Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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l.. Stuttgart, 3. März. Anläßlich des G e b u r t s se st e s des Königs vo»r Württemberg erhielten Professor Dr. Adolf Ger st-5 mann, der Dramaturg des königlichen Hostheaters, das lliitterkreuz) zweiter Klasse des Friedrichsordens. Hofbankdirektor Geheimer Hofrath Eduard Kanlla des Ritterkreuz des Kronenordeus rnit dem Löwen, Hofrath Arthur Kanlla das Ritterkreuz des Ordens der Württembergischeu Krone; Fabrikant Heinrich Kahn wurde zum Kommerzienrath ernannt. Oesterreich-Ungar«. HI Wien, 3. März. Erzherzog Rainer empfing heute aus Anlaß seilier goldenen Hochzeit eine Glückwunschdeputation der Wiener" israelitischen Knltusgemeinde. Ans eine Ansprache des Führers der Deputation, des Advokaten Dr. Stern, antwortete der Erzherzog Folgendes: „Ja. Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich ungerechtfertigt. Wir beten alle zu einem Gotte, wir in unseren Gotteshäusern. Sie in Ihren Synagogen, und wir sind alle Oesterreicher ohne Unterschied der Nation und Konfession. Nur Einigkeit macht stark, und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." — Der alldeutsche Abgeordnete Dr. Eisenkolb, der mit Hilfe der Juden in Aussig-—Teplitz gewählt wurde, hat nun auch einen „Nitnalmord" entdeckt und dieserhalb im Neichsrath interpellirt. In Aussig ist die Magd eines jüdischen Kaufmanns verschwunden; wie es scheint, hat sie den Tod freiwillig in der Elbe gesucht, weil ihr Liebhaber sie verlassen halte. Aber das alles genirt der alldeutschen Moral nicht — die Juden müssen unter dem Schutz der Immunität verdächtigt werden! — Bei dem Leichenbegängnisse der Mutter des czechischen Dichters Machar wurde Professor Masaryk vom Pöbel beschwipst und seines Verhaltens in der Hilsnerasfäre wegen mit Judenknecht und Aehnlichem belegt; die Aktion soll vom Kaplan in Brandts, wo das Leichenbegängnis stattfand, iuszeuirt worden sein. Der Dichter Mackar veröffentlicht nun ein offenes Schreiben an den Prager Fürsterzbischos Baron Skrbensky. in welchem er diesem die bittersten Wahrheiten sagt. — In Olmütz wurde Dr. Oppenheim nun definitiv als Rabbiner angestellt, und in Franzensbad wurde Dr. Isaak Folk mann zum Seelsorger gewählt. — Der König hat dem Grundbesitzer und Großhändler Josef Lickten st ein in Miskolcz sowie dessen gesetzlicheil Nachkommen in Anerkennung der vom Genannten auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten und der Bolkswirthschast entwickelten erfolgreichen Thatigkeit den ungarischen Adel mit dem Prädikat „Homrogdi" verliehen. — Das Organ des Dr. Baxa „Radikalni Listy" veröffentlichte am 19. Februar d.J. folgende Notiz: „Wie wir erfahren, hat sich Leopold Hilsner in der Strafanstalt Pankratz zu einem Verhör gemeldet und um Wiederaufnahme des Verfahrens gebeten. Er sei bereit, seine Mitschuldigen zu nennen. Der Vorgang erregt in der Pankratzer Strafanstalt großes Aussehen, und cs sind den Justizwachleuten sogar Einzelheiten des Geständnisses bekannt. Von der Verwaltung ist den Leuten strengste Geheimhaltung aufgetragen. Hilsner soll gehofft haben, daß ihm seine Glaubensgenossen Hilfe bringen werden, und da er sich enttäuscht sah, schritt er zum Geständniß." Selbstverständlich hat sich das Ganze wiederum als ein großer antisemitischer Humbug heransgestellt. Selbst die Prager „Narodni Listy" mußten melden : „Wir erfahren aus vollständig verläßlicher Quelle, daß au der Nachricht von einem augeblichen Geständnisse Hilsuers kein wahres Wort ist. Auch die Staatsanwaltschaft hat keine Schritte in dieser Beziehung unternommen." Schweden. Stockholm, 3. März. Dem allgemeinen verehrten und beliebten Rabbiner unserer Gemeinde. Professor Dr. Gottlieb Klein, sind anläßlich seines 25jährigen Amtsjudiläums am 18. v. M. Ehrungen herzlichster und seltener Art dargebracht worden. Nachdem ein all lioe aus Gemeindemitgliedern gebildeter Chor, dann der Synagogenchor den Jubilar begrüßt, der Vorstand der Gemeinde und Vertreter der verschiedenen Vereitle in Ansprachen und Adressen ihre Glückwünsche gewidmet halten, erschien um 10^ Uhr der Kammerherr von Zelsing, um im Aufträge des Königs den höchsten schwedischen Orden, den Nordsternorden, zu überreiche». Dieser erneute Beweis der huldvollen Zugeneigtheit, mit welcher König Oskar Herr»! Rabbiner Dr. Klein seit Jahren beehrt, erregte in der ganzen Stadt doppeltes Aufsehen, da diese Auszeichnung an sich sehr selten verliehen wird und ans solchem Anlasse überhaupt noch nicht verliehen worden ist. Der von dem Jubilar begründete, aus eingewanderten Russen und Polen bestehende Talmud Thoraverein widmete einen silbernen Pokal mit Inschrift, das gleiche Geschenk der evangelische Geistliche Dr. Fries, einer der hervorragendsten Gelehrten Schwedens. Der Bischof von Schweden sandte folgenden telegraphischen Glückwunsch: oplimo t'ou5ta yuaevis ne laeta optnus liollw Aratuloi'. multos amws. Albertus Jitter." Tags über trafen in überreicher Menge Blumenspenden, andere Angebinde, Briefe und Telegramme ein. Am Abend versammelte ein von der Gattin, der Frau Rabbiner, bereiteter Festakt zahlreiche illnstre Theiluehmer, darunter den Hofmarschall Grafen Fröhlich, im Hause des Jubilars. Nach dem Präsidenten des Gemeinde- Vorstandes, Herrn Dr. M. Nubenson, toasteten die drei evangelischen Geistlichen Dr. Fries, Dr. Bergmann und Dr. Strandest auf Herrn Dr. Klein, welcher aus alle diese Kundgebungen der Liebe und Verehrung mit dern Bibelworte Genesis 32, 10 erwiederte. Von Nah und Fern. — In der Magistratssitzung vom 28. v. M. wurde der Hilfslehrer- Richard Cohn, ein Enkel des bekannten Rektors Horwitz, zum Oberlehrer am Friedrichsgymuasium gewählt. — Im Alter von 66 Jahren ist hier am 1. d. M. der Sauitätsrath Dr. Kraft nach langem und schwerem Leiden gestorben. — Der König von Dänemark verlieh dern Direktor des Nesidenztheaters Siegmund La uten bürg das Ritterkreuz des Danebrog-Ordens. — Von der Strafkammer in Könitz wurde derPolizeikommissarins Bl och wegen Körperverletzung, begangen an zwei Personen zur Zeit des Koniher Aufruhrs, unter Annahme mildernder Umstände zu 150 M. oder 30 Tagen Gesänguiß verurtheilt. Die mildernden Umstände liegen in seiner bisherigen Unbescholtenheit und in der damals herrschenden Aufregung. — Am 1. d. M. feierte der allgemein geschätzte O ekonomierath a. D. und Arntsanwalt David Gold stein in Ostr ow 0 unter allgemeiner Theilnahme seinen 70. Geburtstag. — Am 24., 25., 26. d. M. fand an der Jacobsonschule zu Seesen (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des herzoglichen Regiernugskommissars, Gymnasialdirekt 0 rPr 0 fessor Dr. Brandes aus Wolfenbüttel, die Reifeprüfung statt. 28 Schüler der ersten Klasse haben dieselbe mit Erfolg bestanden. — Bei der vom 24. bis 26. v. M. au der S a rn s 0 n sch u l e (berechtigten Realschule) in Wolfenbüttel abgehaltenen Schlußprüsung bestanden sämmtliche 30 Schüler der Klasse I und erlangten damit die Berechtigung zum einjährigen Dienst. — Der außerordentliche Professor der Philosophie Dr. Karl Joül ist zum ordentlichen Professor in der philosodhischen Fakultät an derUniversität B as el ernannt worden. Er ist 1864 in Hirschberg als Sohn des dortigen Rabbiners geboren. — In M 0dena starb Carlo Conigliani, Professor der Nationalökonomie, im Alter von 33 Jahren, Begründer der ersten italienischen zionistischen Zeitung „l'Jdea Sionista". — Gegen Ende Dezember hat das Gericht von Wilna die in den antisemitischen Unruhen, welche im Jahre 1900 in gewissen Dörfern des Gouvernements Kowno ansgebrochen waren, kompromitirten Personen abgenrtheilt. Die Angeklagten, sämmtlich Bauern, waren 113 an Zahl; unter ihnen befanden sich zwei Frauen. Das Gericht hat 50 Angeklagte zu Gefängnißstrafen, schwankend zwischen 8 Monaten und 2 Jahren, und der Aberkennung ihrer Ehrenrechte verurtheilt; 12 junge minderjährige Leute zu Gesang uißstrafen, schwankend zwischen 2 und 12 Monaten. Während des Prozesses waren die Truppen konsignirt, und die Wirthschaften hatten den Befehl erhalten, ihre Lokale zu schließen und unter keinem Vorwände alkoholische Getränke zu verkaufen. — Ueber die Arbeiten der Judenkommission wissen jetzt russische Blätter Erfreuliches zu be richten. Danach beruhen alle bisherigen Mitteilungen, die Korn Mission habe eine Reihe neuer Beschränkungen für die Inden beschlossen auf Erfindung. Die Kommission habe im Gegentheil den Juden eine Anzahl neuer Rechte eingeräumt und ihnen namentlich den Aufenthalt außerhalb des Ansiedelungsrayons unter gewissen Beschränkungen gestattet. — Die Polizei in Kiew macht bekannt, daß für die Dauer der bevorstehenden zwei Kiewer Messen Juden beiderle Gilden in Kiew dieselben Rechte wie die Christen genießen. Auch die übrigen mit ordnungsmäßigen Pässen versehenen Inden dürfen während dieser Zeit sich in den drei Kiewer Vierteln, wo die Hanptmesse sich abspielt, unbehindert aushalten. Nach Beendigung der beiden Messen haben die Juden Kiew wieder zu verlassen. Der Mohr hat dann seiru Arbeit gethan und kann wieder gehen! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.