. Der Polenklub führte in einer seiner letzten -itzungen vor den Ferien die Debatte über den Etat des Unterrichtsainisteriums zu Ende. Abgeordneter Domherr Gras Komorowski trat ar die Pflege des jüdischen Religionsunterrichts ein und betonte die 'flicht des Klubs, das Bemühen auf eine bessere Ausbildung der üdischen Religionslehrer zu richte:: und denselben eine entsprechende Stellung zu verschaffen. — Kürzlich ist der bekannte Kanonikus Dr. Rohling wieder aus seiner Versenkung ausgetaucht und hat ier einen Hetzvortrag über die Judenfrage gehalten. Bekanntlich hat das rühere Ministerium und der verstorbene Fürstbischof von Prag, Kardinal Schwarzenberg, Herrn Rohling die fernere Hetzthätigkeit untersagt, so aß er einige Jahre still blieb. Sollte er sich unter dem Ministerium lörber-Hartl und dem gegenwärtigen Fürstbischof von Prag sicherer ihlen? Merkwürdig, sehr merkwürdig in der That! — Einer unserer hlimmsten Gegner in Böhmen. Gustav Ernst, der Begründer des Antisemitismus in Eg er, hat sich am 2. d. M. vergiftet. Dieser Kann konnte sich getrost an die Brust schlagen und auf seinen Vetter l arl Jro sowie auf alle die antisemitischen Größen, die Eger besitzt, nnveisen und ausrusen: Da sehet, alle Diese sind mein Werk. — Heute ufird in Prag an der dortigen Universität der Legationssekretär a. D. Dr. jur. Heinrich Graf Couden Hove, ein Vetter des Statthalters von Böhmen, zum Doktor der Philosophie promovirt. Das philosophische Doktorat erwirbt sich der Graf auf Grund mehrerer von ihm veröffentlichten historischer und orientalischer Studien. Sein berühmtes Buch gegen den Antisemitismus wurde in der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthuins" eingehend gewürdigt; es hat zuerst die Aufmerksamkeit politischer und litterarischer Kreise auf den Autor gelenkt. — Auch in Ungarn hat mau mit jüdischen Preisausschreibungeu bisher kein sonderliches Glück gehabt. Schon im Jahre 1900 wurden die beiden folgenden Preisfragen ausgeschrieben, aber nicht beantwortet. Nun wird der Termin auf ein Jahr verlängert. Es handelt sich um eine Geschichte der jüdischen Litteratur von: Beginn der griechischen Periode bis^ zur Gegenwart und um eine Geschichte der Juden von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zur Gegenwart. Die Preissnmme beträgt für jedes der beiden Werke je 2500 Kronen. Beide müssen aber in ungarischer Sprache geschrieben sein. Von beiden Werken braucht aber nur der Plan eiugereicht zu werden und etwa noch die Bearbeitung einzelner Theile. Der Preis wird auf Grund dieses Entwurfes Anerkannt. — Dem Generaldirektor S. v. Herz, wurde der Titel eines Hofrathes verliehen. Frankreich. — Paris, 13. Mürz. An: 6. d. M. -4st hier im Alter von 76 Jahren nach langen und schweren Leiden der Direktor der ^rebi vo^ Israötiles, Isidore Ca Heu, gestorben. In dein Dahingeschiedenen verliert die jüdische Presse einen ihrer eifrigsten und würdigstell Vertreter. Sein Vater Samuel Cahen, der Herausgeber des erste:: französischen Bibelwerkes, begründete im Jahre 1840, die Zeitschrift als das Organ des fortschrittlichen Judenthums. Nach einer kurzen Lehrzeit als Professor der Philosophie an einem College in der Vendöe. wo psäsfische Unduldsamkeit ihn aus dem Amte verdrängte, folgte Isidore Caheu, der sich bereits als Mitarbeiter großer Tagesblätter wie des „Journal des Debats", „Temps" u. a. seine journalistischen Sporen erworben hatte, ihm in diesem Berufe. Vierzig Jahre lang leitete er das Blatt im Geiste seine Vaters, d. h. in den: Geiste aufrichtiger und inniger Liebe zun: Jndenthum und im Sinne einer gedeihlichen Kulturentwickelnng desselben. Der Tod eines so ausgezeichneten jüdischen Journalisten, der sich allgemeiner Achtung auch in nichtjüdischen Kreisen erfreute, wird von seinen Berussgenossen in der ganzen Welt als ein großer Verlust angesehen werden. An: 9. d. M. fand das Leichenbegängnis; statt. Der Grand Nabbin von Paris, Drehfuß, und der gegenwärtige Chefredakteur der A. I. H. Prague, hielten die Grabreden, in denen sie den Persönlichen Charakter und die geistige Bedeutung des Dahingeschiedenen in warmen Worten schilderten, dessen Andenken ein gesegnetes bleiben wird. (Auch wir widmen den: edlen Mitkämpfer für unsere gemeinsame Sache den Zoll treuer Erinnerung. Ehre seinem Andenken! Die Redaktion.) Nußland. Moskau, 13. März. Am 14./27. Februar verschied in Nossienh (Gouv. Kowuo) der Kronsrabbiner des gleichnamigen Stadt- und Landkreises Abraham Joffe im 65. Lebensjahre. Ans einer achtbaren, gebildeten Familie stammend und in Elternhanse gründlich in der Gottesgelahrtheit und hebräischen Litteratur vorbereitet, bezog er mit sechzehn Jahren das später von der Regierung aufgehobene Nabbinerseminar in Wilna. Nach Abschluß seiner Studier: war er eine Zeit lang als Lehrer in Grodno thätig und wurde dam: als Rabbiner nach Rossieny berufen, welches Amt er volle 38 Jahre verwaltete, seiner Gemeinde ein treuer Seelsorger und beredter Prediger, der zahlreichen armen Bevölkerung seines Wirkungskreises ein stets hilfsbereiter, selbstloser Berather und Wohlthäter. In dem Dahingeschiedeueu hat die russische Judeuschast einen der hier zu Lande immer seltener werdenden Repräsentanten des Rabbinats verloren welche vortreffliche Herzensgabeu und gute Allgemeinbildung mit gediegenem jüdischen Wissen vereinigen. Ehre seinem Andenken. Von Nah und Fern. Die Akademie der Künste hat in dem für jüdische Maler aller Fächer ausgeschriebenen Wettbewerb um das Stipendium der Ersten Michael Beer'schen Stiftung im Betrage von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien den Preis dem Maler David Moses (genannt Mose) aus Wien, zur Zeit in Venedig, verliehen. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Redakteurs der