Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 hielt die allgemein ergreifende Trauerrede. Durch die Gründung der Pensionskasse des „Vereins Israelitischer Lehrer im ehemaligen Herzogthum Nassau", dessen Vorsitz Traub in den letzten Jahren führte, hat er sich ein Denkmal gesetzt, welches den Namen des Verstorbenen stets verherrlichen wird. Vorzugsweise seine Bemühungen waren §s, durch welche die Kasse ans ihre heutige Höhe gebracht wurde. All Namen des Vereins sprach Herr Kantor Nußbaum herzliche Dankesworte. Herr Capell, der Kollege des Dahingeschiedenen, rief seinem Freunde sinnige Abschiedsworte nach. Am Grabe dankte noch Herr, S. Heß, erster Vorsteher der hiesigen Kultusgemeinde, dem Entschlafenen für sein pflichttreues, segensreiches Wirken. Der Verblichene hinterläßt zwei erwachsene Söhne. Das Andenken des Frommen bleibt zum Segen. Geste rreiä» - Unsa ru Wien, 10. März. Die famose Interpellation des Abgeordneten Eisenkolb hat sich nun auch wieder wie alle ähnlichen Beschuldigungen als ein gewöhnlicher Tratsch — wahrlich unwürdig eines Volksvertreters ist es. derartiges vorzubringen — entpnppt. Das Dienstmädchen, das vom Anssiger Abgeordneten so gern zum Opfer eines Nitualmordes verwendet worden wäre, ist nun tatsächlich als Leiche aus der Elbe gezogen worden, in das sie, um der Schande zu entgehen, sich gestürzt hatte. Also wieder nichts! — Der Badener Defraudant Wastl, ein Agitator der Antisemiten, der Stenergelder in enormer Höhe unterschlagen und mit antisemitischen Genossen den Raub verjubelte, wurde zu fünf Jahren schweren Kerkers verurtheilt- — Dr. Heinrich Meyer Cohn ans Berlin hat hier in der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union" einen sehr interessanten Vortrag über „Rechte und Pflichten der Juden" gehalten, der großen Eindruck machte. Der Redner sagte nämlich den hiesigen Juden einmal so recht von Herzen die Wahrheit -- und da sie das leider so selten hörten, so machte es Eindruck. Schade nur, daß hier auch solche Eindrücke nur wie Strohfener verfliegen. — Der Kaiser hat dem Privast dozenten für Geschichte der Neuzeit an der Lemberger Universität, Dn Si.mon Asken azy. den Titel eines außerordentlichen Universitäts- Professors verliehen. -- Die Jury für das in großem Stile in Bn dapest anznfertigende Königin Elisabeth-Denkmal hatte beschlossen, drei gleichwerthige erste Preise von je 10000 Kronen zu vertheilen. Dieser Tage hät nun die Jury einen davon dein jüdischen Bildhauer Eduard T e lcs zuerkannt. — In Sarajewo ist am 3. d. M. derOberrabbiner von Bosnien, Abraham Abinun, allgemein betrauert, gestorben. Durch seinen Heimgang erleidet die gesammte spaniolische Bevölkerung des Landes einenunersetzlichen Verlust. Er trat zuerst in Travnik eine Nabbiuerstelle au. wo er durch 28 Jahre wirkte, und als vor 14 Jahren der Oberrabbiner Finzi in Sarajewo starb, fiel die Wahl aus Abinun. Wie segensreich er wirkte, dafür dürfte der beste Beweis sein, daß er im Jahre 1898 durch den Frauz- Iosess-Orden ausgezeichnet wurde. Nicht blos aus Sarajewo, sondern auch von auswärts waren Tausende erschienen, die dem hochverehrten Manne das letzte Geleite gaben. Aus Travnik, der erstell Stätte seines Wirkens, kam ein Extrazug mit Trauergästeu au. Nachdem der spaniolische Religiouslehrer Romano die üblichen Tranergebete verrichtet hatte, hielt der Rabbiner der aschkenasischen Kultnsgemeinde Dr. S. Wessel eine ergreifende Gedächtnißrede. Dem Begräbniß wohnten die höchsten Zivil- und geistlichen Behörden der Stadt bei. Das Andenken des vortrefflichen Mannes wird in seinem Kreise fortleben. Großbritannien. o. London, 6. März. Gestern ist hier, wo er znm Besuche seiner Tochter weilte, der bekannte amerikanische Philantrop Leonhard Lewisohn im 54. Lebensjahre gestorben. Er war der Präsident der New-Uorker „United Metall Selling Company". Er weilte auf kurze Zeit in London, wurde von der Influenza ergriffen und starb nach zweitägiger Krankheit an Lungenentzündung. Lewisohn hinterläßt ein kolossales Vermögen, das auf 80 bis 120 Millionen Mark geschätzt wird. Seine Laufbahn ist sehr merkwürdig. Er ist in Hamburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren. Als Neunzehnjähriger wollte er sein Glück in der Welt versuchen und begab sich nach Newyork, lvo er den Grund zn der später sehr bekannten Firma Lewisohn Brothers legte. Bald nach seiner Niederlassung kam sein jüngerer Bruder auch hinüber, und Beide betrieben schließlich ein Riesengeschäft. Vor zwei Jahren wurde der Theil desselben, der sich mit Metall befaßte, der „Vereinigten Metall-Verkaufsgesellschaft" übertragen, deren Vorsitzender Leonhard Lewisohn wurde. Die Ausdehnung der Thätigkeit dieser Gesellschaft kann man daran ermessen, daß sie den Verkauf allen Kupfers in den Vereinigten Staaten kontrolirte. Vor einemIhalben Jahre zog sich Lewisohn wegen seiner schlechten Gesundheit vorstde thatsächlichen Oberaufsicht des Geschäfts zurück. Seither lebte er^nn Werken der Wohlthätigkeit. die er in wahrhaft großartiger Weis? aussührle: Sein letztes Werk war die Spende von 50 000 Dollars fü das „Jüdisch-theologische Seminar" in Newyork. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. Gegen den flüchtigen, früheren Redakteur der „ Staatsbürger - Zeitung" Otto Böckler ist jetzt voll der hiesigen Staatsanwaltschaft ein Haftbefehl erlassen worden. — Polizeilich aufgelöst wurde an 7. d. M. eine nach Kellers Festsälen. Koppenstraße, einbernfene antisemitische Versammlung, in der zum Ueberfluß der famose Grat Pückler ans Klein-Tschirne seine Tiraden zum Besten gab. De gräfliche Antisemitenhäuptling hatte gerade etwa zehn Minuten lam; gesprochen, als er den Satz vom Stapel ließ: „Und nun müssen wic den Anfang machen mit der Keilerei. Aller Anfang ist schwer Aber wenn Euch so ein „Jndenkerl" begegnet, dann müßt Ihr ihn verhallen . . .!" Bei dieser Philippika erhob sich der überwachend«? Polizeibeamte und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da > gleiche Schicksal hatte eine Versammlung am 9. d. M., in der Gra Pückler eine Fortsetzung seines unterbrochenen Vortrages geben wollte Er sprach über das Thema: „Bürger Berlins, seid auf der Hut! Dabei forderte er ganz unverblümt zu einem Sturme ans die verjndeü Reichsbank und zur Ansquartirung aller jüdischen Miether ans was den überwachenden Polizeileutnant bewog, die Versammlung anszulösen. — Bei der jüngst stattgehabten Repräsentantenwahl in der Gemeinde Rogasen wurden die Herren I. Tännchen E. Basch, D. Katz. Jacob Nawicz und Hammerschmidt gewählt. - Neulich starb in Bromberg der Partikulier Hermann Blumenthal Derselbe gehörte fast 30 Jahre hindurch dem dortigen Repräsentanten kolleginm all. —Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Jan nowitz hat beschlossen, zur Deckung des 3000 Mark betragenden AuSgabeetat - 100 Prozent der Staatseinkommenstener als Gemeindeabgabe zu er heben. — Rabbiner S. Waeldler in Schön lanke beging kürzlich seineil 70. Geburtstag. — Kaufmann Nosenbaum in Crone a. B, ist zum Nepräsentantenvorsteher daselbst neugewählt worden. — Dü Stadtverordneten in Hollub haben den Kaufmann Samuel Hirsch daselbst zum ersten Vorsitzenden gewählt. — Zum Hilfsprediger und Dirigenten der Religionsschule in Magdeburg wurde Rabbiner Dr. Grzymich gewählt; derselbe ist Schüler des Breslauer Seminar- und zur Zeit Religiouslehrer in Schneidemühl. — Den Rang de Räthe IV. Klaffe haben erhalten die Professoren Joses Herz und Dr. B. Kuttner an der Realschule der israelitischen Gemeind» lPhilanthropin) zu Fransurt a. M. — In Frankfurt a. M. ist am 8. dr M. im Alter von 69 Jahren Kommerzienrath Marcu M. Goldschmidt nach längerer Kränklichkeit einem akuten Lungen leiden erlegen. Er war Theilhaber des alten und angesehenen Bankhause Moritz B. Goldschmidt und nahm in der Handelswelt eine maßgebend und einflußreiche Stellung ein. Er besaß aber auch eine tiefe und viel festige Bildung, und alle Bestrebungen der künstlerischen und wissenschaftlichen Zwecke fanden bei ihm werkthätige Beförderung. Ebenst entfaltete er eine große Wohlthätigkeit. Ehre seinem Andenken! - Aus Paris wird telegraphirt: In Montmartre wurde eine alteisraw litische Frau in ihrem Altwarengeschäft erdrosselt ansgefunden. Der Mord ist am Hellen Tage geschehen. Man fahndet nach einem jungen blonden Manne, welcher kurz vorher in dem Geschäft gesehen worden war.— Ein ilsternationaler Antisemitenkongreß wird vom 14. bis zm« 18. April d. I. in Algier tagen. Es soll darüber beratheil werden wie denl „jüdischen Einfluß in aller Welt" gesteuert werden könnte.- JnTange r ist Abraham S. Farache der langjährige portugiesische Konsularagent in Mogador, gestorben. — Der Gouverneur von Bombay hat S. M. Moses daselbst zum Mitglied des gesetzgebenden Konzils ans zwei Jahre ernannt. — In San Francisko ist iw 57. Lebensjahre ein angesehener Veteran, David Woolf, gestorben der alle Kämpfe der Union in den letzten Jahren mit Ehren durch' gemacht hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.'