Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1^4 doch den Redlichen betrachte — eine Zukunft hat der Mann des Friedens." Die religiöse Auffassung der in dein Buche Esther dargestellten Wendung der Dinge, so berechtigt sie auch ist, weil in der Geschichte des menschlichen Lebens die großen Entscheidungen im letzten Ende auf Gottes Wirkungen zurückzuführen sind, fo mußte sie doch die kritische Betrachtung auf das^ bekannte Problem von dem fehlenden Gottesnamen in diesem'. Buche führen und so dasselbe in einem Widerspruch erscheinen lassen, der bei allen mehr oder weniger glücklichen Lösuugsversuchen noch immer nicht ganz aufgeklärt ist. In diesem Buche sollte uns aber einmal, abweichend von der Methode jder anderen biblischen Bücher, ohne jede Betonung des Uebernatürlichen das rein Menschliche, das rein Moralische in seiner natürlichen Kraft und Wirkung aufgezeigt werden. Der vielseitige und vorurtheilsfreie Geist der Bibel schuf neben den zahlreichen Büchern, in denen er auf Gottes Wirkungen hinweist, in dein Buche Esther ein Werk, das das rein weltliche Lebe» der Menschen in seinen auf- und niedersteigenden Kräften nach den Motiven des moralisch Guten und Bösen vorführt, um uns zu zeigen, wie dieses letztere in seiner alles zersetzenden und sich selbst zerstörenden Wirkung, wie sie in Haman in die Erscheinnng tritt, sich selbst den Untergang bereitet, während jenes vermittest seiner staats- und geseüschaftserhaltenden Kraft, wie sie Mordechai mit seinen bürgerlichen und patriotischen Tugenden repräsentirt, alle nationalen und religiösen Vorurtheile überwindet und zum Triumphe der allgemeinen Anerkennnng gelangt. Das Purimfest und die Begebenheiten, auf die es sich gründet, sind auch in der Gegenwart — mit einigen nöthigen Abänderungen — eine aktuelle Erscheinung. Denn es vergeht kein Jahr, in welchem nicht in dem einen oder dem anderen Lande die Inden u In Haman durch feindselige, falsche Verdächtigungen oder gar völlige Aberkennung ihres Patriotismus, durch haarsträubende ruchlose Angriffe ans die Reinheit und Lauterkeit der jüdischen Religion und Ethik in die peinlichste Lage versetzt werden; aber es vergeht auch kein Jahr, wo nicht andererseits solche Verdächtigungen und Angriffe durch offene und frei bekundete Achtung und Werthschätznng von Juden seitens gesinnungstüchtiger Charaktere, die sich von dem falschen Spiel und den böswilligen Wühlereien der Judenfeinde angeekelt fühlen, und deren Lügengewebe vor aller Welt aufdecken. Jmponirend muß daher der überlegene ruhige, selbstbewußte und vertrauensvolle Ton des Buches Esther ans uns wirken, der eine unerschütterliche Zuversicht bekundet auf eine günstige Lösung des von der Bosheit geschürzten Knotens durch eine höhere Fügung, der ein nimmer wankendes Vertrauen setzt in den obsiegenden Ausgang der gerechten Sache. Weil aber dieser Geist des Buches so stark, so selbstbewußt und vertrauensvoll ist, darum erzählt er von Haman und seinem Treiben nicht keifend, schimpfend und fluchend, sondern fast mitleidsvoll als von einem traurigen Opfer der Verblendung, der maßlosen Eitelkeit und des hochmüthigen Dünkels. Darin liegt das Versöhnende in den krassen Schroffheiten der Situationen, wie dort in den Begebenheiten, von denen uns „die Rolle Esther" erzählt, so auch in den Begebenheiten unserer Zeit, die der künftige Geschichtsschreiber dieses Kapitels der Gegenwart wohl nicht anders als das Werk trauriger Verirrungen darstellen wird. Berlin, 19. März. (§)vVs>"och einmal vor den Ferien hat Herr Liebermann v. Sonnenberg das Bedürfniß gefühlt, im Reichstag (2^ seine stereotype Judenrede loszulassen über das liebliche Thema vom Ritualmord. Da der Herr Abgeordneter ist und gegen den Landrath des Messer Kreises, der gegen das Märchen vom Ritualmord aufgetreten ist, in seiner bekannten Weise zu Felde zog, hätte es wohl nicht geschadet, wenn ein Regierungsvertreter, obwohl man sich im Reichstage befand, sich herbeigelassen hätte, den Landrath gegen die Albernheiten des Ahlwardtgenossen vor dem Lande zu vertreten. Dies geschah aber nicht. Der Antisemitenhäuptling sagte u. a. : „Ich komme jetzt nicht auf den Fall Könitz zurück, dazu wird Zeit sei» bei Berathung der dazu eingegangenen Petition. Ich muh aber zurückkommen auf meine Bemerkungen über den konfessionellen Eid und die Stellung eines Gießener Richters zum Eide der Juden. Darüber hat der Gleiwitzer Rabbiner einen offenen Brief an mich gerichtet und unter Berufung seines Gottes beschworen, daß der jüdischen Religion der Ritualmord fremd sei. Der Herr Rabbiner hat meine Rede sicher nicht gelesen, ich habe nie gesagt, daß die jüdische Religion den Nitualmord verlange — dazu brauchte er den Namen seines Gottes nicht durch den Schmutz der Zeitungen zu schleppen! Er sagte übrigens, er schwöre ohne reservatio mentalis, also scheint es doch, als ob die Juden auch gelegentlich mit reservatio mentalis schwören. Die Behauptung des Rabbiners über die Seltenheit von Meineiden bei Juden steht im Widerspruch mit der Statistik eines Herrn Lux und mit den Angaben, die in den Schriften des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, also unter dem Protektorate unseres Kollegen Rickert, enthalten sind. Der Herr Rabbiner hat eine Entschuldigung in dem vererbten Nnfehlbarkeitsdünkel, aber was soll man davon denken, wenn Christen — darunter ein Professor der Theologie — dem Rabbiner Münz Anerkennungsschreiben dafür einsenden, daß der jüdische Eid dem christlichen vorzuziehen sei? Was soll man vollends dazu sagen, daß ein Preußischer Landrath den Kreiseingeseffenen den Brief dieses Rabbiners mit außerordentlich lobenden Worte» anempfiehlt, damit sie erkennen, daß die jüdische Religion keinen Ritualmord kenne? Ich kann mir das Verhalten des Landraths nur so erklären, daß seine Nerven durch Ueberarbeitnng stark gelitten haben, und ich möchte ihm empfehlen, einen Erholungsurlaub auf so lange Zeit nachzusucheii, bis er wieder völlig hergestellt ist." Die Bemerkung des Gießener Richters über den Judeneid scheint den Herren doch sehr weh gethan zu haben. Denn der Abgeordnete Köhler hat sogar deshalb eine Interpellation im hessischen Landtage eiugebracht. Allerdings hatte er damit keinen Erfolg, denn der hessische Justizminister lehnte es ab, den betreffenden Richter, dem übrigens vor einem Jahre von einem jüdischen Anwalt Antisemitismus vorgewvrsen wurde, zu rektisiziren, und die Majorität der Kammer schloß sich diesem Votum an, da sie die kleinlichen Nörgeleien der antisemitischen Abgeordneten längst mißbilligt. Sehr zu rechter Zeit kommt übrigens die Erinnerung an eine Aeußerung des vor einigen Jahren verstorbenen Landgerichts Präsidenten Leopold v. Kunowski zu Breslau, eines Hoch konservativen und Anhängers von Stöcker, der 50 Jahre in ver schiedenen richterlichen Stellungen in Oberschlesien, Sachsen Ostpreußen, Westfalen und Westprenßen gewirkt hat, also die Bevölkerung vieler Provinzen als Richter, insbesondere ihr Verhalten zum Eide, genau wie kaum Jemand kennen gelernt hat. Seite 98 seines bekannten Buches „Wird die Sozialdemokratie siegen?" (erschienen in 6. Auflage bei Velhagen u. Klasing im Jahre 1891) heißt es: „ . . . Auch muß bei offenem Äuge zugegeben werden, daß em großer Theil dieser Bevölkerung (nämlich der jüdischen) »eben einem